Interview

Corona-Tote in Pflegeheimen: Hilft nur ein "Pakt" mit Investoren?

Fast 60 Prozent der Corona-Toten in Bremen lebten in Pflegeheimen. Ein Drittel sind es bundesweit. Laut Experte Stefan Görres sollten Kommunen Verantwortung für Pflege übernehmen.

Das Gesicht einer sehr alten Frau, ihr Blick ist ruhig.
Wie wollen wir, dass die Alten in unserer Gesellschaft leben? Diese Frage stellt Pflegeforscher Stefan Görres. (Archivbild) Bild: DPA | Jens Büttner
Herr Professor Görres, das Thema "Pflege" hat durch Corona viel Aufmerksamkeit bekommen. Das ist Ihr Forschungsgebiet, freut Sie das?
Ich würde sagen, das Thema ist aufgeflackert. Weil man in der Not immer den Blick auf diejenigen richtet, die einem in der Not helfen können. Das waren Mediziner und Pflegende. Doch schon jetzt redet kaum noch jemand darüber. Jetzt wird nicht mehr von Helden gesprochen, sondern über einen Bonus – der hoch umstritten ist. Meine Meinung ist: Das wars dann auch. Am Ende wird es der Pflege nicht wirklich helfen, so, dass sich grundlegend etwas verändert.
Wie erleben Sie das?
Ich finde das schade, für mich aber auch nicht erstaunlich. Weil die Probleme in der Pflege schon viel länger existieren und sehr viel tiefgreifender sind – deshalb kann ein vorübergehend gewährter Bonus oder Händeklatschen auf dem Balkon diese tiefgreifende strukturell bedingte Problematik nicht ändern. Viele Pflegende haben sich nicht ernst genommen gefühlt, als sie als Helden betitelt wurden. Pflege macht immer einen guten Job, insofern waren sie schon immer Helden. Und das muss man grundsätzlich honorieren – nicht nur, wenn es gerade öffentlich wird.
Sie sagen, viele Pflegende in Bremen konnten sich über die Wertschätzung nicht wirklich freuen. Wie haben die Menschen die Arbeit in den letzten Monaten erlebt? Was hören Sie von Pflegekräften?
Verhältnisse wie in Italien hatten wir hier nicht. Aber der Alltag wurde auf den Kopf gestellt. Die größte Herausforderung lag darin, dass sich die Beschäftigten in den Pflegeheimen nicht schützen konnten. Das Besuchsverbot hätte man entschärfen können, wenn genügend Schutzkleidung zur Verfügung gestanden hätte. Das war auch einer der Gründe für das Besuchsverbot. Das macht das Arbeiten schwer und führt zu Verunsicherung. Außerdem wechselt im Pflegebereich der Personalstamm an den Rändern häufig, durch Leiharbeit und durch Springerdienste. Das schafft noch größere Unsicherheiten.
In Bremen gab es auch tatsächlich viele Infizierte in Pflegeheimen. Wie ging es den Beschäftigten damit?
Das hat große Ängste freigesetzt. Das Pflegepersonal findet das belastend, wenn sie Quelle sind oder angesteckt werden. Das Heim selbst weiß: Das bedeutet Quarantäne. Das ist auch für die Leitung eine große Belastung, denn das ist für das Image des Heimes nicht gut, wenn man in der Presse als Hotspot behandelt wird. Und es interessiert auch keinen am Ende mehr, was wirklich die Ursache war. Ich selbst, und auch andere, haben zum Thema "Image" auch etwas beigetragen, weil ich gesagt habe, dass die Pflegeheime zur Falle werden und das eine Schlagzeile wurde. Wenn über ein Drittel der Todesfälle aus Pflegeheimen gemeldet wird, überlegen die Menschen, ob sie ihre Angehörige noch ins Heim geben.
Bereuen Sie, dass Sie das so gesagt haben?
Nein, überhaupt nicht. Es ist schon eine Falle. Aber das festzustellen, ist zu wenig. Entscheidend ist, das in Zukunft zu vermeiden.
Aber wie?
Die Frage ist doch, ob diese Größe der Pflegeheime, wo so viele ältere Menschen zusammenkommen, ob das überhaupt die richtige Antwort ist, für die Versorgung der Alten in Zukunft. Corona ist nur das aktuelle Problem. Aber in der Vergangenheit war auch die Influenza, die Grippe, immer ein Problem für Pflegeheime – vor allem Anfang 2000 in Frankreich, wo Zigtausende Menschen gestorben sind. Hitzeperioden haben dazu geführt, dass ältere Menschen in Pflegeheimen an Kreislaufschwäche verstorben sind, weil Pflegeheime sie nicht dazu angehalten haben, mehr zu trinken, die Gefahr also nicht erkannt haben. Solche Risiken manifestieren sich in Pflegeheimen, weil dort eine Risikogruppe auf einem Raum konzentriert ist. Inzwischen existieren zwar Notfallpläne, aber angesichts der dünnen Personaldecke kann auch das schwierig werden.
Darüber wird aber doch schon lange gesprochen.
Wir reden schon seit 30 Jahren darüber: "Sind Pflegeheime überhaupt die richtig Antwort, wenn es um eine würdige Versorgung älterer Menschen geht?" Auf die zum Teil herbe Kritik haben die Heime reagiert und eine interessante Kehrtwende genommen, weil sie sich durchaus modernisiert haben. Aber um den Preis, dass sich rundherum ein Dschungel an Regulierungen entwickelt hat, mit absurden Zügen. Es gibt ein Qualitätskontrollsystem, indem man da Noten verteilt hat, indem man unangemeldet Kontrollbesuche macht, Missstände aufdeckt bis hin zu Tötungsskandalen. Auf der anderen Seite eine hochmoderne Industrie, wo viel Geld im Spiel ist. Bis hin zu hohen Renditen von 5 bis 6 Prozent Rendite. Man wird aufgerufen, in Pflegeheime zu investieren, weil die Rendite so groß ist. Wenn man bedenkt, dass es ja im Kern darum geht, dass unsere älteren Mitbürger ein Leben finden mit einer hohen Lebensqualität, wo sie die letzten Jahre ihres Leben verbringen können. Wo sie pflegerisch exzellent versorgt werden, ist das ein hoher Preis.
Das klingt auch paradox.
Es ist schon verrückt, dass wir unseren älteren Menschen eine hohe Lebensqualität bieten wollen, dies aber offensichtlich für immerhin zirka 800.000 Menschen nur in einer großen speziellen Einrichtung tun können, bei der ich Kontrollen durchführen muss, um überhaupt zu gewährleisten, dass die Qualität stimmt. Qualitätssicherung kommt ja aus der Industrie und das System hat man übertragen auf Einrichtungen, die eigentlich einen zutiefst humanen Anspruch haben. Wenn ein humaner Anspruch, nämlich die Pflege älterer Menschen nur dann möglich ist, wenn man diese Strukturen in denen sie stattfindet kontrollieren muss, dann muss man das schon hinterfragen. Hätte ich die große Institution nicht, bräuchte ich vielleicht auch die Kontrollen nicht. Ich will gar keine Schelte betreiben. Angesichts der demographischen Entwicklung konnten wir vielleicht auch in den letzten zehn bis 20 Jahren nicht anders als Pflegeheime als Versorgungsort voranzutreiben und zu modernisieren und gleichzeitig bei dieser Form zu bleiben. Aber jetzt, verstärkt durch Corona, müssen wir über die Form nachdenken.
Welche Alternative schlagen Sie aus Sicht der Forschung vor?
Da fließt so viel Geld, die Lobbyisten sind so stark in der Branche, dass man das nicht einfach so kippen kann. Man muss sie eher dazu einladen, offen zu sein, für neue Formen, um auch die Vorteile darin für sich selbst zu sehen. Große Einrichtungen sind sehr effizient. Sie lassen sich scheinbar einfacher organisieren und obendrein lässt sich damit mehr Geld verdienen als in kleinen, die auf den ersten Blick erst mal nicht effizient zu sein scheinen.
Scheinen? Sind sie nicht auch weniger effizient?
Das würde ich nicht von vornherein unterstellen. Das ist eine Frage der Ökonomie und Logistik. Die Frage ist aber: Müssen es 100 Menschen an einem Ort sein, um effizient zu arbeiten? Oder können sie nicht auch in verschiedenen kleineren Wohngruppen in einem Quartier leben. Argumente, mit denen man Investoren ins Boot holen kann, sind der Pflegenotstand und Personalmangel. Die müssen sich einfach überlegen, ob sie ihre Einrichtungen noch betreiben können, wenn das Personal nicht da ist. Die mussten ja schon Stationen schließen, und dann arbeiten auch große Einrichtungen nicht effizient. Und es gibt keinen Hinweis, dass sich der Personalnotstand in absehbarer Zeit ändert. Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angetreten ist, hat er versprochen – was ja auch nicht schlecht war – dass die Altenpflege 13.000 neue Stellen bekommt. Davon sind nach mehr al zwei Jahren maximal zehn Prozent besetzt. Selbst beste politische Absichten reichen nicht aus, weil keine Menschen auf dem Markt sind.
Die Lösung ist also, kleinere Einrichtungen zu bauen?
Wir sollten über Formen nachdenken, die sich an Quartieren orientieren. Und wo die Menschen nicht nur darauf angewiesen sind, dass sie mit Profis betrieben werden, sondern wo auch Freunde und Nachbarn Zugang zu solchen kleineren Einrichtungen haben, weil sie ortsnah sind. Die privaten Investoren können ja investieren, aber nicht in große Pflegeheime auf der grünen Wiese, sondern in Formen, wo auch nachbarschaftlich organisierte Pflegemodelle möglich sind. Und wo die alten Menschen weiterhin mitten im Leben sind.
Es klingt nicht wahrscheinlich, dass sich renditenorientierte Investoren darauf einlassen.
Wie wollen wir mit dem Alter umgehen, welche Bilder haben wir vom Alter – und was ist uns Humanität und Lebensqualität wert? Das ist eine Kulturfrage und muss wieder mehr zur Frage der Kommunen werden, in deren Mitte die Menschen leben. Nicht nur zur versorgungspolitischen Frage mit Dienstleistungscharakter, es muss eine Frage der kommunalen Verantwortung werden: Wie stark muss eine Kommune Daseinsfürsorge betreiben, für die Menschen, die da leben? Wenn ein privater Investor kommt und ein Pflegeheim bauen will, dann kann der das machen. Auf die Notwendigkeit und die Gestaltung hat die Kommune kaum einen Zugriff. Die Kommunen müssen die Pflege wieder zurückholen in ihre eigene Verantwortung und nicht alleine den Dienstleistern und Profiteuren –oft große Firmenketten – überlassen.
Sie haben ja in unserem Gespräch deutlich gemacht, dass es schon seit Jahrzehnten Reform-Vorschläge gibt – ohne nennenswerten Erfolg. Frustriert Sie das als Forscher nicht?
Das frustriert mich schon und viele meiner Kollegen auch. Natürlich und richtigerweise standen zu Anfang der Corona-Krise die Virologen im Vordergrund, aber es fällt schon auf, dass erst sehr spät andere Forscher mit an den Tisch durften. Dies obwohl Soziologen, Gesundheitswissenschaftler und speziell auch die Pflegewissenschaftler sicher Wichtiges hätten beitragen können. Immerhin lebte ein Drittel der Gestorbenen in Deutschland in Pflegeheimen, in anderen Ländern sogar 40 bis 50 Prozent. Ich glaube, das muss aufgearbeitet werden. Aber es ist gleichzeitig ein Ansporn, sich deutlicher als bisher zu positionieren und zu sagen: Nicht erst seit Corona, sondern auch aufgrund all unserer Studien wissen wir, das Pflege wichtig und natürlich systemrelevant wenn nicht sogar systemerhaltend ist.

Haben sie Angst davor, wie Sie gepflegt werden, wenn es mal so weit ist?
Ehrlich gesagt nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht in ein Pflegeheim möchte – auf keinen Fall. Ich hoffe, dass ich solange wir möglich zu Hause bleiben kann. Und ich hoffe, dass wir bis dahin eine Form gefunden habe, die das möglich macht. Eine Form, die es möglich macht, dass ich zu Hause gepflegt werde und zu Hause sterben kann.

So war der Besuch im Altersheim nach langer Quarantäne

Video vom 20. Mai 2020
Armin Gartelmann sitzt bei einem Besuch im Altenheim seiner Mutter mit einem Mund und Nasenschutz gegenüber.

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. Mai 2020, 7:10 Uhr