Tag 1 der Lockerung: So hat Bremen die neuen Coronafreiheiten genutzt

Seit dem 18. März hatten viele Geschäfte im Land Bremen wegen Corona geschlossen. So lief der erste Verkaufstag nach über einem Monat Shopping-Abstinenz.

Video vom 20. April 2020
Ein Frau zieht einer Schaufensterpuppe eine Schutzmaske an.

Es war der Tag des Konsum-Wiedererwachens: Langsam und vorsichtig tasten sich Händler wie Käufer an die "neue Normalität" heran. Dabei gibt es viel zu lernen: Wie verpflichtend sind Masken? Wie viel Abstand ist Abstand genug? Und vor allem aus Sicht des Handels: Wie viele Menschen machen sich denn überhaupt auf den Weg in die Geschäfte?

Erster schneller Befund: "Die Leute achten sehr, sehr gut auf den Abstand", berichtet Anton Richter vom Fahrradladen "Speiche" im Ostertor. Im Laden, wie auch davor. Was hier oder da durchaus auch mit dem Einfallsreichtum der Händler zusammenhängen mag, ihre Kundschaft an die neuen Gebote zu erinnern: "Bitte etwa 48 Buchbreiten Abstand halten (das sind 1,5 Meter)" hat etwa die Georg-Büchner-Buchhandlung vor dem Laden angeschlagen.

Lieferservice rettete über die erste Durststrecke

Schild "Zutritt nur einzeln" in einem Laden-Schaufenster
Die Läden müssen ihre Kunden in Bremen weiterhin auf Abstand halten.

Von einem verhaltenen Anlauf berichtete Jürgen Gerhard Klecha-Wellmann von "articolo". Das Spielzeuggeschäft mit drei Läden in Schwachhausen, der Neustadt und Borgfeld spricht von einem "Herantasten an die neue Normalität". Was aber auch damit zusammenhängen mag, dass seine Kundinnen und Kunden während der vergangenen Wochen nicht auf dem Trockenen saßen: Der Spielzeugladen hat wie viele andere Geschäfte auch einen Lieferservice angeboten. Und der sei auch erstaunlich gut angenommen worden: Etwa ein Drittel seines normalen Umsatzes konnte Klecha-Wellmann so machen.

Auch Beruta Adolf von der Buchhandlung Büchner berichtet, dass sie in der Schließzeit durch einen Online-Shop einiges hat verkaufen können, aber natürlich Einbußen verbleiben. Bei anderen Händlern dagegen lief es sogar ganz außerordentlich gut. Ein Verkäufer von Garten- und Terrassenmöbeln hatte nicht einmal Zeit für ein richtiges Telefonat: "Hier ist es rappelvoll." Das Wetter der nächsten Tage macht seine Ware nun aber auch gerade zu einer besonders begehrten.

Viele Masken, auch ohne Pflicht

Coronamaske in Schaufenster eines Optikers im Bremer Viertel
Corona-Schutzmasken: Das neue Mode-Accessoire eines Bremer Optikers.

Was sich durch alle Berichte zieht: Die Kunden machen fabelhaft mit. Abstand, Maske, Hände desinfizieren – die Disziplin auf beiden Seiten des Tresens ist bemerkenswert. Und an den Ladentüren steht natürlich Desinfektionsmittel, beim Spielzeugladen wie bei der Buchhandlung oder auch dem Fahrradgeschäft.

Auch das Ordnungsamt zeigt sich zufrieden mit "Tag Eins". Auf Anfrage heißt es, die Vorgaben würden allgemein gut eingehalten: "Bislang kam es in der Innenstadt zu keinen Beanstandungen." Auch ohne offizielle Maskenpflicht nehme die Zahl derjenigen zu, die freiwillig eine tragen.

Zumindest in Bremen. In Bremerhaven waren eher weniger Menschen mit Maske vor Mund und Nase in der Innenstadt unterwegs. Die Bremerhavener Polizei hatte allerdings keine Einsätze wegen der Corona-Lockerungen. Im "Mein Outlet-Shopping-Center" (ehemals Mediterraneo) hätten die Händler die Sicherheitsvorgaben "vorbildlich umgesetzt", heißt es bei der Polizei. Etwas "Nachholbedarf" sieht sie bei denen im Columbus-Center: Dort gebe es bei Vorkehrungen, um die Abstände ausreichend zu halten, ab und an noch etwas zu verbessern.

Der Bremerhavener Handel sieht in den ersten Lockerungen nur den "erster Schritt", nicht aber bereits den "Befreiungsschlag", sagt Jan König, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Nordwest. Die 800-Quadratmeter-Regel sei beispielsweise "nicht nachvollziehbar" und löse "großes Unverständnis" aus. Für besser und nachvollziehbarer hielt er eine Grenze nach Besucherzahlen. Der Einzelhandelsverband wünscht sich klare Standards, die zudem möglichst einheitlich für Bremen und Niedersachsen gelten sollten.

Gastronomie fehlt für gute Stimmung

Corona-Durchhalte-Schild an einem Laden im Bremer Viertel
Ladenbesitzer machen ihren Kunden Mut - und sich selbst damit auch.

Der eher zurückhaltende Neustart ist auch das, was Karsten Nowak, Geschäftsführer für den Bereich Einzelhandel bei der Industrie- und Handelskammer Bremen und Bremerhaven, beobachtet hat: "Dieser unbeschwerte Einkauf mit Bummeln geht ja noch gar nicht wieder." Das liege sicher auch daran, dass beispielsweise die Gastronomie als Begleitgeschäft fehlt. Das sei für gemütliches Shopping wichtig. Und auf dieser psychologischen Ebene fehlt noch einiges, um wieder in Kauflaune zu kommen, so Nowak: "Corona hält ja noch an."

Er vermutet, dass der Handel sich insgesamt sicher noch für einige Zeit auf eher niedrige Umsatzvolumen einstellen müsse. Solange noch die allgemeine Unsicherheit anhält, neige kaum jemand dazu, sich etwas zu kaufen, was nicht gerade unabdingbar ist. Das alles sind jedoch nur "gefühlte Wahrheiten". Zahlen hat Nowak nicht und bekommt sie so bald auch nicht rein: Die Kammer wollte den Kaufleuten in dieser stressigen Zeit nun nicht auch noch mit Umsatzabfragen kommen.

Geschäft in Bremen mit Corona-Sicherheitsvorkehrung
Abstand halten: Für das Shopping in Coronazeiten gelten klare Hygieneregeln.

Aber auch ohne konkrete Zahlen: Die Erleichterung, dass es wieder anläuft, ist allenthalten zu spüren. Bine Schütz, Mitarbeiterin in einem Laden für Wohnaccessoirs im Viertel sagt: "Man hatte schon immer die Angst, wie geht es überhaupt weiter? Wie schafft man das finanziell? Mein Mann war ja auch in Kurzarbeit geschickt worden." Nun setzt eine gewisse Normalisierung ein. Und sei es mit der Vorbereitung für die inzwischen buchstäbliche "neue Normalität": Studentin Jennifer Manski etwa war zum Einkaufen bei einem Handarbeitsgeschäft: "Ich bin hier, um Stoff zu kaufen, um Masken selbst zu machen, weil die online ja schwer erhältlich sind."

Autoren

  • Karl-Henry Lahmann
  • Necla Süre

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. April 2020, 19:30 Uhr