Interview

Obdachlos in Corona-Zeiten: So wird geholfen

Die Innere Mission musste viele Angebote für Wohnungslose in Bremen schließen. Jetzt sollen die sozialen Angebote schrittweise wieder ausgebaut werden.

Ein wohnungsloser Mann liegt auf dem Boden unter einer blauen Decke, sein Kopf unter einer Zeitung.
Die Corona-Pandemie trifft Obdachlose in Bremen hart. Bild: DPA | Sven Simon

Die Innere Mission in Bremen schätzt die Zahl der wohnungslose Menschen in Bremen auf 600. Sie sind von der Corona-Pandemie besonders betroffen: Schwierige Hygienebedingungen, kaum Austausch untereinander und eine soziale Distanz, die die Hemmschwelle zwischen Menschen mit festem Wohnsitz und ohne größer werden lässt. Katharina Kähler, Bereichsleitung Wohnungslosenhilfe beim Verein für Innere Mission in Bremen hat den Eindruck, dass sich der psychosoziale Zustand und die gesundheitliche Belastung der Menschen in prekären Wohnsituationen verschlechtert hat.

Frau Kähler, wie sieht die Situation für Obdachlose in Bremen momentan aus?
Der komplette Lockdown hat uns alle getroffen und betrifft uns mit den Nebenwirkungen auch weiterhin. Sämtliche Angebote wie Tagesaufenthalte oder Beschäftigungen – alles, was über eine Grundversorgung für Menschen in prekären Situationen hinausging musste kurzfristig geschlossen werden. Das bedeutet für viele wohnungs- und obdachlose Menschen, dass ihre Plätze und Orte zum Ausruhen, Anlaufstellen und auch Gesprächs- und Kontaktmöglichkeiten weggefallen sind.
Wie sieht es jetzt Anfang Juli nach den ersten Lockerungen aus?
Über die Zeit der vergangenen Wochen ist es uns gemeinsam mit vielen Institutionen, Hilfsorganisationen aus professionellen und freiwilligen Helfer*innen in Bremen relativ gut gelungen, eine Grundversorgungsstruktur sicher zu stellen: Essensangebote, Hygieneartikelausgabe, Durschangebote und ähnliches.
Wir sind jetzt dabei, ganz langsam und schrittweise wieder Angebote zu öffnen. Der Tagestreff 'Café Papagei' ist wieder stundenweise vormittags geöffnet, so bieten wir schon wieder eine Aufenthaltsmöglichkeit für den Tag an. Dazu kommen die anderen Träger, die auch Schritt für Schritt ihre Angebote wieder hochfahren.
Wie sind die Menschen während des Lockdowns mit Ihnen und Ihren Mitarbeitern in Kontakt gekommen?
Wir haben zum Beispiel eine Streetwork-Sprechstunde eingerichtet, weil wir selbst nicht in dem flächendeckenden und engen Kontakt unterwegs sein konnten, wie in Zeiten vor Corona. Mit der Sprechstunde haben wir einen hygienisch sicheren Ort zur Verfügung gestellt, wo die Menschen ihre Anliegen mit unseren Streetworker*innen besprechen konnten. Dadurch können wir nochmal ganz anders in den Kontakt mit den Menschen gehen und Gespräche in einem vertraulichen Rahmen führen.
Wie wurde diese Sprechstunde angenommen?
Die wurde sehr gut angenommen: Wir hatten den Eindruck, dass dieser Bedarf nach Gesprächen und sozialen Kontakten auch da war – vor, während und nach dem Lockdown. Dabei ging es um Dinge wie: Rechtsansprüche, Hilfe bei Anträgen, aber auch Gespräche zum Thema Einsamkeit und Hilflosigkeit in dieser Situation und wie wir damit umgehen können. Diese psychosoziale Stärkung und menschliche Zuwendung ist auch ein wichtiger Teil unserer Arbeit.
Wie sieht die Situation in den Szenetreffs für wohnungslose Menschen aus?
Derzeit sind unsere Szenetreffs in Bremen Nord, in der Neustadt und in Gröpelingen für wohnungslose Menschen zwar frei zugänglich, aber noch nicht regelmäßig mit Mitarbeitenden besetzt.
Für eine Wiedereröffnung müssen wir in der Lage sein, die notwendigen Hygienevorgaben umzusetzen, beispielsweise die Abstandsregelungen.
Die Situation ist derzeit für alle Menschen durch die Pandemie sehr geprägt und wir brauchen für Nutzer*nnen und Mitarbeitende geschützte Settings. Wir erstellen gerade Konzepte, wie wir unsere Angebote der Szenetreffs wieder hochfahren können. Das kann an Standorten draußen besser gelingen als in geschlossenen Räumen.
Für uns bedeutet das ein schrittweises 'Back-to-normal'.
Wie kann man Obdachlose vor Corona schützen?
Ganz wichtig ist, dass der Zugang zu Notunterkünften weiterhin offen bleibt, dass wir jeder Person einen Schutzraum und Schutzmittel bieten können und auch die entsprechenden Vorgaben wie die Abstandsregeln einhalten können. Es geht auch darum, zu überlegen, mit welchen Hilfsangeboten wir die Menschen jetzt erreichen und wie wir eine neue Form von Normalität schaffen können.
Die gesellschaftliche Distanz untereinander ist nicht nur physisch durch den Abstand größer geworden, sondern auch sozial. Meine Wahrnehmung ist, dass es eine größere soziale Distanz gibt. Spüren Sie die auch bei Ihrer Arbeit?
Das ist in Teilen auch unsere Wahrnehmung. Mit dem Lockdown und dem Social Distancing wurde eine – leider zeitweise notwendige – große Hemmschwelle im menschlichen Miteinander aufgebaut. Für Menschen ohne eigenen Wohnraum sind besondere Härten entstanden, die Zeitschrift der Straße konnte kaum noch verkauft werden, die Anlaufstellen und das Pfandsammeln sind entfallen. Die Möglichkeit, hierdurch für sich selbst zu sorgen, aber auch viele Jobs im Segment der sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnisse sind entfallen. Die Welt stand still, die Menschen blieben zu Hause – bis auf diejenigen, die kein Zuhause haben. Dieses wurde insbesondere an zu normalen Zeiten belebten Orten wie z.B. dem Bahnhofsumfeld sichtbar. Social Distancing hat uns den ungefilterten Blick auf diejenigen vorgehalten, die am Rande unserer Gesellschaft stehen.
Was können Bremerinnen und Bremer tun?
Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Zum Beispiel ab und an mal einen Euro geben, sich ehrenamtlich engagieren oder Menschen direkt ansprechen, ob man etwas für sie tun kann, wie etwa einen Kaffee ausgeben.
Auch Geldspenden direkt an Hilfsorganisationen, die in der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe tätig sind und ganz konkrete Angebote und Projekte umsetzen, sind eine gute Möglichkeit zu helfen.
Was auch noch ganz wichtig ist, dass wir den Blick offen halten und uns als Gesellschaft gemeinsam verantwortlich fühlen.
Ein Blick in den Herbst und Winter: Worauf stellen Sie sich ein?
Unsere Befürchtung ist natürlich, dass es nochmal eine zweite oder dritte intensive Lockdown-Phase gibt und das Leben wieder erheblich eingeschränkt wird – wie im März und April.
Gerade zum Winter hin wird das Thema der Unterbringung insbesondere in den Gemeinschaftsunterkünften eine Herausforderung sein.
Wir haben aber Erfahrungen gesammelt, Routinen entwickelt zum Umgang mit dem Coronavirus und darauf können wir zurückgreifen. Wir nehmen die Herausforderung der Pandemie sehr ernst und wissen, dass so eine Situation wie in den vergangenen Wochen und Monaten nochmal eintreten kann.
Das betrifft nicht nur den Herbst, sondern kann natürlich auch jetzt jederzeit passieren. Wir sehen, dass es Lockerungen gibt und freuen uns über jeden einzelnen Schritt, aber wir müssen achtsam bleiben und die Gefahren, die von einer erneuten Infektionswelle ausgehen ernst nehmen und diejenigen schützen und unterstützen, die dieses selber nur eingeschränkt können.

Wie funktioniert Streetworking unter Pandemie-Bedingungen?

Video vom 12. Juli 2020
Die Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission Katharina Kähler im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Marike Deitschun

Dieses Thema im Programm: buten un binnen 12. Juli 2020, 19:30 Uhr