"Die Leute wollen raus!" Bremer Reisebüros sehnen Restart herbei

Die Corona-Pandemie trifft die Reisebranche ins Mark. Bremer Reiseunternehmer berichten von dramatischen Umsatzeinbrüchen. Sie hoffen auf den Pauschaltourismus im Sommer.

Ein Paar sitzt an einem Hotelpool auf einer Sonnenliege.
Nicht nur viele Bremerinnen und Bremer sehnen sich nach einem Urlaub am Hotelpool auf der Sonnenliege. Auch die Reisebüros würden entsprechende Reisen gern wieder verkaufen. Bild: DPA | Benjamin Nolte

Eine Filiale hat Bünyamin Sereflioglu bereits schließen müssen. Sein Reisebüro in der Leher Heerstraße ist seit Ende Dezember dicht. Doch auch die Zukunft des Büros am Bremer Flughafen sei ungewiss, sagt der Inhaber der Trio Reisen GmbH: "Ich habe das Unternehmen direkt nach dem 11. September 2001 übernommen, mitten in der Krise. Kaum einer wollte damals verreisen. Aber jetzt ist es noch viel schlimmer", beschreibt er den Ernst der Lage. Die Corona-Pandemie hat den Tourismus weltweit nahezu lahmgelegt. Die Reisebüros trifft es besonders hart. Sereflioglu kann davon ein Lied singen.

Sämtliche seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien seit September in Kurzarbeit, sagt er. Zwei hätten gekündigt. Um den Betrieb dennoch aufrecht zu erhalten, nimmt Sereflioglu alle Anrufe selbst entgegen und beantwortet auch die Emails allein. Um die Kosten noch ein bisschen weiter zu drücken, wird er mit Trio Reisen zum ersten März ein paar Meter weiter in ein kleineres Büro am Flughafen ziehen und das jetzige aufgeben.

Wir haben fast keine Einnahmen. Die Fixkosten setzen uns zu. Hier am Flughafen passiert nichts.

Reisebüro-Inhaber Bünyamin Sereflioglu

Größte Krise des Berufslebens

Das menschenleere, leere Empfangsgebäude des Bremer Flughafens. (Archivbild)
Der Bremer Flughafen im Lockdown: wie verwaist. Bild: DPA | foto2press | Oliver Baumgart

Seit fast 30 Jahren arbeitet Sereflioglu in der Reisebranche. Eine Misere, die sich mit der Coronakrise auch nur ansatzweise vergleichen lassen, habe er in dieser Zeit aber nicht erlebt, versichert der Unternehmer. "Wenn die Reisewarnungen nicht bald aufgehoben werden, sieht es nicht rosig aus", sagt er. Dass er überhaupt noch am Markt sei, verdanke er den Konjunkturpaketen I und II. Derzeit hielten ihn die Überbrückungshilfen über Wasser, jedoch nur bis zum Mai. Wie es danach weitergehe, wisse er nicht.

Dabei ist sich Sereflioglu ziemlich sicher, dass die Geschäfte der Reisebüros schnell wieder ins Rollen kommen werden, wenn die Pandemie denn endlich abflauen sollte. "Die Leute wollen reisen, wahnsinnig gern. Das hören wir immer wieder", sagt er. Der Unternehmer glaubt, dass seine Branche im Jahr 2022 vielleicht sogar wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen könne. Fast trotzig fügt er hinzu: "Ich möchte dieses Jahr wieder zwei Auszubildende einstellen."

"Finden keine Reisen statt, werden wir nicht bezahlt"

Dunkler Bildschirm mit Headset in einem Reisebüro (Archivbild)
Ein dunkler Bildschirm statt Kunden: Seit Monaten traurige Realität in vielen Bremer Reisebüros. Bild: DPA | Keystone/Ennio Leanza

Den Umzug in ein neues Büro, der Sereflioglu unmittelbar bevorsteht, haben Nadine Riemann und ihr Mann gerade hinter sich. Sie sind mit ihrem Sonnenklar-Reisebüro Bremen City kürzlich in die Pieperstraße gezogen. Dort musste ein anderer Reiseanbieter die Segel streichen. Auch den Riemanns ging es beruflich schon deutlich besser. "Finden keine Reisen statt, werden wir nicht bezahlt", beschreibt Nadine Riemann das Problem. Ihre Umsatzeinbußen seit Beginn der Corona-Pandemie lägen bei etwa 80 Prozent gegenüber der Zeit vor der Seuche. Den rund 200 weiteren Bremer Reisebüros dürfe es ähnlich gehen, glaubt sie.

Trotzdem legt Riemann Wert auf die Feststellung, dass sie nicht jammern wolle: "Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir Überbrückungshilfen bekommen haben. Sonst könnten wir nicht mehr existieren", stellt sie fest. "Wären wir in einem anderen Land, wären wir vielleicht schon pleite", fügt die Unternehmerin hinzu.

Gleichwohl sei die Situation desaströs. Genau wie ihren Kollegen Sereflioglu hält Riemann die Hoffnung aufrecht, dass die Kundinnen und Kunden derzeit zwar notgedrungen warteten, aber nicht verloren seien.

Wenn es wieder losgeht, wird es einen Boom geben. Die Leute wollen raus!

Reisebüro-Inhaberin Nadine Riemann

Pauschalreisen könnten zuerst wieder laufen

Riemann bietet nach eigenen Angaben "alles" an, was es an Reisen gibt. Von Kreuzfahrten bis zu Individualreisen in aller Herren Länder. Allerdings, glaubt sie, dass zunächst die Pauschalreisen wieder anziehen werden: "Da ist man komplett abgesichert." Viele Reiseunternehmer böten zudem derzeit kostenlose Stornos bis 14 Tage vor der Abreise an.

Verlässliche Zahlen dazu, wie weit die Krise der Reisebüros in Bremen und bundesweit reicht, gibt es kaum. "Die Insolvenzantragspflicht ist zuletzt immer ausgesetzt worden", erklärt Torsten Schäfer, Pressesprecher des Deutschen Reiseverbands. Tatsächlich hat die Bundesregierung die Insolvenzantragspflicht erst vor wenigen Tagen erneut ausgesetzt: bis Ende April.

Reiseverband fordert digitalen Impfpass

Davon unberührt sei klar aber, dass sich sehr viele Reisebüros in ihrer Existenz bedroht fühlten, sagt Schäfer. Gegenüber dem Januar 2020, als Corona noch nicht so verbreitet war, seien die Umsätze der Branche im Januar 2021 um 90 Prozent geringer ausgefallen. Um eine große Pleitewelle zu verhindern, fordert der Deutsche Reiseverband von der Politik, dass sie "Freiheitsbeschränkungen verantwortungsvoll zurücknehmen" und "internationale Mobilität ermöglichen" solle, wie es in einer Mitteilung des Verbands vom 22. Februar heißt. Darin stellt der Verband einen 8-Punkte-Plan für einen "Restart der Reisewirtschaft" vor.

Der Plan setzt insbesondere auf zusätzliche Coronatests anstelle von Quarantäne. Auch macht sich der Reiseverband für den digitalen Impfpass stark, wie ihn auch einige Nachbarländer einführen wollen. "Der Impfnachweis sollte in standardisierter und digitaler Form vorhanden sein, um die internationale Anerkennung und Integration in die Reisekette zu erleichtern", heißt es dazu in dem Positionspapier.

Wie schlecht es genau um Deutschlands Reisebranche bestellt ist – dazu wird es demnächst weitere Informationen geben: "Am 3. März stellen wir neue Zahlen vor", kündigt Reiseverbands-Sprecher Torsten Schäfer an. Schon jetzt ist absehbar: Die Zahlen könnten noch düsterer ausfallen als jene aus dem Januar.

Wie Corona die Urlaubsplanung der Bremer beeinflusst

Video vom 17. Januar 2021
Schilder verschiedener Fluggesellschaften, die an der Decke hängen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Februar 2021, 19:30 Uhr