Interview

Bremer Chefärztin fordert mehr Dampf bei der Corona-Impfkampagne

Brünette Frau mit langen Haaren in weißem Kittel blickt für Portrait in Kamera
Chefärztin der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Bremen-Mitte: Judith Gal. Bild: Gesundheit Nord-Klinikverbund Bremen

Der Corona-Herbst wird eine Herausforderung für die Kliniken. Da ist sich eine Bremer Chefärztin sicher. Sie sagt aber auch: Alle können helfen. Indem sie sich impfen lassen.

Die Politik möchte die Corona-Lage in Deutschland künftig stärker aufgrund der Zahlen aus den Krankenhäusern bewerten. Gut so, findet Judith Gal, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Bremen-Mitte. Sie stellt aber auch klar: Der Blick in die Kliniken allein reicht nicht. Die ganze Gesellschaft müsse dabei helfen, die Pandemie einzudämmen. Sie geht davon aus, dass sich die Lage demnächst zuspitzen wird.

Die Zahl der Infizierten steigt seit Wochen wieder an. Wie wirkt sich das auf den Alltag im Klinikum Bremen-Mitte aus?
Wir merken das schon daran, dass wir gehäuft Zufallsbefunde haben. Aber es gibt auch wieder mehr Patientinnen und Patienten, die sich mit Symptomen bei uns vorstellen.
Worin liegen die wesentlichen Unterschiede zum Vorjahr?
Zum einen natürlich darin, dass es sich bei den Infizierten überwiegend um jüngere Menschen handelt: von Neugeborenen bis zu 50-Jährigen. Die Verläufe sind meist milder. Letztes Jahr hatten die meisten Patienten mit Corona, die bei uns waren, Symptome. Jetzt haben wir mehr Zufallsbefunde. Das sind oft Patienten, die gar keine Symptome haben.
Bitte schildern Sie eine typische Situation für einen zufälligen Corona-Befund in Ihrem Klinikum!
Ein Patient kommt nach einem Verkehrsunfall zur Erstversorgung in unseren Schockraum. Dort machen wir, wie bei jedem Patienten, den wir stationär aufnehmen, einen Abstrich und sehen: Das Ergebnis ist positiv. Das wäre ein klassischer Zufallsbefund.
Wie bereiten Sie sich auf den Herbst vor? Rechnen Sie damit, dass wieder mehr Corona-Fälle auf die Kliniken zukommen werden?
Ja. Damit rechnen wir. Daher werden wir auch das Krisenmanagement wieder aktivieren. Wir haben für morgen unsere erste Einsatzleitungssitzung nach längerer Pause wieder einberufen. Natürlich online, über die Standorte hinweg.
Letztes Jahr haben Sie zu dieser Zeit etwa die Corona-Isolierstation erheblich ausgebaut. Wird es wieder so kommen?
Wir haben vor einiger Zeit, als die Zahlen deutlich gesunken sind, die Corona-Isolierstation in Bremen-Mitte aufgelöst. Die wenigen Fälle, die wir derzeit haben, sind in die regulären Stationen integriert. Sie liegen auf Zimmern mit Schleusenfunktion. Wir gehen auch davon aus, dass wir dieses System im Herbst werden beibehalten können, ohne wieder eine Corona-Isolierstation aufbauen zu müssen.

Dazu muss man allerdings wissen: Wir haben als Gesundheit Nord vier Standorte, von denen zwei, nämlich die Kliniken Bremen-Nord und -Ost, Corona-Patienten in erster Kategorie aufnehmen. Die nehmen uns auch Corona-Patienten ab, sofern diese stationär versorgt werden müssen, und nicht zwingend eine Therapie bei uns machen müssen.
Zwei Pflegekräfte stehen zusammen an einer Maschine
Die ersten drei Wellen der Corona-Pandemie haben viele Pflegekräfte bis an die Belastungsgrenze geführt. Judith Gal hofft, dass es diesen Herbst nicht ganz so schlimm wird. Bild: Imago | Westend61
Die Politik hat angekündigt, dass sie künftig zur Einordnung der pandemischen Lage nicht so sehr auf die Sieben-Tage-Inzidenz, sondern auf die Situation in den Krankenhäusern gucken wolle. Welche Zahlen aus den Kliniken wären aus Ihrer Sicht die besten Gradmesser?
Zuerst die Auslastung der Krankenhäuser und der Intensivbetten. Doch das allein reicht nicht. Man muss den gesamten Aufwand sehen, den Corona für die Krankenhäuser bedeutet und zwar auch dann, wenn die Zahl der mit Corona-Patienten belegten Intensivbetten niedrig ist. Wie gesagt: Wir machen zum Beispiel bei jedem Patienten, den wir aufnehmen, einen Abstrich. Das ist nicht nur logistisch aufwändig, sondern auch personell. Es bindet viele Ressourcen. Trotzdem ist es wichtig, dass wir das machen. Das sieht man ja schon an den vielen Zufallsbefunden.
Mit anderen Worten: Sie fordern, dass Politik und Gesellschaft nicht nur auf die nackten Zahlen zur Krankenhaus-Auslastung gucken, sondern mehr unternehmen, um die Pandemie einzudämmen?
Unbedingt. Vor allem müssen wir die Impfkampagne voranbringen. Es muss einfach gelingen, noch viel mehr Menschen dazu zu motivieren, sich impfen zu lassen. Wir sehen, dass Geimpfte, selbst wenn sie sich mit Corona infizieren, in aller Regel einen milderen Verlauf haben. Sie belasten das Gesundheitssystem daher nicht so sehr, können in den allermeisten Fällen ambulant behandelt werden.
Letztes Jahr und auch während der dritten Welle im Frühjahr war das medizinische Personal am Limit. Was ist Ihr Eindruck: Wie motiviert sind die Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte noch?
Zumindest wir in der Notaufnahme haben das Glück, dass wir diesen und nächsten Monat mehr Pflegekräfte hinzubekommen. Daher blicken wir gerade mit etwas mehr Zuversicht und Hoffnung in den Herbst, obwohl wir damit rechnen, dass die Belastung insgesamt wieder etwas zunehmen wird. Ich glaube allerdings nicht, dass die Belastung wieder so groß werden wird wie in den ersten Wellen und schon gar nicht wie in der dritten Welle. Aber: Es wird wieder eine Herausforderung werden.

Darum wollen sich manche Bremer noch nicht impfen lassen

Video vom 20. August 2021
Ein weißer Pfeil mit der Aufschrift " Nicht Geimpft".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. August, 19.30 Uhr