Interview

Bremen auf Abstand: Wie Coronaregeln unsere Körpersprache verändern

Ab Montag werden Masken endgültig zum Stadtbild von Bremen und Bremerhaven gehören. So wirkt sich das – zusammen mit Social Distancing – auf unsere Kommunikation aus.

Eine Jugendliche mit Mundschutz auf einem Wochenmarkt.
Abstandasregeln und Maskenpflicht verändern die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Bild: Imago | HMB-Media

Seit Wochen konnten wir uns langsam daran gewöhnen, auf Distanz zu unseren Mitmenschen zu bleiben. Kein Händeschütteln mehr, kein Unterhaken beim Spaziergang, kein Klopfen auf die Schulter, um sich bemerkbar zu machen. Ab Montag wird unsere Kommunikation noch mehr eingeschränkt, wenn in Bremen, Bremerhaven und umzu an vielen öffentlichen Orten eine Maskenpflicht gilt.

Stefan Verra ist spezialisiert auf das Nonverbale: Er analysiert immer wieder die Körpersprache der Mächtigen, lehrt die Signale unserer Mimik und Gestik in Seminaren und schreibt Bücher darüber.

Herr Verra, Sie sind ja Beobachter von Berufs wegen. Beobachten Sie jetzt schon eine Veränderung im Umgang?
Wir tun uns immer noch schwer mit dem Abstand, dem Vermeiden des Händeschüttelns. Man sieht es bei den Regierenden. Vor der Kamera stehen sie auf Abstand. Wenn man den Bundestag beobachtet – in den Gängen, in den Fluren – sieht man, dass sie sich auch ins Ohr flüstern und das bisweilen ohne Mund-Nasen-Schutz. Das heißt, das menschliche Verhalten ist weit stabiler, als dass uns ein paar Wochen Corona aus der Ruhe bringen würden.
Wird es den freundlichen Händedruck in Zukunft noch geben?
Es wird nach Corona vielleicht ein klein wenig nachhängen, aber wir werden sehr schnell zur Normalität zurückkehren. Aber grundsätzlich ist es schon ein dramatischer Einschnitt. Ich nehme mal das Beispiel Supermarkt: Wir stehen vor der Kühltheke, finden die Hefe nicht, drei Meter neben uns steht ein Mann und eine Frau. Früher hätten wir gefragt: "Wissen Sie vielleicht, wo die Hefe ist? Ich suche schon so lange." Und wir hätten eine Antwort bekommen. Aber was meist unbewusst passiert, ist, dass man sich [dabei] ein oder zwei Schritte näher kommt. Jetzt wissen wir aber im Hinterkopf, wir dürfen uns nicht annähern. Und somit fragen wir die anderen Kunden erst gar nicht um Hilfe. Und das ist schon ein heftiger Einschnitt. Jeder erkennt das jetzt im Supermarkt: Die fast ein wenig an Watte erinnernde Distanz. Man schleicht aneinander vorbei.
Was ist mit Menschen, die schon vorher Schwierigkeiten mit anderen hatten? Haben die es in Zukunft noch schwerer?
Einerseits ist es für sie einfacher, weil ihr Bedürfnis nach Distanziertheit jetzt allgemeiner Duktus ist. Das ist jetzt genau das Maß, an dem sich alle orientieren. Die Schwierigkeit bei diesen Menschen ist, dass sie sich danach noch schwerer tun mit der Nähe, die wir üblicherweise haben. Auch in Bremen sucht man üblicherweise Nähe, denn der Mensch ist ein Rudelwesen.
Lernen wir jetzt durch das Tragen einer Maske, mehr mit den Augen zu sprechen?
Mit einer Mund-Nase-Maske angeschaut zu werden, wirkt eher immer wie Starren. Meine Empfehlung ist: Lächeln Sie so deutlich, dass sich rund um die Augen kleine Lachfältchen bilden. Wer es zu wenig macht, der wirkt immer noch ernst. Wir müssen viel deutlicher lächeln.

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Autor

  • Tom Grote

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. April 2020, 8:10 Uhr