Fragen & Antworten

Bringt die Massenimfpung Corona zur Strecke? Wie Pandemien enden

Seit diesem Sonntag werden in Bremen und Bremerhaven Menschen gegen Corona geimpft. Bedeutet das das baldige Ende von Covid-19? Andere Pandemien geben Antworten.

Coronavirus-Modell mit Impfspritze (Symbolbild)
Die WHO hofft, durch eine Massenimpfung die Corona-Pandemie stoppen zu können. Bild: Imago | Christian Ohde

Millionen Menschen sterben Jahr für Jahr an wenigen Infektionskrankheiten, die sich zeitweise über den gesamten Erdball verbreiten. Man nennt derartig verbreitete Seuchen Pandemien. Doch offenbar tobt keine dieser Krankheiten ewig oder pausenlos. Auch die Corona-Pandemie wird, so die Hoffnung, in absehbarer Zeit enden.

Wie endet eine Pandemie?
Eine Pandemie endet, wenn die Zahl der Erkrankten stark zurückgeht. Das geschieht, wenn ein Großteil der Bevölkerung die Krankheit überstanden und eine Immunität entwickelt hat. Oder dann, wenn es Impfstoffe gibt und sich so viele Menschen impfen lassen, dass die Infektionsketten des Erregers auf diese Weise unterbrochen werden. Denn dann kann sich die Krankheit nicht weiter verbreiten. Man spricht in diesem Fall von einer Herdenimmunität.

Manche Pandemien, darunter die der ab 1918 grassierenden Spanischen Grippe, haben allerdings nie ein richtiges Ende gefunden. Das Virus ist lediglich in eine weniger aggressive Form mutiert, so dass die pandemische Influenza in eine "normale" Grippe überging und schließlich abflaute.

Gegen andere weltweit verbreitete Infektionskrankheiten gibt es bis heute keine Schutzimpfung. Die Menschen müssen mit ihnen leben. Dazu zählt insbesondere die Immunschwächekrankheit AIDS, die seit 1981 als eigenständige Krankheit geführt wird. Weltweit sind über 35 Millionen Menschen infolge einer Infektion mit dem HI-Virus gestorben, fast 40 Millionen Menschen galten im Jahr 2019 als infiziert. AIDS zählt zu den größten Pandemien in der Geschichte der Menschheit.

In Mitteleuropa ist die Krankheit allerdings seltener geworden und lässt sich zudem oft gut mit neuen Medikamenten behandeln, wenn auch nicht heilen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) waren Ende 2019 1.400 bis 1.700 Personen im Land Bremen mit dem HI-Virus infiziert. Es kam demnach 2019 zu 50 Neuinfektionen mit HIV in Bremen.

So entsteht Herdenimmunität

Was ist Herdenimmunität?
Bild: Radio Bremen
Wie wird die Corona-Pandemie enden?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) glaubt, dass die Corona-Pandemie umso schneller enden wird, je mehr Menschen möglichst bald gegen das Virus geimpft werden. Dass Ende der Corona-Pandemie werde erreicht, wenn rund zwei Drittel der Bevölkerung gegen das Virus geimpft sind, prognostiziert die WHO, die Bundesregierung sieht es genauso.

Doch nicht alle Experten sind sich in diesem Punkt einig. So hat Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, erst kürzlich gegenüber buten un binnen betont, dass sie bei Corona eine Impfquote von über 70 Prozent für erforderlich hält, damit die Gesellschaft wieder zu einem normalen Leben zurückkehren kann.
Wovon hängt ab, wie viele Menschen geimpft sein müssen, um eine Seuche einzudämmen?
Vor allem davon, wie ansteckend die Krankheit ist. Die Infektiösität eines Erregers drückt sich in der Reproduktionszahl aus, dem so genannten R-Null-Wert. Am Beispiel des Masernvirus erklärt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie der Uni Bremen: "Bei den Masern würde eine Person in einer hypothetischen, nicht geimpften Population etwa 16 Personen anstecken." Um die Verbreitung der Masern zu verhindern, müssten 95 Prozent der Bevölkerung gegen den Erreger geimpft sein. Werde diese Wert unterschritten, komme es zu neuen Ausbrüchen der Masern, wie voriges Jahr in Deutschland geschehen.

Im Falle von Corona sieht es etwas anders aus. "Wir kennen den R-Null-Wert von Covid-19 noch nicht genau", so Zeeb. Man gehe aber davon aus, dass eine Person in einer hypothetischen, nicht geimpften Population etwa drei bis vier andere anstecken würde. Das gelte zumindest für die in Deutschland verbreitete Form des Virus.

Aus diesem Wert lasse sich ableiten, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung gegen Covid-19 geimpft werden müssten, um die Seuche einzudämmen. Helfen könnte dabei auch, dass sich im weiteren Verlauf der Pandemie immer mehr Menschen mit dem Virus infizierten und eine Immunität entwickelten. Mehrfachinfektionen mit dem Coronavirus seien zwar möglich, nicht aber die Regel, so Zeeb.
Schwarzweiß-Foto von einer Massen-Pockenimpfung im Jahr 1960
Die Pocken konnten mit massenhaften weltweiten Impfungen in den sechziger und siebziger Jahren schließlich ausgerottet werden. Bild: dpa
Lässt sich das Coronavirus auch ganz ausrotten?
Wohl nicht. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist es bisher überhaupt erst ein einziges Mal geglückt, eine Infektionskrankheit weltweit durch Impfung auszurotten: Die Pocken gelten seit 1978 als ausgestorben. Noch in den sechziger Jahren waren rund zwei Millionen Menschen an den Pocken erkrankt, 30 Prozent von ihnen starben. Derzeit versucht die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Masern und die Röteln weltweit durch Impfungen zu eliminieren.

Das aber ist im Fall des Coronavirus kein realistisches Ziel: Anders als die Pocken, die nur Menschen befallen haben, haben Coronaviren einen tierischen Wirt. Sie könnten daher jederzeit wieder vom Tier auf den Menschen übergehen. Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb geht davon aus, "dass sich Covid-19 langfristig in die Reihe bekannter Erreger einreihen wird, die immer mal wieder ausbrechen". Allerdings werde das Virus mit fortschreitender Immunität in der Bevölkerung hoffentlich an Bedeutung verlieren.
Hajo Zeeb zu Gast im Studio von buten un binnen.
Glaubt, dass uns das Coronavirus trotz Massenimpfung erhalten bleiben wird: der Epidemiologe Hajo Zeeb. Bild: Radio Bremen
Wieso konnte sich das Coronavirus überhaupt so weit ausbreiten?
Entscheidend für die rasante Verbreitung von Covid-19 ist aus Sicht Hajo Zeebs insbesondere, dass man, ohne es zu merken, mit dem Virus infiziert sein und es daher unwissentlich übertragen kann. In diesem Punkt unterscheidet sich Covid-19 wesentlich von dem ersten SARS-Virus, das 2002 und 2003 die Welt in Aufregung versetzte: Dieses Virus war erst etwa zehn Tage nach Auftreten der ersten Symptome besonders ansteckend. Man konnte die Erkrankten leichter erkennen und isolieren – und so die Seuche schließlich in den Griff bekommen.

Doch auch der variable, mal schwere, mal mildere Verlauf der Covid-19-Infektion begünstigt die Ausbreitung der Krankheit, glaubt Hajo Zeeb: "Andere schwere Epidemien bringen ihren Wirt um und verbreiten sich deshalb nicht weltweit."
Krankenschwestern tragen eine Liege zu einem Krankenwagen (Archivbild)
Die Weltweite Influenza-Pandemie forder zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen Todesopfer. Bild: DPA | akg
Was unterscheidet die Corona-Pandemie außerdem von anderen Pandemien?
Zumindest in jüngerer Vergangenheit hat es keine Pandemie gegeben mit vergleichbar vielen Infizierten und Toten in derartig kurzer Zeit. Die Art und Weise aber, in der sich die Seuche ausgebreitet hat, ist nicht ungewöhnlich, sondern sogar typisch. "Der wellenförmige Verlauf ist die Regel bei vielen Pandemien und Epidemien", sagt Hajo Zeeb.

Er denkt dabei an die ab 2009 grassierende Schweinegrippe, an die Hong-Kong-Grippe aus den späten sechziger Jahren und vor allem an die ab Ende des Ersten Weltkriegs wütende Spanische Grippe, die 20 bis 50 Millionen Menschenleben forderte, allein 300.000 in Deutschland. "Auch die Spanische Grippe hat sich dort besonders rasant verbreitet, wo viele Menschen eng beisammen lebten", beschreibt Zeeb die entscheidende Analogie zur Corona-Pandemie.
Wann werden 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung gegen Corona geimpft sein, sodass es eine Herdenimmunität in Bremen gibt und die Pandemie bei uns abebbt?
Die Frage lässt sich nur auf spekulativer Ebene und mithilfe von Modellrechnungen beantworten. Das Gesundheitsressort hat für die verbliebenen Dezembertage etwa 5.000 Impfdosen zur Verfügung. Das Ressort rechnet für den Januar mit weiteren rund 40.000. Sollte es dabei bleiben, hieße das: Da jeder Person zwei Dosen verabreicht werden, könnten in dieser Zeit maximal 22.500 der rund 690.000 Einwohner des Landes Bremen gegen Corona geimpft werden.

Je nach Verfügbarkeit des Impfstoffs und Impfwille der Bevölkerung bräuchte Bremen vermutlich zwei, drei Jahre oder noch länger, um zwei Drittel seiner Bevölkerung zu impfen und somit für eine Herdenimmunität zu sorgen.

Wer wird wann gegen Corona geimpft?

Video vom 27. Dezember 2020
Eine Grafik mit der Überschrift "Wer wird wann gemipft?". Zu sehen sind Spritzen, im Hintergrund die Umrisse von Bremen und Bremerhaven sowie die Zahl "4875".
Bild: Radio Bremen

Das Bremer Gesundheitsressort geht davon aus, dass wahrscheinlich schon im Januar ein weiterer Impfstoff eines zweiten Herstellers in Deutschland zugelassen wird: jener Modernas. Spätestens dann könnte Bremen die Schlagzahl erheblich erhöhen. In welchem Maße, darüber lasse sich derzeit nur spekulieren, so eine Sprecherin des Ressorts.

In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk zeigte sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag sogar "sehr zuversichtlich", dass Deutschland bis Mitte des Jahres 2021 jedem ein Impfangebot werde machen können, der sich gegen das Coronavirus impfen lassen wolle. Spahn begründet seinen Optimismus zum einen mit der bevorstehenden Zulassung des Moderna-Impfstoffs. Zum anderen glaubt er, dass weitere Präparate demnächst folgen werden. Auch sei davon auszugehen, dass die Firma Biontech die Produktion ihres Impfstoffs demnächst werde hochfahren können. Der Biontech-Impfstoff wird in Deutschland bereits seit einigen Tagen verabreicht.

Fraglich ist allerdings, ob sich überhaupt mehr als 60 Prozent der Bremerinnen und Bremer impfen lassen wollen. Nach einer Umfrage des ZDF-Politbarometers vom 27. November wollten sich nur 51 Prozent der deutschen Bevölkerung gegen Covid-19 impfen lassen. 20 Prozent wollten es nicht, 29 Prozent waren noch unsicher. Eine Impfpflicht, wie es sie in Deutschland für die Masern bereits gibt, schließt das Bundesgesundheitsministerium derzeit aus.

"Globale Impfungen sind nötig, um die Pandemie einzudämmen"

Video vom 27. Dezember 2020
Epidemiologe Hajo Zeeb im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Dezember 2020, 19:30 Uhr