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Studie zeigt: So kommen Bremerhavener Schüler in der Pandemie zurecht

Video vom 30. August 2021
Zwei Schüler sitzen mit Masken in einem Klassenraum.
Bild: DPA | Eibner-Pressefoto/Fleig
Bild: DPA | Eibner-Pressefoto/Fleig

Inwiefern beeinflusst die Pandemie das Lernen von Schülern? Bremerhaven wollte es wissen und hat eine breit angelegte Studie durchgeführt. Jetzt wurden die Ergebnisse präsentiert.

Zu den vieldiskutierten Themen der Corona-Pandemie gehören der Einfluss auf den Schulalltag und das Lernen. Lange saßen Schülerinnen und Schüler zu Hause im Distanzunterricht. War Präsenz möglich, dann oft nur in Halbgruppen oder mit Maske. Um mehr über die Situation herauszufinden, hat Bremerhaven erstmals eine ausführliche, wissenschaftliche Lernstandsuntersuchung durchgeführt. Am Montagnachmittag haben Stadtrat Michael Frost (parteilos) und Schulamtsleiterin Regine Komoss die Ergebnisse vorgestellt, zusammen mit dem Bildungsplaner und früheren Staatsrat im Hamburger Bildungsressort, Ulrich Vieluf, der die Untersuchung durchgeführt und ausgewertet hat.

Was hat die Studie ergeben?
Die Untersuchung hat gezeigt, dass sprachliche Fähigkeiten für den Lernerfolg besonders wichtig sind. Die Hälfte aller Grundschüler und auch ein Drittel der Achtklässler in Bremerhaven können demnach nicht richtig gut lesen. Bei den Mathekenntnissen sieht es nur wenig besser aus. Kinder, die zu Hause kein oder wenig Deutsch sprechen, hatten die größten Nachteile. Es wurde aber auch deutlich: Je älter die Schüler sind, desto besser waren die Ergebnisse. Das heißt, im Laufe der Schullaufbahn können die Schüler viel aufholen. Daher spricht sich Vieluf dafür aus, künftig eher den Lernfortschritt als Inhalte zu überprüfen.

Der große Knackpunkt der Untersuchung: Ein direkter Rückschluss auf die Corona-Pandemie ist noch nicht möglich, weil die Daten bisher nur zu einem Zeitpunkt erhoben wurden – es fehlt die Vergleichbarkeit. Deswegen soll dieser Test in zwei Jahren wiederholt werden.

Es wurden aber nicht nur Unterrichtsfächer abgefragt, sondern auch die emotionale Situation – und da kam heraus, dass viele extrem gelitten haben. Die Hälfte der Schüler empfand ihre psychosoziale Situation als belastend. Ein weiteres Ergebnis ist, dass viele Kinder dennoch angegeben haben, zu Hause eigentlich gut lernen zu können.
Wie wurde die Untersuchung durchgeführt?
Es wurden vor den Sommerferien insgesamt rund 3.300 Kinder und Jugendliche von 26 der 40 Bremerhavener Schulen befragt, darunter Grundschulen, Oberschulen, Gymnasien, aber auch Berufsschulen. Dabei wurde zum Beispiel das Leseverstehen oder das Mathematikverständnis untersucht, es gab aber auch sprachungebundene Tests. Außerdem wurden die Lernbedingungen und die Unterstützung der Schüler abgefragt. Für Bremen-Stadt gibt es noch keine Erhebung im Zusammenhang mit Corona. Sie soll dort im September folgen, sagt der Sprecher der Bildungssenatorin, Aygün Kilincsoy.
Was will die Politik gegen die Lernrückstände tun?
Die Ergebnisse fließen an die Bremerhavener Schulen zurück, damit Lernangebote entsprechend zugeschnitten werden können. Diese sollen dann beispielsweise in den Herbstferien angeboten werden. Laut den Autoren der Studie ist es besonders wichtig, die Sprachkompetenz zu fördern. Auch Schuldezernent Frost betonte, hier ansetzen zu wollen.

In den Sommerferien gab es als Teil des Aktionsprogramms "Aufholen nach Corona" in Bremerhaven das Angebot sogenannter Lernferien. An 14 Grundschulen wurden laut Schuldezernent Frost 38 Lerngruppen mit insgesamt 380 Schülern eingerichtet, an sieben Oberschulen waren es 190 Schüler. "Die Resonanz war durch die Bank positiv und die Gruppen ausgebucht", sagt Frost. "Die Schulleitungen haben uns mitgeteilt, dass sie eine Fortsetzung entsprechender Angebote begrüßen würden."

Klassische Nachhilfestunden seien allerdings nicht die richtige Antwort auf die Studienergebnisse, so Vieluf. Stattdessen sollen die Schüler über Lerngelegenheiten wie Schauspiel oder Lesenächte an das Verstehen der Sprache herangeführt werden. Deutschlandweit soll es Aufholprogramme geben. Dafür hat der Bund ein zwei Milliarden Euro schweres Paket aufgelegt. Am Dienstag will der Senat das entsprechende Landesprogramm beschließen.
Könnte es auch Samstagsunterricht geben?
Eher nicht, das lehnt Bremerhavens Schuldezernent Frost ab. Und auch der Elternbeirat fände das nicht gut, schließlich bräuchten die Schüler auch Abstand, Ausgleich und Freizeit zum Durchatmen nach den Belastungen der Pandemie. "Das Thema Samstagsunterricht wurde tatsächlich in mehreren Sitzungen auch mit der Elternschaft besprochen und diskutiert", sagt die Vorsitzende des Zentralelternbeirats Bremerhaven (ZEB), Lydia Müller. "Die Rückmeldungen waren nicht so, dass das gewünscht wurde."
Was sagt der Zentralelternbeirat zur Situation?
Nachhilfeunterricht für alle, kostenlos, in Präsenz und auch in digitaler Form sollte heute ein Selbstverständnis sein, sagt ZEB-Vorsitzende Müller. Schüler müssten für ihren individuellen Förderungsbedarf wählen können. Dies gelte auch für starke Schüler, die bei beständigem Unterricht mehr aus sich herausholen hätten können. Außerdem muss das Angebot aus Sicht der Elternvertreterin bei der Digitalisierung zeitgemäß sein. Berufsleben und Unternehmen veränderten sich, es sei wichtig, dass die Schüler sich nicht allein auf Youtube-Schulungsvideos beschränken müssten.

Den Lehrermangel will Müller als Ausrede für fehlende Angebote im Übrigen nicht gelten lassen, den gebe es bundesweit. Und die ZEB-Vorsitzende hat noch ein Problemfeld ausgemacht: Der Magistrat gebe sich Mühe, aber der Ruf sei problematisch. Aus der Elternarbeit in anderen Bundesländern wisse sie von den Sorgen, die sich um Bremen und Bremerhaven gemacht würden. Gravierende Unterschiede seien ihr jedoch gar nicht aufgefallen. "Von daher sollte insbesondere die Außendarstellung auch in den Fokus rücken – neben all den anderen Aspekten, die wir natürlich angehen müssen."

Leiter der Bremerhavener Lernstudie: "Defizite vor allem bei Jüngeren"

Video vom 30. August 2021
Der Leiter der Erhebung Ulrich Vieluf im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin
  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. August 2021, 19:30 Uhr