Kolumne

Jetzt kreativ werden: Schüler trennen und jeden zweiten Tag zur Schule

Geht doch! Es scheint tatsächlich so, dass immer mehr Menschen begriffen haben, worum es gerade geht. Jetzt müssen wir kreativ werden, findet unser Redakteur Jochen Grabler.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Die Regierungen haben unsere Freiheit eingeschränkt. Dazu gab es aber keine Alternative, findet Jochen Grabler.

Geht doch! Es scheint tatsächlich so, dass immer mehr Menschen begriffen haben, worum es gerade geht. Im Park: keine größeren Gruppen. Auf den Straßen: Paare, Familien, und wenn man mal einen trifft, dann wird halt mit Distanz geredet. Auf dem Wochenmarkt: große Vorsicht, die beiden älteren Damen beim Schwatz stehen 1,5 Meter auseinander. Gut so!

Vor einer Woche sah das noch anders aus. Wir alle haben gelernt. Aber es reicht nicht. Noch nicht. Wir müssen weiter dazulernen. Nun also gilt bundesweit: nicht mehr als zwei Personen im öffentlichen Raum, und wer meint, sich jetzt immer noch nicht an die Regeln halten zu müssen, der muss mit saftigen Strafen rechnen.

Alle Einschränkungen sind notwendig

Der Staat hat eingegriffen. Mehr. Und mehr. Und immer mehr, damit Vernunft einzieht. Das ist schade. Es wäre schön gewesen, wenn die Einsicht von selbst gekommen wäre. Aber wir lernen über uns selbst: Alle Einschränkungen sind notwendig. Offenbar sind wir alle ziemlich begriffsstutzig, wenn es darum geht, unser Verhalten zu ändern. Und bei manchen ist "Begriffsstutzigkeit" noch weit untertrieben.

Die Regierungen haben unsere Freiheit eingeschränkt. Was hätten sie auch sonst machen sollen, um die Schwachen zu schützen?

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Weshalb es gerade mal eher neben der Spur ist, jetzt die ganz große Debatte zu führen. Hier und da strecken nämlich Professoren, Journalisten und Politiker den mahnenden Finger in die Höhe. Nach dem Motto: "Ganz schlecht, wie widerstandslos wir uns unsere Freiheiten nehmen lassen! Vorsicht! Demokratie in Gefahr!"

Vorsichtshalber umschiffen sie allesamt die Fragen nach Alternativen. Wie sonst hätte der Staat denn reagieren sollen? Stichwort "Abflachen der Kurve". Was ist denn mit der Bewegungsfreiheit, wenn sie das Recht auf Leben verletzt? Was wäre das für eine Freiheit, wenn wir riskieren, dass manche diese Freiheit leider nicht mehr genießen können? Die sind dann nämlich tot. Darauf gibt es auch keine Antwort der Mahner.

Es geht nicht um schwarz oder weiß!

Am schlimmsten aber ist die Schwarz-Weiß-Denke, die sich in der Hektik dieser Tage hier und da breitmacht. Genau diese Denke brauchen wir nämlich gerade gar nicht. Es geht gerade nicht um "Freiheit oder Unfreiheit", "Panik oder Lethargie", "alles verboten oder alles erlaubt", um "wir müssen jetzt alle nur noch Serien gucken" oder "wir leben wie zuvor". Es geht nicht um schwarz oder weiß!

Es geht um den Raum dazwischen. Da ist jede Menge grau. Platz für Gestaltung. Platz für Politik. Platz für Teilhabe in einer Demokratie.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Die vergangenen Tage waren eine Zeit der Exekutive, der Regierungen. Es ging nicht anders. Jetzt aber schlägt die Stunde der Zivilgesellschaft, jetzt sind Ideen diesseits von Verbotsverfügungen gefragt.

Neuer Alltag in Zeiten des Virus schaffen

Wir kommen jetzt nämlich in die nächste Phase. Wer glaubt, die Sache wäre Ostern ausgestanden und dann ist alles wie zuvor: "Träum weiter!" Wir allesamt müssen begreifen, dass der Zustand der Bedrohung vieler Leben noch Monate andauern wird. Bei dem Gedanken kann einem schon blümerant werden. "Was?! Monate?! Wie soll das denn gehen? Ohne dass die Leute durchdrehen und sich an die Gurgel gehen? Ohne dass die Wirtschaft ganz und gar zusammenbricht? Ohne, ohne ..."

Ja, ganz richtig! Genau darauf braucht es jetzt Antworten. Was tun wir, wenn die Maßnahmen greifen, wenn sich die Zahl der Erkrankten stabilisiert, wenn die Zügel wieder gelockert werden können? Nach Ostern vielleicht. Jetzt ist die Zeit, darüber nachzudenken. Jetzt ist die Zeit für Vorbereitungen. Jetzt können wir uns ausdenken, was dann dringend gebraucht wird: Eine neue Normalität. Einen neuen Alltag in Zeiten des Virus.

Jetzt brauchen wir kreative Ideen

Wir brauchen jetzt kreative Vorstellungen für den Zwischenraum zwischen schwarz und weiß. Von Ladenbesitzern, von Chefs, von Unternehmerverbänden, Gewerkschaften, Kirchen, von den vielen klugen Köpfen in diesem Land. Wenn das Virus noch da sein wird, wenn wir weiter Leben retten wollen, wie sieht diese neue Normalität aus? Wie der neue Alltag? Wir wollen keine italienischen Verhältnisse. Wir wollen nicht alle eingesperrt sein. Wir wollen nicht, dass die Wirtschaft zusammenbricht. Dann mal los!

Warum müssen die kleinen Läden komplett geschlossen haben bis zur sicheren Pleite? Können wir nicht draußen in der Schlange stehen (mit 1,5 Meter Abstand, versteht sich)? Können wir nicht Bestellungen online abgeben und huschhusch rausholen und bezahlen?

Können wir unsere Betriebe und Amtsstuben nicht virenfrei organisieren? Mit Abständen in den Büros und Werkhallen, mit Arbeitszeitregelungen, die verhindern, dass sich Menschen zu nah begegnen oder zu viele zu den Rush Hours in Bussen und Bahnen unterwegs sind?

Können nicht noch viel mehr Menschen auf‘s Rad umsteigen? Es ist Frühling!

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Können wir in Schulen und Universitäten nicht für Sicherheitsabstand sorgen? Dann gehen die Studis und Schüler vielleicht nur jeden zweiten Tag hin. Aber immerhin hocken sie nicht durchgängig daheim.

Und, und, und...

Wir leben nicht in Unfreiheit

Die Frage für die Zeit nach den härtesten Maßnahmen ist: Wie kriegen wir einen Alltag nach ein paar einfachen Prinzipien hin? Möglichst nicht mehr als zwei Personen. Möglichst nicht in geschlossenen Räumen. Möglichst wenig Begegnungen. Mindestens 1,5 Meter Sicherheitsabstand. Jede Wette, da fällt vielen Menschen was ein. Kann sein, dass vieles bei näherem Hinsehen nicht geht. Aber manches wird zu machen sein.

Darum: Wir leben mit Einschränkungen, wir leben aber nicht in Unfreiheit. Wir sind nicht "im Krieg", wie Macron gerade sagte. Da steht kein ferngesteuerter Besatzer mit Knarre im Anschlag. Wir können unsere Welt gestalten. Selbst!

Ob das klappt? Ehrlich: keine Ahnung! Es bleibt ja die Hauptaufgabe, dass wir unser Verhalten ändern. Und wir wissen, dass uns nichts schwerer fällt als das. Aber bitte: Früher sind wir unangeschnallt mit 150 Sachen über Landstraßen gebrettert und haben im Restaurant erstmal ne Kippe angesteckt, und Vati musste unterschreiben, wenn Mutti arbeiten gehen wollte. Wir haben unser Verhalten schon so oft verändert. Warum sollte das jetzt nicht gehen? Jetzt, wo es gilt.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Ganz sicher wird nicht an jeder Ecke ein Polizist stehen, der die Unvernünftigen zur Ordnung ruft. Ganz sicher werden wir das selbst machen. Freundlich, aber bestimmt.

Wäre es nicht eine sensationelle Leistung, wenn wir das Land wieder ans Laufen bekämen – trotz Corona! Während wir die Schwachen trotzdem schützen. Während wir die Krankenhäuser nicht absaufen lassen. Darauf könnten wir stolz sein.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. März 2020, 19:30 Uhr