Durch Corona von der Familie im Ausland getrennt: "Schwer auszuhalten"

Indische Familie
Viele Bremerinnen und Bremer, die Wurzeln und Familien im Ausland haben, konnten seit Beginn der Corona Pandemie nicht in ihre Heimatländer reisen. So auch Familie Bhandari aus Nordindien. Bild: Vivek Bhandari

Viele Menschen, die seit Jahren in Bremen leben, können nicht mehr regelmäßig zu ihren Familien ins Ausland reisen. Vier von ihnen erzählen, was das mit ihnen macht.

Lockdown, Reisebeschränkungen und Quarantäne: Die Corona-Pandemie hat die ganze Welt lahmgelegt. Viele Menschen leiden vor allem unter den Kontakt- und Reisebeschränkungen. Vier Wahlbremerinnen und -bremer, die seit der Krise nicht mehr zu Freunden und Familien in ihre Herkunftsländer reisen konnten, erzählen, wie es ihnen damit ergeht – und dass sie mit der Impfung wieder ein wenig Hoffnung schöpfen.

1 "Mir fehlt die soziale und emotionale Unterstützung meiner Familie"

Frau mit Maske und Sonnenbrille sitzt auf der Wiese
Die 43 Jahre alt Maria Lopez unterstützt finanziell drei Familien in Peru, die wegen der Corona-Krise ihre Geschäfte dicht machen mussten. Bild: Katharina Gonzalez

Ich heiße Maria Lopez* und komme ursprünglisch aus Peru. Vor sieben Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Seither lebe ich mit meinen zwei Kindern in Bremen. Davor habe ich 20 Jahre in Barcelona gelebt.

Mein Vater, mein Opa und meine Tanten mütterlicherseits leben alle in Peru. Um die mache ich mir keine Sorgen – zumindest was Corona betrifft. Die sind da sehr vorsichtig. Aber trotzdem vermisse ich sie alle sehr. Ich würde so gerne hinfliegen und Zeit mit ihnen verbringen. Vor der Corona-Krise habe ich das einmal im Jahr gemacht. Letztes Jahr ist mein Großvater 90 Jahre alt geworden. Ich hatte ihm versprochen, mit den Kindern zu kommen. Leider konnte ich mein Versprechen nicht einlösen. Am Anfang der Corona-Krise habe ich viel geweint – heimlich natürlich, denn die Kinder durften das bloß nicht mitkriegen.

Ich bin vor der Corona-Krise auch alle ein bis zwei Monate nach Barcelona geflogen, um meine Schwestern, Freunde und Gastmutter zu sehen. Aber das geht jetzt auch nicht und das macht mich ziemlich fertig. Es ist für mich schwer auszuhalten, denn mir fehlt die soziale und emotionale Unterstützung meiner Familie. Ich finde dieses Gefühl von allein sein schon sehr schlimm.

Einmal habe ich im Internet nach einem Weg gesucht, um irgendwie nach Barcelona zu kommen. Ich wollte wissen, ob es jemanden gibt, der mit dem Auto herunterfährt und uns mitnimmt. Meine Schwestern haben mir aber davon abgeraten, weil die Situation in Spanien ernster war und die Maßnahmen dort strenger waren.

Ich fühle mich oft frustriert. Ich habe das Gefühl, fast zwei Jahre meines Lebens verloren zu haben. Aber jetzt habe ich Hoffnung, dass es wieder besser wird. Wenn ich bald geimpft bin, will ich wieder zu meiner Familie nach Spanien und nach Peru fliegen.

2 "Wir machen uns schon sehr große Sorgen um unsere Eltern"

Mann in Indien
Der 44 Jahre alte Vivek Bhandari ist stellvertrender Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Bremen Bild: Vivek Bhandari

Mein Name ist Vivek Bhandari und ich komme aus Neu Delhi. Ich bin Raumfahrtingenieur und lebe mit meiner Familie seit 2003 in Bremen. Unsere Eltern leben noch in Nordindien. Wir wollten schon letztes Jahr zu ihnen fliegen, das hat aber wegen Corona nicht geklappt.

Auch dieses Jahr wird es nichts. Es ist schwierig, dass wir da so schnell wieder hinkommen, denn Indien hat gerade mit der neuen, heftigen Covid-Variante stark zu kämpfen. Es herrscht ein harter Lockdown in Nordindien, wo unsere Eltern leben. Trotz Impfung müssten wir in Indien in Quarantäne und das möchten wir nicht.

Normalerweise treffen wir uns jedes Jahr. Meine Frau und ich vermissen unsere Eltern auch sehr. Und wir machen uns schon sehr große Sorgen um sie. Seit einem Jahr können unsere Eltern niemanden treffen. Sie fühlen sich sehr einsam. Wenn ihnen etwas passiert, ist keiner da. Wir können von hier aus nichts tun für sie. Zum Glück sind sie bereits geimpft. Wir hoffen, am Ende des Jahres hinzufliegen.

3 "Ich vertraue auf Gott, dass er sich um meine Familie kümmert"

Ich bin Lasma Purba und komme aus dem Dorf Dologhuluan, das liegt in Nordsumatra. Ich bin zum Studieren nach Deutschland gekommen. Vorletztes Jahr habe ich in Oldenburg meinen Master in Deutsch als Fremdsprache abgeschlossen und arbeite in Bremen als Erzieherin. Im März 2019 war ich das letzte Mal in Indonesien bei meiner Familie, also bei meiner Mutter, Oma und Tanten. Was ich am meisten vermisse, neben meiner Familie, sind das leckere Essen, vor allem die leckeren Früchte und den warmen Regen.

Junge Frau aus Indonesien auf einem Becak, also einem Holz-Fahrradtaxi
Dieses Bild von der 36-Jährigen Lasma entstand in ihren letzten Urlaub 2019 in Medan, der Hauptstadt von Nordsumatra. Dort hat sie ihr erstes Studium absolviert. Bild: Lasma Purba

Letztes Jahr Weihnachten wollte ich zu meiner Familie fliegen, das ging aber wegen Corona leider nicht. Ich war schon sehr traurig. Weihnachten bedeutet für mich Familienzeit. Aber als Christin habe ich natürlich die Hoffnung, dass die Situation bald besser wird und ich dieses Jahr Weihnachten Zeit mit meiner Familie verbringen kann. Auch wenn die Corona-Lage in dem Dorf, wo meine Familie lebt, nicht so kritisch ist, mache ich mir schon Sorgen um sie. Aber was kann ich schon dagegen tun? Ich vertraue auf Gott, dass er sich um meine Familie kümmert und für sie sorgt.

Diesen Sommer habe ich nur drei Wochen Urlaub und müsste, wenn ich hinfliege, dort für sechs Tage in Quarantäne. Dann gehen noch für die Anreise immer so ungefähr drei Tage drauf. Da überlege ich es mir zweimal, ob sich die Reise überhaupt lohnt. Eigentlich wollte ich dieses Jahr hin, um ein Waisenhaus mit aufzubauen. Aber allein die Vorstellung, dass ich auf der Reise hin drei Tage lang eine Maske tragen müsste, finde ich schrecklich. Aber sobald ich geimpft bin und Indonesien die Quarantänevorschriften fallen lässt, werde ich es machen.

4 "Es fühlt sich an wie eine verlorene Zeit im Leben, die man nicht mehr zurückbekommt"

Menschen am Strand in Tel Aviv
Der Großteil von Joes Familie lebt in Israel bei Tel Aviv. Der 36-Jährige hat aber Familienmitglieder, die überall auf der Welt leben. Bild: Joe Cohen

Mein Name ist Joe Cohen*. Ich komme aus Ramat Gan, aus der Nähe von Tel Aviv. Ich lebe seit neun Jahren in Deutschland und bin hier selbstständig. Ich fliege eigentlich so alle zwei bis drei Monate zu meiner Familie nach Israel. Aber das konnte ich seit Anfang 2020 nicht mehr. Ich hätte in Israel für zwei Wochen in Quarantäne gemusst und zurück in Deutschland weitere zwei Wochen. Das wollte ich nicht. Ich möchte meinen Hund nicht so lange alleine lassen. Er ist wie mein kleiner Sohn. Deshalb habe ich auf den Besuch und den Urlaub bei meiner Familie in Israel verzichtet.

Um meine Familienmitglieder habe ich mir keine Sorgen wegen Corona gemacht. Sie haben sich gut geschützt. Sie haben sich sogar eigene und strengere Regeln auferlegt. Zum Beispiel hat mein Vater den Kontakt zu anderen Menschen komplett eingestellt und ist viel draußen an der frischen Luft gewesen. Kontakt zu anderen Menschen hatte er nur noch übers Telefon. Das Leben ist zu wichtig, um es einfach zu verlieren, sagt er.

Auch wenn ich ein Familienmensch bin und es das erste Mal ist, dass ich meine Familie so lange nicht sehen konnte, bin ich nicht traurig, aber, ich vermisse sie schon. Es fühlt sich an wie eine verlorene Zeit im Leben, die man nicht mehr zurückbekommt.

Sobald ich in paar Wochen vollständig geimpft bin, geht es für mich wieder nach Israel. Israel ist ja sehr fortgeschritten mit dem Impfen. Das Leben hat sich da schon wieder normalisiert. Ich freue mich schon auf meine Familie und Freunde, auf die Sonne und die Strände in Tel Aviv.

* Die Namen wurden geändert, sie sind der Redaktion bekannt.

Lissabon im Lockdown: So erlebt eine Oytenerin Corona in Portugal

Video vom 12. Juni 2021
Alexa Maia ist aus Portugal in einer Videoschalte.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Necla Süre Volontärin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 11. Juni 2021, 23:30 Uhr