Kommentar

Corona in Bremer Stadtteilen: Bitte keine Rassismus-Debatte

Statt über Rassismus sollte die Politik nüchtern darüber diskutieren, wie man bestimmte migrantische Gruppen besser erreicht, meint Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte.

Der Schriftzug "Bitte Maske tragen" in mehreren Sprachen auf einem Gehweg
Mehrsprachige Hinweise reichen schlichtweg nicht aus, meint Kommentator Frank Schulte. Bild: Imago | David Weyand

Migrant, Kultur, Corona – ein Dreiklang, bei dem klar ist, dass es nicht lange dauert, bis es politisch kracht. Dabei ist der Twitter-Streit von Heiko Strohmann (CDU) und Kai Wargalla (Grüne) schlichtweg peinlich. Man würde dem eigentlich gar keine Beachtung schenken, wenn das, was da passiert, nicht so typisch wäre. Und schädlich für die politische Auseinandersetzung.

Denn man weiß bei solchen Themen schon vorher: Da kommt wieder eine Breitseite und – zack zack – diskutiert oder streitet man gar nicht mehr über Inhalt und Fakten, sondern über Weltanschauungen und begriffliche Verständnisse. Das ganze natürlich in hoher emotionaler Empörung und mit einer Rhetorik, die den Beobachter denken lässt: Geht es bitte auch zwei Nummern kleiner? Denn das Thema ist zu wichtig, um derartig emotional überlagert zu werden.

Worum sollte es eigentlich gehen?

Corona ist in einigen Stadtteilen weiter verbreitet als in anderen. Das zeigen die Zahlen. Es sind Stadtteile, die sozioökonomisch weniger leistungsfähig sind als andere, auch das zeigen die Zahlen. Dort leben also Menschen mit geringeren Einkommen, geringerem Bildungsgrad und – ja, auch das zeigen Zahlen – in diesen Stadtteilen leben überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund. Weitere Fakten: Überdurchschnittlich viele Menschen leben in diesen Stadtteilen auf weniger Quadratmetern Wohnfläche. Also größere Familien auf vergleichsweise geringer Fläche.

Jetzt zu den plausiblen Annahmen. Viele Menschen in diesen Stadtteilen können kein Home Office machen, weil sie mit ihren Händen vor Ort arbeiten müssen. Viele dieser Menschen sind auf Bus und Bahn angewiesen, um mobil bleiben zu können. Und der Anteil der Menschen, die keinen oder geringen Zugang zu Coronawarnungen haben – zum Beispiel aufgrund von Sprachbarrieren – ist größer als in anderen Stadtteilen.

Sie haben schlichtweg schlechtere Möglichkeiten, als viele Menschen in Schwachhausen oder Oberneuland.

Frank Schulte, stellvertretender Chefredakteur von Radio Bremen

Bleibt also unter dem Strich: Gute Bedingungen, damit sich ein Virus verbreiten kann. Und manches macht es vielen Menschen in diesen Stadtteilen schwer, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Sie haben schlichtweg schlechtere Möglichkeiten, als viele Menschen in Schwachhausen oder Oberneuland. Ich klammere die Bereitschaft, das zu tun, hier einmal aus. Nicht weil es weniger wichtig ist – das natürlich ganz und gar nicht – sondern weil es politisch sehr schwer zu beeinflussen ist.

Man muss sich stärker um vergessene Gruppen kümmern

Wenn das alles so richtig ist, dann kann man nur festhalten: Der Senat hat eine offenbar sehr relevante Gruppe im Corona-Infektionsgeschehen bislang nicht angemessen genug berücksichtigt. Viel früher hätte es darum gehen müssen, mit Quartiersmanagern und zusätzlichen Sozialarbeitern vor Ort, Aufklärungsarbeit zu leisten. Mehrsprachige Plakate und Flyer reichen schlichtweg nicht aus. Da braucht es mindestens direkte Ansprache und – ich sehe einige schon mit den Augen rollen – auch Kontrollen.

Vielleicht ist es auch sinnvoll in hoch verdichteten Wohnblöcken verstärkt Schutzmaßnahmen zu fördern, etwa kostenfreie FFP2-Masken-Ausgabe und verstärkte Desinfektionsmaßnahmen. Ach ja, und vielleicht probiert man es ja einfach einmal aus, ob man durch den Einsatz von Reisebussen auch den öffentlichen Nahverkehr entlasten kann. Das würde auch diesen Gruppen helfen.

Ehrlich gesagt alles Punkte, auf die man schon nach der ersten Corona-Welle Anfang des Jahres hätte kommen können. Darüber lohnt es zu streiten, darüber muss man streiten und vor allem muss man das ansprechen können. Aber bitte nicht direkt wieder mit Rassismus und Ausgrenzung kommen.

Streit um regionale Corona-Zahlen: Was sind die Gründe?

Video vom 9. November 2020
Zwei Frauen gehen eine Straße entlang, man sieht sie von hinten.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Frank Schulte Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. November 2020, 19:30 Uhr