Obdachlose und Corona – "Auf der Straße ist es noch härter geworden"

Schon in normalen Zeiten ist das Leben ohne Wohnung hart. Durch die Corona-Einschränkungen ist vieles noch schwieriger bis unmöglich geworden.

Helfer mit Mundschutzmaske und Handschuhe reicht einem Obdachlosen ein Lunchpaket
Die Caritas verteilt täglich Lunchpakete an Bremer Obdachlose.

"Guck mal, der hat 'ne Frauenjeans an", ruft einer aus einer Gruppe von Obdachlosen, die sich auf der Bürgerweide getroffen haben. "Der" ist Ronny. Ronny trägt weiße Adidas-Superstar-Sneakers, eine schwarze Jacke und eine hautenge blaue Damen-Röhrenjeans, die er aus einem Kleidercontainer hat. "Ach, das ist mir egal, was die sagen", sagt Ronny. Eine neue Hose ist nicht das eigentliche Problem, dass er und viele andere Obdachlose in Zeiten des Corona-Lockdowns haben. Vielmehr müssen sie zusehen, wo sie überhaupt täglich etwas zu essen bekommen, wo sie sich duschen und ihre Wäsche waschen können.

Hilfsstellen wegen Corona-Beschränkungen zum Teil noch geschlossen

Mit der Corona-Krise mussten viele Anlaufstellen für Obdachlose aus hygienischen Gründen schließen oder ihr Angebot einschränken. Einrichtunge wie das" [an]docken", das "Café Papagei", das "Frauenzimmer" oder die "Johannes-Oase". Zahlreiche Angebote wie gemeinsames Essen, in Gruppen treffen, Duschen und Wäsche waschen standen kaum mehr zur Verfügung. "Das war richtig schlimm", erinnert sich Ronny. "Man muss ja mal zwischendurch duschen, man kann ja nicht rumlaufen und stinken", so der 53-Jährige. Ronny hat sich damit beholfen, dass er zu Bekannten in ein Altenheim in Findorff gegangen ist. "Ich bin für die älteren Leute einkaufen gegangen. Dann habe ich das Essen abgegeben und konnte unten im Keller duschen und meine Wäsche waschen."

Es bedeutet, dass einem auch noch die letzte menschliche Würde genommen wird, weil, wenn man sich nicht mehr sauber halten kann, dann fühlt man sich selber schmutzig und unhygienisch.

Markus, Obdachloser
Zwei Waschmaschinen und zwei Wäschetrockner und zwei blaue Wäschekörbe
In der Johannes-Oase gibt es eigentlich zwei Duschen. Im Moment darf aber nur eine benutzt werden. Deshalb können deutlich weniger Menschen am Tag dort duschen und Wäsche waschen.

Auch andere Obdachlose leiden unter dem Corona-Lockdown und der Tatsache, dass es kaum Waschmöglichkeiten gab. "Das war scheiße", sagt Markus. "Gerade zu Corona-Zeiten, wo man eigentlich öfter mal die Hände waschen sollte, um sich vor dem Virus zu schützen."  Der 58-Jährige ist nach einem Burn-Out seit zwei Jahren obdachlos. Vorher war er Abteilungsleiter in einer IT-Firma und lebte in einem Einfamilienhaus. In eine Notunterkunft möchte Markus nicht. Die sei ihm zu gefährlich. "Man wird bestohlen oder nachts verprügelt." Darum kommt er zum duschen und waschen in die "Johannes-Oase".

Psychischer Druck unter Obdachlosen steigt

Viele Obdachlose sind noch angespannter als sonst, bestätigt Cornelius Peters. Er ist Bereichsleiter der sozialen Dienste bei der Caritas. "Alle Anlaufstellen, wo sie sich treffen konnten, sich austauschen konnten untereinander, wo sie sich Hilfe holen konnten – die sind von heute auf morgen weggebrochen, und die Obdachlosen stehen da allein mit ihren Problemen und das ist schon ein harter Einschnitt." Außerdem haben die Obdachlosen damit zu kämpfen, Geld auf der Straße zu verdienen. Dadurch, dass Corona das öffentliche Leben lahm gelegt hat, waren und sind weniger Menschen aus Angst vor der Infektion auf den Straßen unterwegs. "Früher hat man sich so durchgeschlagen, man schnorrt von anderen, man hat einen Becher, wo die Leute immer Geld reinwerfen", sagt Ronny. Und das ist im Moment nur eingeschränkt möglich.

Essensausgaben wichtiger denn je

Die St. Johannes Kirche am Mittag. Hier hat sich eine kleine Schlange von ungefähr 60 Menschen gebildet. Sie stehen für Lunchpakete an, gefüllt mit Schokolade, Obst und einem Getränk. Svenja Schulz, Sozialpädagogin in der Sozialberatung der Caritas hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Cornelius Peters das Mittagessen von einem Imbiss an der Domsheide geholt. Seit Ende März verteilt die Caritas hier täglich Lebensmittel. Die ersten Menschen kommen schon um 9 Uhr, erzählen die beiden Caritas-Mitarbeiter. Denn hier gilt das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. "Stell Dich hinten an", rufen die Leute, die in der Schlange stehen, einer älteren Dame zu. "Nicht vordrängeln. Du bist zu spät gekommen", zischen sie sie von der Seite an. Die Lage ist für einige Sekunden angespannt. Es geht hier um die Existenz, um grundlegende Bedürfnisse.

Auf einer Bank sitzt Bianca. Die 54-Jährige ist wohnungslos und lebt seit vier Jahren auf einer Parzelle. Sie kommt hier jeden Mittag hin, um zu essen. "Schmeckt sehr gut", sagt sie. 

Ich finde es toll, dass es solche Organisationen gibt, wo man Essen bekommen kann. Wenn es die nicht geben würde, dann wären da viele, die wirklich verhungern würden.

Bianca, Obdachlose
Obdachlose Frau mit Hut sitzt auf einer Baumbank und isst zu Mittag, hält eine Plastikgabel in der Hand
Bianca Doll wohnt seit vier Jahren auf Parzelle. Zum Essen kommt sie in die Johannes-Oase oder geht auf die Bürgerweide zu den Bremer Suppenengel.

Bianca schiebt sich ein Kebap-Bällchen in den Mund. In ihrem Mund blinkt ein silberner Zahn, der einzige im Unterkiefer. "Erstmal reicht das für das Mittagessen aus", sagt sie. Sie möchte gleich rüber auf die Bürgerweide. Dort stehen die Bremer Suppenengel und teilen Lebensmittel aus. Wer bei der "Johannes-Oase" nichts bekommen hat, kann hier Lebensmittel mit nach Hause nehmen. An manchen Tagen gibt es auch eine warme Mahlzeit, wenn Bremer Gastronomiebetreiber warmes Essen spenden.

Corona-Hygiene-Regeln müssen eingehalten werden

Vor dem Zelt auf der Bürgerweide stehen Pylonen im Abstand von zwei Metern. An den Pylonen hängen Plastiktaschen und Tüten. "Wer früher kommt und seine Tasche an eine Pylone hängt, hat bessere Chancen, dass Bessere zu ergattern. Vordrängeln gibt es hier nicht. Wenn das vorkommt, müssen wir die Leute nach hinten verweisen", sagt Johannes. Der 33-Jährige ist hier für die Sicherheit zuständig. Er erzählt, dass die ersten Leute zum Teil schon morgens um sechs aufkreuzen. Auch hier stehen die Menschen in mehreren Schlangen. "Abstand halten!" Immer wieder muss Johannes die Wartenden auf die Corona-Regeln hinweisen.

Ein obdachloser Mann und eine obdachlose Frau, die eine beige Hose in der Hand hält, stehen vor einem Kleider-Stand und einem Zelt
Ronny verkauft seit zwei Wochen wieder die Obdachlosen-Zeitung. Zu Beginn der Corona-Krise war das nicht möglich.

Nach und nach darf jeder ins Zelt. Vorher aber müssen sie sich die Hände desinfizieren und ihre Mundschutzmasken aufsetzen. "Brokkoli, Salat, oder Suppengrün?“, fragt ein ehrenamtlicher Helfer. Im Zelt wird frisches Gemüse und Obst, Brot, Kuchen, Fertiggerichte ausgeteilt. Zwischen 110 und 160 Menschen kommen täglich hier her. Und keiner gehe leer aus, so die Helfer. Einmal die Woche steht hier sogar ein Stand mit Kleidern, wie heute. Eine Freundin von Ronny ist fündig geworden. Eine beige Stoffhose konnte sie für ihn ergattern. "Komm Ronny, zieh dir diese Hose an!“ In der neuen Hose ist er vor dem Spott der anderen sicher.

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Autorin

  • Necla Süre

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. Juni 2020, 23:30 Uhr