Viele Infizierte in einzelnen Stadtteilen: Was sagen Bremens Forscher?

Die Infektionszahlen aus Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil sorgen für Streit. Doch nicht die Kultur der Menschen sei das Problem, meinen zwei Wissenschafter der Uni Bremen.

Video vom 9. November 2020
 Auf einem Aushang steht in mehreren Sprachen "Maskenpflicht Bitte tragen Sie einen Mund-Nasen-Schutz"
Bild: DPA | Bernd Wüstneck
Bild: DPA | Bernd Wüstneck

Bremer Wissenschaftler warnen davor, die ungleichen Corona-Infektionszahlen in den Stadtteilen auf kulturelle Ursachen zurückzuführen. "Diese Debatte zielt aus meiner Sicht darauf ab, die Verantwortlichkeiten umzudrehen", sagte Politikwissenschaftler Andreas Klee zu buten un binnen. "Menschen, die sozial benachteiligt sind, sind dies nahezu ausnahmslos, weil wir strukturelle Probleme mit Ungleichheit in unserer Gesellschaft haben und nicht, weil sie einem bestimmten Kulturkreis angehören."

Am Wochenende waren Zahlen des Gesundheitsressorts bekannt geworden, die das Infektionsgeschehen in den jeweiligen Stadtteilen zeigen. Demnach sind vor allem die benachteiligten Gegenden Tenever und Gröpelingen betroffen. Bildungssenatorin Claudia Berharnd (Linke) hatte unter anderem beengte Wohnverhältnisse als Grund für die hohen Infektionszahlen genannt. Im Anschluss begann aber auch in der Bremer Politik eine Debatte über die Ursachen – mit teils heftigen Vorwürfen.

Gesundheit hängt auch vom Einkommen ab

Klee teilt die Einschätzung der Senatorin. Er verweist auf mehrere Studien, die Gesundheit in direkten Zusammenhang mit sozialem Status sehen. "Ich glaube, dass in der aktuellen Situation Menschen mit höheren Einkommen gleich mehrfach profitieren. Ihre Arbeit ermöglicht eher das Arbeiten im Homeoffice, durch flexiblere Arbeitszeiten kann man Stoßzeiten beim Einkaufen umgehen und ihre oftmals komfortablere Wohnsituation erleichtert das unter sich bleiben", sagte er. Da ärmere Menschen statistisch zudem öfter Vorerkrankungen hätten, gebe es unter ihnen auch mehr Risikopatienten.

Es sollte inzwischen ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür geben, dass sich sogenanntes gesellschaftliches Kapital wie etwa Einkommen oder Bildung gegenseitig immer bedingt und sich positiv wie negativ wechselseitig verstärkt. In der Summe bestimmt es maßgeblich über die Verwirklichung von Lebenschancen. Das geht dann eben auch so weit, dass Menschen mit geringerem gesellschaftlichen Kapital ein höheres Risiko haben zu erkranken – auch an Covid-19. 

Andreas Klee, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bremen

Enge Verbindung zwischen Migrationshintergrund und Armut

Auch Yasemin Karakaşoğlu, die den Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung an der Universität leitet, stützt die Vermutungen aus dem Gesundheitsressort. "Es gibt viele Gründe: die Armut, das Wohnen auf engem Raum mit vielen Menschen, aber auch die Bildungsarmut", sagte sie bei buten un binnen. "Man kann nicht von Migranten als eine geschlossene Gruppe sprechen." Es gebe in Bremen aber eine enge Verbindung zwischen Migrationshintergrund und sozialer Benachteiligung. Und die hohen Infektionszahlen seien eben darauf zurückzuführen.

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Dem Bremer Gesundheitsressort hätte Karakaşoğlu zufolge aber viel früher klar sein müssen, dass man "über viele Kanäle" hätte kommunizieren müssen. "Dabei geht es um Sprache und um den Zugang zu Informationen", so Karakaşoğlu. Auch die direkte Ansprache an der Haustür hält Karakaşoğlu für ein probates Mittel. "Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass das dort sehr sinnvoll ist, wo andere Maßnahmen nicht greifen. Auch viele Menschen ohne Migrationshintergrund haben keinen Zugang zu Informationen."

Politikwissenschaftler Klee geht noch einen Schritt weiter. "Für mich ist der einzige schlüssige Erklärungsansatz, der der Bildung", sagte er. "Dabei muss man weit über die Frage der bloßen Informiertheit über die aktuelle Corona-Lage und der damit verbundenen Maßnahmen hinausgehen." Die aktuelle Situation sei zu komplex und abstrakt, um mit simplen Ansagen erklärt und verstanden zu werden.  

Eine der möglichen Lehren aus der Pandemie ist, dass wir zukünftig mehr denn je Menschen brauchen werden, die in der Lage sind in uneindeutigen Situationen zu agieren, eigenes Verhalten und gesellschaftliche Problemlagen zu verknüpfen und Entwicklungen vorwegzunehmen, obwohl deren Konsequenzen im eigenen Alltag noch nicht offensichtlich sind.

Andreas Klee, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bremen

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Video vom 9. November 2020
Zwei Frauen gehen eine Straße entlang, man sieht sie von hinten.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. November 2020, 19:30 Uhr