So läuft die Notbetreuung in Bremer Kitas

Immer mehr Eltern und Kinder haben Anspruch auf eine Notbetreuung in der Kita. Doch es gibt auch Schwierigkeiten. Eltern und Kita-Leiter berichten über die Situation.

Ein Kind im Kindergarten spielt mit einem Buchstaben-Puzzle.
In Bremen soll die Notbetreuung in Kitas mehr und mehr erweitert werden. Bild: Imago | Cavan Images

Kitas einfach wieder öffnen? Dieser Frage haben die Familienminister und -senatoren der Bundesländer sowie die Bundesfamilienministerin bei ihrer gemeinsamen Konferenz am Dienstag eine Absage erteilt. Vielmehr soll es nach einem Beschluss der Fachminister ein abgestuftes Vorgehen geben. In Bremen will man jetzt ebenso wie im Bund in einem Vier-Phasen-Modell vorgehen. Zunächst ist eine eingeschränkte Notbetreuung vorgesehen, dann eine flexible und stufenweise Erweiterung der Notbetreuung, anschließend ein eingeschränkter Regelbetrieb, und schlussendlich wieder ein vollständiger Regelbetrieb – immer unter Berücksichtigung der aktuellen epidemiologischen Lage.

Die ersten beiden Schritte sind in Bremen bereits umgesetzt worden. "Die Zahl der Kinder in Notbetreuung erhöht sich ständig", sagt die Sprecherin der Bildungsbehörde, Annette Kemp. Mehr als 3.500 Kinder würden in Bremen und Bremerhaven bereits auf diese Weise betreut (Stand 28. April 2020). Die Kriterien, nach denen Eltern eine Notbetreuung in Anspruch nehmen können, sind stetig erweitert worden. Mittlerweile sind auch Eltern umfasst, die beide vollumfänglich berufstätig sind. Und es soll weitere Ausweitungen geben: Kinder, die in Armut leben oder in anderen besonders schwierigen Verhältnissen, sollen in der kommenden Zeit ebenfalls vorrangig eine Betreuung bekommen. Ebenso Kinder mit besonderem pädagogischem und sprachlichen Förderbedarf.

Wir sehen die Not mancher Eltern, wir müssen jetzt aber vor allem die Entwicklungsbedarfe der Kinder in den Blick nehmen und die weitere Ausweitung der Betreuung darauf ausrichten. Wir haben in Bremen die Notbetreuung schon entsprechend erweitert.

Portrait der lächelnden Claudia Bogedan
Claudia Bogedan (SPD), Bremer Bildungssenatorin

Notbetreuung klappt nicht in allen Fällen

Doch bei der Ausweitung der Notbetreuung stellen sich viele Herausforderungen. Anne Bock ist Elternvorstand in der kleinen Kindergruppe "Goethchen" in der östlichen Vorstadt. Dort werden acht Kinder von insgesamt drei Betreuerinnen betreut. Doch der Elternverein steckt in einem Dilemma: Alle drei Betreuerinnen gehören zur Risikogruppe.

Ein paar Eltern brauchen dringend eine Notbetreuung, wollen aber gleichzeitig unsere Betreuerinnen, die alle zur Risikogruppe gehören, nicht gefährden.

Anne Bock, Elternvorstand Kindergruppe "Goethchen"

Die drei Betreuerinnen erledigten derzeit Aufgaben im Hintergrund, Vorbereitung und Organisation. Alle Eltern hätten vorübergehend andere Betreuungslösungen gefunden, durch abwechselnden Urlaub der Elternteile unter anderem. Für das kommende Kitajahr seien allerdings schon interessierte Eltern abgesprungen. Zurzeit sucht der Elternverein gemeinsam mit der Bildungsbehörde nach einer Lösung. "Wir sind derzeit dabei, auszuhandeln, ob wir möglicherweise Personal aus anderen Kitas bekommen können."

In äußersten Notfällen – beispielsweise bei Kindern von Beschäftigten im Gesundheitssystem – sind Kinder in anderen Kitas als in der eigenen, in der sie angemeldet sind, untergebracht“, teilt Bildungsressortsprecherin Kemp mit. Das sei aber bisher eine große Ausnahme und werde von den Trägern in den Regionen geregelt.

Kitas an Kapazitätsgrenze

Mark Schröder ist pädagogischer Leiter im Elternverein "Knaddeldaddel" mit Standorten in der östlichen Vorstadt und Hastedt. Der Verein verfügt normalerweise über 48 Betreuungsplätze. Zurzeit gibt es fünf Notbetreuungsgruppen. Ab der kommenden Woche seien alle Plätze belegt. "Wir haben letzte Woche Montag einen Riesenschwall an Anträgen auf Notbetreuung bekommen. Schon mit den Eltern, die wegen systemrelevanter Berufe einen Anspruch haben, kommen wir an unsere Maximalgrenze." Auch mit dem Personal sei man am Limit, denn Personalmangel habe es bereits vor der Corona-Krise in der Kita gegeben. Zudem habe seit dem 17. April, dem Tag, an dem die Ausweitung der Notbetreuung bekannt gegeben wurde, alles sehr schnell gehen müssen, denn am folgenden Dienstag sollte bereits die Notbetreuung beginnen. Schröder macht jedoch auch auf mögliche Folgen aufmerksam, falls Kinder über einen langen Zeitraum keinen Zugang zu Betreuung hätten.

Wenn es über die Sommerferien hinaus gar keine der bekannten Angebote gibt, wird das auf die Kinder Einfluss nehmen. Soziale Kontakte und soziales Lernen sind mit eine der wichtigsten Komponenten der kindlichen Entwicklung.

Mark Schröder, Kita-Leiter Elternverein "Knaddeldaddel"

Kinder freuen sich auf Zeit in Kita

Marela Lankenau ist froh, dass ihre Kinder mittlerweile in der Notbetreuung der "Fin Kids" in Findorff untergebracht sind. "Sie haben sich so darauf gefreut, es sind zwar nicht ihre besten Freunde da, aber immerhin andere Kinder." Ihr Sohn Toni ist sechs und wird im Sommer eingeschult. Gerade für Vorschulkinder sei die Betreuung wichtig, findet Lankenau. "Ich hätte da auch den Platz meiner jüngeren Tochter für ein anderes Vorschulkind hergegeben", sagt sie. "Die Lehrer werden später ein Problem haben, wenn die Kinder keinen Stift halten oder Buchstaben nicht erkennen können." Nach dem Beschluss der Jugend- und Familienminister sollen Kinder, die am Übergang zur Vorschule oder Schule stehen, eine der Gruppen darstellen, die bevorzugt Betreuung erhalten sollen.

Holger Meyer und seine Partnerin hatten bisher weniger Glück. Für eine Woche konnten sie eine Notbetreuung bekommen, weil die Kapazitäten nicht mit Eltern in systemrelevanten Berufen ausgeschöpft gewesen seien. Jetzt stehen sie ohne Betreuung für die drei und fünf Jahre alten Söhne da.

Jetzt bleibt die Kinderbetreuung in vielen Fällen wieder an der Damenwelt hängen, was mich sehr nervt.

Holger Meyer, Vater

Er selbst könne als Handwerker nicht im home office arbeiten, seine Partnerin schon. Sie trage daher mehr Last bei der Kinderbetreuung. Meyer ist es wichtig, seine Kinder möglichst wenig von der Krisensituation spüren zu lassen. "Ich sperre meine Kinder nicht ein und ich halte sie nicht in Isolation. Der Umgang von vielen in dieser Situation ist mir zu panisch."

Kinderbilder am Zaun einer Kita am Heinrich-von-Zütphen-Haus an der Hollerallee.
Bis es in Bremer Kitas wieder Regelbetrieb geben kann, wird es noch eine Weile dauern. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Nadine Scharsich ist Mutter von drei Kindern und arbeitet in einer Arztpraxis. Sie und ihr Mann haben mittlerweile für alle drei Kinder eine Notbetreuung bekommen: Ihre zwei jüngeren Kinder am Kinder- und Familienzentrum Hardenbergstraße, ihre Tochter in der Schule am Buntentorsteinweg. "Wir haben vorher im Schichtdienst erzogen. Mein Mann hat morgens im home office gearbeitet, bis ich zur Arbeit musste und mich dann mit der Betreuung abgelöst", erzählt Scharsich. Zwar schätze sie sich glücklich, jetzt Notbetreuung in Anspruch nehmen zu können. "Viele andere können diesen Luxus nicht in Anspruch nehmen." Dennoch übt die Mutter auch Kritik: "Man hat die Elternschaft am Anfang der Krise komplett alleingelassen." Plötzlich hätten sich Eltern um home schooling kümmern müssen, und das in den meisten Fällen ohne die nötige Qualifikation und neben dem Job. "Wenn wir dafür Zeit haben, ist unsere älteste Tochter oft zu müde", sagt sie.

Susanne Ohlrogge-Hauser hat Verständnis für die Lage vieler Eltern. "Ich glaube, wir haben das Ende der Fahnenstange erreicht, was die Belastungen bei den Eltern angeht", sagt die Leiterin des Elternvereins "Familien in Finforff". Viele Eltern hätten doch die Großeltern der Kinder für die Betreuung einbezogen, obwohl gerade dieser Kontakt aus Gründen des Infektionsschutzes vermieden werden soll. Die Notbetreuung sei schwierig zu organisieren gewesen, Eltern hätten beispielsweise kritisiert, dass wechselnde Kolleginnen die Kinder betreuten. Die Kinder hätten sich der Situation aber sehr gut angepasst. An die Eltern gebe sie weiter, dass die derzeitige Situation ein Ausnahmezustand für alle sei.

Ich bin für mehr Lockerungen, aus pädagogischer Sicht, aber auch, weil ich glaube, dass anhaltende Beschränkungen die Unzufriedenheit schüren. Aber ich sehe das auch ambivalent und frage mich, ob das für die Risikogruppen rücksichtsvoll genug ist.

Susanne Ohlrogge-Hauser, Kita-Leiterin Familien in Findorff

Diese Ideen hat die Zentralelternvertretung Bremen

Die Frage, wie weit die Lockerungen für Kinder unter Berücksichtigung des Gesundheitsschutzes gehen können, wird viel diskutiert. Die Zentralelternvertretung Bremen (ZEV) hat ein ausführliches Positionspapier entwickelt, das sie als Diskussionsanstoß verstanden wissen will. Für Kinder seien direkte Kontakte wichtig, Kontakte unter Verwendung digitaler Medien seien nicht annähernd gleichwertig. "Das Fehlen außerfamiliärer Kontakte hat Auswirkungen auf Bindungsfähigkeiten, frühkindliche Bildung, soziale Kompetenz, Sprachförderung etc.", heißt es in der Stellungnahme.

Kinder- und Jugendärzte stützen diese These. Auch die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin will in der Debatte um die Corona-Beschränkungen die Belange der Kinder in den Fokus rücken. Der Bremer ZEV schlägt beispielsweise vor, dass Kinder, die in der Notbetreuung nicht unterkommen können, anders in festen Gruppen von maximal fünf Kindern gemeinsam betreut werden können. "Uns ist klar, dass nicht alle Punkte umsetzbar sind", sagt Vorstandsmitglied Ann-Kathrin Rohde. "Wir sind im Kontakt mit der Bildungsbehörde, unsere Ideen sollen in die weitere Diskussion einfließen."

Noch ist nicht abschließend geklärt, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus spielen. Doch eine deutsche Studie legt nahe, dass Kinder ebenso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Die Zahl der Viren, die sich in den Atemwegen nachweisen lässt, unterscheide sich bei verschiedenen Altersgruppen nicht, berichten Forscher um den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité. Eine weitere Studie läuft derzeit an vier baden-württembergischen Universitätskliniken. In Heidelberg, Freiburg, Ulm und Tübingen sollen jeweils 2.000 Kinder zwischen einem und zehn Jahren und 2.000 Elternteile auf eine aktuelle Covid-19-Erkrankung getestet werden. Zusätzlich gibt es einen Antikörper-Bluttest, um festzustellen, ob die Probanden in den vergangenen Monaten bereits infiziert waren. Die Ergebnisse werden die Diskussion über Kinder als Virus-Verbreiter weiter befeuern.

Corona-Krise: Und wer denkt an die Kita-Kinder?

Video vom 19. April 2020
Eine Mutter mit zwei Kindern auf dem Arm telefoniert und sitzt am Laptop.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Verena Patel Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. April 2020, 19:30 Uhr