Infografik

Alles nur Fake? Oder warum Corona immer noch schlimmer als Grippe ist

Wenig Fälle, kaum Tote: Auch in Bremen wird die Kritik an den Corona-Schutzmaßnahmen lauter. buten un binnen fasst die Kritikpunkte und den aktuellen Stand zum Virus zusammen.

Eine Krankenpflegerin geht auf einer Corona-Intensivstation mit einer Atemschutzmaske einen Gang entlang.
In Frankreich müssen aktuell wieder viele Corona-Patienten auf der Intensivstation beatmet werden. Bild: DPA | Sebastian Kahnert

Maske tragen und Abstand halten: Das gehört mittlerweile zum Alltag dazu. Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus gelten inzwischen seit mehr als einem halben Jahr in Deutschland. Doch die Kritik daran wird lauter. Erst im August waren mehrere Zehntausend Menschen in Berlin auf die Straße gegangen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Während einige die Existenz des Virus komplett leugnen, stellen andere in erster Linie die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Frage. Viele Bremerinnen und Bremer dagegen sind nachdrücklich für die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus. buten un binnen fasst die Kritik und den aktuellen Stand der Forschung zusammen.

Corona-Fälle steigen kaum an

Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Klinikum Bremen-Mitte, im Porträt.
Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Klinikum Bremen-Mitte. Bild: Klinikum Bremen-Mitte | Kerstin Hase

Ein Kritikpunkt, der immer wieder genannt wird: Angesichts der aktuell niedrigen Fallzahlen seien die Maßnahmen übertrieben. Für Martin Eikenberg, Facharzt für Hygenie und Umweltmedizin am Klinikum Bremen-Mitte, geht die Argumentation in die falsche Richtung. Nach wie vor gelte es, weitere Infektionen zu verhindern, auch wenn die Zahlen nicht hoch seien, sagt der Mediziner. "Es gibt viele Infizierte, die keine Symptome haben. Das sind häufig junge Menschen und wir müssen verhindern, dass sie dann Personen aus der Risikogruppe anstecken." Gerade dafür seien die Hygeniemaßnahmen sinnvoll.

Die Zahlen sind deshalb nicht so hoch, weil die Hygienemaßnahmen wirken.

Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Klinikum Bremen-Mitte

Auch für seinen Kollegen, den Bremer Virologen Andreas Dotzauer steht fest: "Die niedrigen Zahlen in Deutschland sind auf die Schutzmaßnahmen zurückzuführen."

Grippe-Tote versus Corona-Tote

Virologe Prof. Andreas Dotzauer sitzt in einem Schutzanzug im Labor
Der Bremer Virologa Andreass Dotzauer empfiehlt eine Impfung gegen Influenza. Bild: Universität Bremen | Kai Uwe Bohn

In der Diskussion um angemessene Schutzmaßnahmen vergleichen Kritiker häufig Corona mit einer Grippe-Erkrankung, der Influenza. In sozialen Netzwerken kursieren dazu immer wieder Zahlen, die deutlich machen sollen, dass die Grippe weitaus gefährlicher sei als das Coronavirus.

Fest steht: In der aktuellen Grippe-Saison 2019/2020, die bereits für beendet erklärt wurde, wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland bisher 434 Todesfälle mit bestätigter Influenza-Infektion an das RKI übermittelt. An Covid-19 sind laut RKI bis zum heutigen Tag 9.362 Menschen (Stand 15. September 2020) in Deutschland verstorben. Die Aussage, dass die Grippe gefährlicher sei als Corona stimme nicht, sagt Virologe Dotzauer.

Was die genauen Daten zu Todesfällen, der sogenannten Sterblichkeit, betrifft, rät Mediziner und Hygienexperte Eikenberg zur Vorsicht. Denn: Das RKI veröffentlicht nicht nur die Zahl der Todesfälle, bei denen die Grippe-Infektion vom Labor bestätigt wurde, für 2019 also die genannten 434 Verstorbenen. Das Institut schätzt auch für jeden Zeitraum der Grippewelle eine Anzahl an Toten. Diese Schätzung wird durch die sogenannte Übersterblichkeit bestimmt. Dabei beobachten Experten, wie viele Menschen in der Grippesaison im Vergleich zu den übrigen Monaten sterben. Gibt es in dieser Zeit einen Anstieg an Todesfällen, werden diese zusätzlichen Fälle der Influenza zugeordnet. "Ohne dass es da immer einen Nachweis gibt", erklärt Mediziner Eikenberg.

Bei den häufig zitierten 25.000 Todesfällen in der schweren Grippesaison 2017/2018 handelt es sich genau um so eine Schätzung durch das RKI. Die Zahl der Todesfälle bei Grippe-Infizierten, die vom Labor bestätigt wurden, lag dagegen bei 1.674 Todesfällen.

Krankheitsverlauf von Corona und Influenza

"Grippe und Corona können beide sehr schwere Erkrankungen sein, aber bei Corona haben wir deutlich schwerere Verläufe", sagt Mediziner Eikenberg. Für ihn und Virologe Dotzauer ist das Coronavirus aber noch in anderer Hinsicht gefährlicher als das Influenzavirus. Beide nennen hier die Langzeitfolgen der Erkrankung und, dass es bislang noch kaum Wissen dazu gibt: "Wir wissen noch nicht, was eigentlich mit dem Immunsystem passiert oder mit Gefäßschäden, die bei Covid-19 ja auch ganz wesentlich sind. Was wir aber bereits wissen, ist, dass andere Coronaviren das Nervensystem angreifen können", sagt Mediziner Eikenberg. Natürlich gebe es auch bei der Grippe einzelne Langzeitfolgen, "aber die spielen bei der Influenza keine so wesentliche Rolle".

Behandlungsmöglichkeiten unterschiedlich

Ein entscheidender Unterschied zwischen Grippe und Corona ist laut Eikenberg zudem die Behandelbarkeit: Die Grippe-Erkrankung könne man mit entsprechenden Medikamenten behandeln. Diese Möglichkeiten gibt es bei Erkrankungen durch das Coronavirus bislang nicht. "Bei Covid-19 ist zwar das Mittel 'Remdesivir' wirksam, aber nicht so, dass man damit die Erkrankung in den Griff bekommt. Man hofft, damit die schweren Verläufe ein wenig abmildern zu können."

Impfschutz für Corona noch in der Entwicklung

Und noch etwas spiele eine wichtige Rolle beim Grippe-Virus: Bei der Influenza kann man sich gegen die wichtigsten zu erwartenden Stämme vorher impfen lassen. Die Suche nach einem Corona-Impfstoff dauert noch an. Eikenberg und Virologe Dotzauer empfehlen in diesem Jahr allen, sich gegen die Influenza impfen zu lassen, dies "eventuell auch gegen die Lungenentzündung durch Pneumokokken" zu tun, sagt Eikenberg. Denn es sei nicht ausgeschlossen, dass man sich mit Influenza und mit Corona infiziert.

Das wäre natürlich ganz besonders schrecklich, weil die Lunge schon durch eine der beiden Krankheiten stark geschädigt wird und es dann schwer wird, das zu überleben (gemeint ist eine Co-Infektion mit Influenza und Corona Anm.d.Red.).

Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Klinikum Bremen-Mitte

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) gehen davon aus, dass es im kommenden Jahr einen Impfstoff für große Teile der Bevölkerung geben wird. Eine Impflicht solle es nicht geben, betonte Spahn am Dienstag. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssten sich in Deutschland 55 bis 65 Prozent der Bürger impfen lassen, sagte Spahn. "Wir sind sehr, sehr zuversichtlich, dass wir das Ziel einer ausreichend hohen Impfquote freiwillig erreichen."

Bedrohlicher Herbst und Winter

Den bevorstehenden Herbst und Winter sehen sowohl Virologe Dotzauer als auch Mediziner Eikenberg als Herausforderung in der aktuellen Pandemie. Denn die Zahlen könnten dann wieder steigen: "Im Winter ist die Luft generell trockener, das heißt die Schleimhäute trocknen aus und kommen ihrer natürlichen Filterfunktion nicht mehr wie im Sommer nach", erklärt Dotzauer. Dadurch werde man empfänglicher für Erreger, die über die Nase und den Mund eintreten.

Als weitere Faktoren nennt Eikenberg zudem die kühlere Witterung und die Tatsache, dass sich das Leben dann wieder mehr in die Innenräume verlagere. "Im Augenblick wissen wir noch nicht, ob es dann schlimmer wird. Es muss nicht so sein, kann es aber", so der Mediziner.

So geht richtiges Lüften in Corona-Zeiten

Video vom 9. September 2020
Zu sehen sind zwei Piktogramme, die geöffnete Fenster darstellen.
Bild: Radio Bremen

Wachsende Coronamüdigkeit

Eikenberg hofft deshalb umso mehr auf Disziplin in der Gesellschaft, was die Einhaltung der Schutzmaßnahmen betrifft: "Es geht dabei ja auch um den Respekt vor der Gesundheit anderer." Dass Menschen jetzt vermehrt die Maßnahmen in Frage stellen, ist für Eikenberg ein verständliches psychologisches Phänomen.

Ständig Angst vor etwas zu haben, in diesem Fall vor dem Coronavirus, kann man offensichtlich nicht lange aushalten. Dann denkt man auf einmal, dass das jetzt alles nicht mehr so schlimm ist. Man gewöhnt sich vielleicht auch daran.

Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Klinikum Bremen-Mitte
Ein Mann mit einem Bart lächelt in die Kamera
Benjamin Schüz forscht mit seinem Team zur Frage, welche Gedanken und Gefühle mit Corona verbunden sind. Bild: Universität Bremen

Benjamin Schüz und sein Team forschen aktuell am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen zu der Frage, was Menschen in der Corona-Pandemie bewegt. Dabei geht es unter anderem darum, welche Gedanken und Gefühle mit der aktuellen Ausnahmesituation verbunden sind, was Stress und seelische Belastung hervorruft. Bei der Einhaltung von Regeln, in diesem Fall der Schutzmaßnahmen, würden sich Menschen immer auch an ihren Mitmenschen orientieren. "Wenn es klare Regeln gibt, also zum Beispiel alle in Bus und Bahn Maske tragen, dann werde ich das wahrscheinlich auch tun", sagt Schüz. Deshalb seien klare Regeln momentan auch so wichtig. Es brauche aber noch mehr: "Die Regeln und Maßnahmen müssen auch klar begründet sein, damit sie eingehalten werden."

Und zurzeit sehen wir in den Medien kaum Menschen, die an Corona erkrankt sind, sondern vor allem diejenigen, die sich über die Einschränkungen beschweren. Das trägt natürlich dazu bei, dass die Brisanz verloren geht.

Benjamin Schüz, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen

Hinzukomme, dass die Erkrankung sehr abstrakt sei. "Und zurzeit sehen wir in den Medien kaum Menschen, die an Corona erkrankt sind, sondern vor allem diejenigen, die sich über die Einschränkungen beschweren." Das trage natürlich dazu bei, dass die Brisanz verloren gehe, sagt der Bremer Forscher. Was die gesellschaftliche Akzeptanz und die Einhaltung der Schutzmaßnahmen betrifft, gelte es aber auch eines zu bedenken: "Man kann nicht alle überzeugen."

Für Mediziner Eikenberg bleibt die Kritik an den Schutzmaßnahmen schwer nachvollziehbar: "Die Maskenpflicht, das Abstandsgebot und auch die Aufforderung zum Händewaschen: Das sind Bedingungen, die uns im Augenblick ermöglichen, in der Pandemie ein annähernd normales Leben zu führen."

Das sind die wichtigen Corona-Regeln für Bremen:

Corona Regeln in Bremen Abstand halten Maskenpflicht Veranstaltungen und Zusammenkünfte Veranstaltungen ... Reisen min. 1,5 Meter min. 2 Meter ... bis zu 250 Personen in geschlossenen Räumen Private Zusammenkünftebis zu 10 Personen Das gilt nicht für: ... bis zu 400 Personen im Freien ATTEST außerhalb der eigenen Wohnung Lebenspartner*innen, enge Verwandte und Mitbewohner*innen In öffentlichen Verkehrsmitteln und Verkaufsstätten in geschlossenen Räumen bei atmungsintensiven Tätigkeiten in geschlossenen Räumen Zusammenkünfte von höchsten zwei Haushalten Zusammenkünfte von bis zu zehn Menschen Ausgenommen sind Kinder unter sechs Jahren und Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen An allen Schulen, außer Grundschulen, außerhalb des Klassenzimmers und der Mensa 14 Tage Quarantäne für Einreisende, die innerhalb der vergangenen zwei Wochen ineinem Risikogebiet waren Quellen: 15. Coronaverordnung Bremen (02.09.) 14 TAGE

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. September 2020, 19:30 Uhr