Wer waren die Bremer Corona-Toten? Zwei Lebensgeschichten

Mehr als 400 Menschen sind in Bremen bis jetzt an oder mit Covid-19 gestorben. Hier erzählen die Angehörigen von zwei Verstorbenen aus Bremerhaven und Weyhe.

Video vom 1. April 2021
Ein Foto von dem verstorbenen Seemann Ernst Hesse und eine Urne. Beides ist geschmückt mit gelben Rosen.
Bild: Radio Bremen

Seinen Ehrgeiz, den habe sie immer bewundert, erzählt Christel Hesse von ihrem Mann Ernst. Zusammen mit ihrer Tochter Tanja sitzt die 84-Jährige im Wohnzimmer eines kleinen Reihenhauses in Bremerhaven. Stoisch sei er gewesen. Schon als sie sich kennenlernten. In Bochum 1957 war das, da ist sie 21 und in der Volkstanzgruppe. Zum ersten Mai oder anderen Feiertagen haben sie Auftritte in der Stadt. Eine Gruppe von Jungs steht immer um sie herum und feixt. Einer der Männer war Ernst, der schon damals sagte, dass er sie heiraten wolle. Damals war er gerade mal 16. Christel lässt sich erst zwei Jahre später auf ein Treffen ein. Da war er dann ja immerhin schon 18 und Christel konnte ihn nicht mehr abwimmeln.

Die Sehnsucht nach der weiten Welt

Doch Ernst Hesse will noch etwas anderes: Er will zur See. Der junge Mann aus dem Ruhrgebiet will in die weite Welt. Warum genau – das weiß niemand so genau. "Die Seefahrt war sein Leben. Mit 16 hat er sich entschlossen zur See zu fahren. Und ist auch 40 Jahre lang der Seefahrt treu geblieben und ist mit Leidenschaft Seemann gewesen," sagt seine Frau Christel Hesse. Danach sei er mit einem Kumpel nach Bremerhaven durchgebrannt und habe in einer Art Gartenlaube gewohnt.

Wenn er in Bochum ist, wirbt er um Christel, als junger Matrose bereist er die Länder und Kontinente dieser Welt. Christel ist 26, als die beiden heiraten. Schon bald kommt Tochter Tanja zur Welt. Die ersten Jahre leben sie noch in Bochum. Bis Ernst Hesse dann Anfang der 1970er das kleine Reihenhaus in Bremerhaven kauft. "Für die Kinder war das auch immer ein bisschen schwierig. Da war der Papa dann immer fremd. Da mussten sie sich dann immer erstmal an ihn gewöhnen. Als sie noch klein waren", erinnert sich Christel Hesse. Seinen Kindern hat er aber auch immer spannende Sachen aus allen Ländern mitgebracht, erzählt Tochter Tanja.

"Er war auch zufrieden mit sich selbst"

Video vom 1. April 2021
Eine Frau mit dunkelbraunen Haaren sitzt auf einem Sofa. Sie ist Tanja Hesse-Block, die Tochter eines Corona-Verstorbenen.
Bild: Radio Bremen

Ein eher ruhiger Zeitgenosse

Ernst Hesse hat viel von der Welt gesehen. Und trotzdem war er ein ruhiger Mensch – so beschreiben ihn seine Frau und Tochter. "Der konnte ganz, ganz lieb sein. Und sehr großzügig. Er konnte aber auch sehr in sich gekehrt sein. Sehr introvertiert. Und er war teilweise auch zufrieden, ja, zufrieden mit sich selbst," erzählt Tochter Tanja.

Der konnte ganz, ganz lieb sein. Und sehr großzügig. Er konnte aber auch sehr in sich gekehrt sein. Sehr introvertiert. Und er war teilweise auch zufrieden, ja, zufrieden mit sich selbst

Tanja Hesse-Bloch, Tochter von Ernst Hesse

Die Fotoalben stapeln sich auf dem Wohnzimmertisch. Fotos von überall auf der Welt: New York in den 1960ern als das World Trade Center noch nicht steht, ein junges Paar, das lächelnd an der Reling eines großen Schiffes lehnt, ein Matrose in feinster Uniform. Vierzig Jahre lang ist er zur See gefahren. Seine Frau und Töchter hat er nur alle paar Monate gesehen. Vom einfachen Matrosen steigt er auf zum Kapitän. Auf der Brücke gibt er die Kommandos. Zu Haus aber in Bremerhaven hat er nicht viel zu melden: "Mein Mann kam nach Hause und da musste ich auch erstmal sagen: Ja, pass mal auf, hier biste nicht auf der Brücke. Hier biste zu Hause. Hier bin ich die Chefin."

Ein anderes Wohnzimmer, ein anderes Schicksal

Eine andere Lebensgeschichte: Marcus Grosser habe gern im Mittelpunkt gestanden, erzählt sein Bruder Frank Grosser. Er sei immer für andere Menschen da gewesen: "Er war sozial sehr engagiert. Hat auch wirklich seine Spuren da hinterlassen in seinem Leben. War immer für andere da. Und das hat ihn, glaube ich, letztendlich ausgemacht", erinnert sich sein Bruder.

Zusammen mit seiner Ehefrau Edeltraut sitzt Frank Grosser im Wohnzimmer in Weyhe und wühlt sich durch Zeitungsartikel, Urkunden und Briefe. Marcus Grosser war nie lange weg aus Weyhe. In seiner Heimat fühlt er sich wohl. Baut hier eine Jugendorganisation auf. Bildet junge Menschen zu Jugendleiterinnen- und Leitern aus. Die Regionalpresse berichtet viel über den gelernten Krankenpfleger und die vielen Aktionen und Projekte, die er ehrenamtlich mit den jungen Menschen im Ort macht. Sogar buten un binnen begleitet ihn 2007 bei Alkoholtestkäufen mit unter 18-Jährigen im Bremer Viertel. Damit habe er dazu beigetragen, dass mit dem Thema Alkohol im Einzelhandel sensibler umgegangen wird.

"Er war immer für andere da"

Video vom 1. April 2021
Ein grauhaariger Mann schaut in eine Kamera. Es ist Frank Grosser, der Bruder eines Corona-Toten.
Bild: Radio Bremen

Fast schon wie ein Bruder

Für Edeltraut Grosser ist ihr Schwager Marcus fast schon wie ein Bruder. Marcus ist neun Jahre alt, als sich Edeltraut und Frank kennenlernen und bald heiraten. Viele Jahre wohnen sie mit ihrem Sohn zwar in getrennten Wohnungen aber im gleichen Haus mit Marcus Grosser. Dabei haben sie sich immer gegenseitig unterstützt, erzählt Edeltraut: "Er war 13 Jahre alt als unser Sohn geboren wurde. Und er hat sich auch um unseren Sohn gekümmert. Wenn Not am Mann war. Mit wickeln und allem. Das hat er alles gemacht. Das war ein ständiges Geben und Nehmen."

Sein Leben war aber auch geprägt von Krankheiten. Diabetes war nur eine. Oft musste er ins Krankenhaus. So auch im November vergangenen Jahres wegen schlechter Blutwerte. Wenig später steckt er sich dort mit dem Virus an. Besuche von da an unmöglich. Das wäre wirklich schwer für alle gewesen, plötzlich keinen persönlichen Kontakt mehr haben zu können, erzählt Bruder Frank. Wenn sie telefonieren, ist Marcus Grosser manchmal kaum zu verstehen. Das liege am Beatmungsgerät, erzählt er seinem Bruder. Er ist da noch nicht intubiert, hängt aber am Beatmungsgerät. Und wenn das nicht richtig eingestellt sei, dann könne es sein, dass das auf die Stimmbänder schlägt. Da sei ihm bewusst geworden, wie schwer der Verlauf war. Am 13. Dezember telefonieren Frank und Marcus Grosser das letzte Mal miteinander.

Erst später steckt Ernst sich mit Corona an

Auch bei Hesses ist die letzte gemeinsam Zeit lange her. Im November kommt Ernst Hesse ins Krankenhaus. Schwaches Herz. Christel hat ihren Mann zuletzt gesehen, als er ihr mit dem Rollstuhl beim Wegfahren zuwinken konnte. Erst später, vermutlich in der Kurzzeitpflege, steckt er sich mit dem Corona-Virus an. Sie habe sich da nicht viel vorgemacht, erzählt Tanja Hesse. Lungenfibrose sei nur eine seiner vielen Krankheiten gewesen. Seine Tochter erinnert sich: "Ich sag: das wird ein Wunder sein, wenn jemand mit so Vorerkrankungen das überlebt." Christel Hesse sieht ihren Mann im November das letzte Mal.

Einsamer Tod

Letztendlich war der Tod ihres Mannes ein einsamer, erzählt Christel Hesse: "Weder ins Heim konnten wir rein. Im Krankenhaus dann schon gar nicht. Und: war schade. Das war schade." Nicht nur für die Angehörigen: "Auch für meinen Mann war es unerträglich. Obwohl er eigentlich gar kein Massenmensch war, der gerne viele Leute um sich hatte. Gar nicht mal. Aber da hat er, da hat er uns doch wahrscheinlich sehr vermisst." Täglich telefonieren sie miteinander. Mindestens einmal. Sie hört, wie er abbaut und immer schwächer wird, sagt sie. Kurz nach seinem 80. Geburtstag stirbt Ernst Hesse am 13. Januar im Krankenhaus. Die Trauerfeier für ihn ist nur im engsten Familienkreis erlaubt.

Ihnen beiden fehle ein richtiger Abschluss, erzählen Christel Hesse und Tanja Hesse-Bloch. Weil Ernst Hesse an Covid-19 gestorben ist, wurde er nicht nochmal aufgebahrt. Sie konnten ihn nicht noch einmal sehen. Im April soll die Seebestattung stattfinden. Sie hoffen, dass sie dann richtig Abschied nehmen können: "Er will ja zur See. Und das bekommt er auch", steht für Christel Hesse fest.

Kein Trost bei der Beerdigung

Auch zu Marcus Grossers Beerdigung dürfen nur wenige Menschen kommen. Am 1. Januar stirbt er an Covid-19 im Krankenhaus. Drei Tage vor seinem 50. Geburtstag. Dass sie sich bei seiner Beerdigung kaum gegenseitig Trost spenden können, ist für Edeltraut Grosser besonders schlimm: "Man konnte sich nicht in den Arm nehmen und drücken oder so, seine engsten Freunde, die man ja auch alle irgendwie kennt. Und das fehlte irgendwo. Da war irgendwie diese Distanz da: Man hätte gerne aber durfte nicht."

Marcus Grosser und Ernst Hesse haben sehr unterschiedliche Leben geführt. Ihr Tod aber war ähnlich. Alleine im Krankenhaus. Sie sind zwei von mehr als 76.000 Corona-Toten in Deutschland.

So schwer ist der Kampf gegen Corona auf einer Bremer Intensivstation

Video vom 24. Februar 2021
Zwei Ärzte stehen mit voller Schutzausrüstung um einen Patienten herum, der im Bett liegt und an Covid-19 erkrankt ist.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. April 2021, 19:30 Uhr