Kommentar

In der Krise zeigt sich der Charakter

Deutschland durchlebt die schwerste Krise der Nachkriegsgeschichte. Unser Redakteur Jochen Grabler meint: Jetzt zeigt sich, wie charakterstark unsere Gesellschaft ist.

Ein leeres Regal im Supermarkt.
Ein paar Hamsterkäufer sorgen für leere Regale. Die meisten Deutschen haben den aktuellen Charaktertest aber bislang bestanden. Bild: DPA | FrankHoermann/SVEN SIMON

In diesen Tagen denken vielleicht manche an Helmut Schmidt – durchaus sehnsuchtsvoll. Als junger Hamburger Innensenator hat er bei der schweren Sturmflut 1962 gezeigt, was zu tun ist. Als viele Verantwortliche in Schockstarre verfielen, wurde Schmidt der Macher, der er zeitlebens geblieben ist: Vernunft, Unerschrockenheit, Tatkraft. Solche Helmut Schmidts werden gerade gebraucht. Eben dieser Helmut Schmidt hat einen schönen Satz hinterlassen: "In der Krise zeigt sich der Charakter." Der Mann wusste haargenau, wovon er redet.

Nun haben wir ein paar Krisenwochen hinter uns, nach wie vor ist viel Dynamik in der Welt. Niemand weiß, welche Eingriffe in unser aller Leben noch nötig sind, um viele Leben zu retten. Umso wichtiger, dass wir mal einen Moment innehalten. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. "In der Krise zeigt sich der Charakter" - was zeigt sich denn da?

Vollidioten sind in der Minderheit

Wer jetzt die Bilder der bevorstehenden Klopapier-Apokalypse im Kopf hat: schnell wieder vergessen! Ja, es gibt die unbelehrbaren Partypeople, die panischen Hamster, die Verschwörungstheoretiker sowieso. Sie wissen schon... "Eine Freundin von mir der ihr Schwager ist der Nachbar von einem Arzt an der Uniklinik, und der sagt...".
Es gibt diese Irren, aber dass nirgendwo auf der Welt ein Mangel ein Vollidioten ist, das ist ja nun wirklich keine neue Erkenntnis. Die supergute Nachricht dieser Wochen ist doch: Sie sind in der Minderheit. 10 bis 20 Prozent, sehr grob über den Daumen geschätzt. Die haben nichts, aber auch nichts zur Lösung des aktuellen Problems beizutragen. Darum: Denen muss man an der Kasse die Klorollen wegnehmen, aber sonst, bitte sehr, werden die gerade mal ignoriert.

Gucken wir doch viel lieber auf die 80, 90 Prozent Besonnene, Vernünftige. Solche Geschichten: In meiner Nachbarschaft ist eine Grundschule. Die ist jetzt dicht. Rund 280 Kinder und ihre Familien sind betroffen. Wie überall wird eine Notbetreuung für Kinder von Krankenschwestern, Ärzten, usw. angeboten. Und wie viele Kinder waren Montag und Dienstag da? Drei! Gab es ansonsten massenhaft wütende Proteste? Nö! Die Eltern haben verstanden und verhalten sich vernünftig.

Vorm leeren Regal im Supermarkt steht ein Mann, zuckt die Schultern und sagt: "Na, kommt ja wieder." Ich sag, "wir müssen jetzt gelassen bleiben und zusammenhalten". Und er nickt heftig. "Ganz genau!" Unterdessen füllt das tapfere Personal im Eiltempo die leeren Fächer wieder auf. Und gibt freundlich Auskunft, wenn unsereins mal wieder nicht weiß, wo was steht. 

Die müde Frau an der Kasse sagt einem Hamster, dass von dem Artikel nur je zwei pro Person verkauft werden. Ganz freundlich. Er müsste das verstehen. Leichtes Gemaule, aber er fügt sich. Überhaupt: Die Leute in meinem Supermarkt gehören zu meinen persönlichen Helden. Die sorgen dafür, dass sich die Welt weiter dreht, die bleiben einfach mal an Deck. Danke!

Ich lese, wie Nachbarn für Nachbarn einkaufen. Ich lese, dass Leute kein Geld zurückfordern für das Konzertticket. Damit der Veranstalter nicht über Kopp geht. Ich sehe viel Solidarität, Vernunft, entschlossenes Handeln. 

Gesellschaft zeigt sich charakterstark

In der Krise zeigt sich der Charakter? Na, dann hat die Gesellschaft diese Krise bislang sehr charakterstark gemeistert. Da kann noch mehr kommen, immer noch sind allzu viele allzu sorglos. Thema: Abstand halten! Aber hey, wir üben ja noch. In Sachen Hygiene wie beim Zusammenhalt. Was wir für die Gemeinschaft tun, das tun wir auch für uns. Es müssen ja nicht alle regungslos auf dem Hintern sitzenbleiben. 

Können nicht noch mehr Medizinstudenten in den Krankenhäusern helfen? Tausende Schüler haben jetzt viel Zeit. Können die sich stärker einbringen? Können zum Beispiel Buchhändler Bestellungen telefonisch entgegennehmen und die Bücher ausliefern lassen? Wie erhalten wir die kleinen Läden? Können Freiwillige helfen? Der Staat allein wird es nicht richten können. Macht es vielleicht Sinn, die Hauskrankenpflege zu entlasten und pflegebedürftige Menschen in einem Hotel einzuquartieren? Und gibt es Freiwillige, die dann gerne helfen? Es gibt tausend Ideen, wir wir uns noch stärker vernetzen können.

Das muss sein. Denn eines ist sicher: Diese Krise wird uns noch lange begleiten. Wir müssen zusammenhalten. Das ist unser Land. Ich mag dieses Pathos eigentlich nicht. Aber gerade ist es mal angemessen. Und viele haben ja verstanden. Angesichts des bisherigen Charaktertests ist mir nicht bange. 

Einschränkende Maßnahmen sind gut begründet

Den haben wir übrigens allesamt bestanden, weil die Stimme der Vernunft wirklich gehört wird. Das ist eine sehr, sehr kostbare Erfahrung. Ist es nicht großartig, dass wir so besonnene Wissenschaftler haben? Sind Sie nicht auch begeistert vom Podcast mit Christian Drosten? Ist es nicht toll, wie umfassend das Robert-Koch-Institut informiert? Dass sie sagen, was sie alles wissen – UND was sie alles noch nicht wissen. 

All die Maßnahmen, die jetzt unser Leben einschränken, sind gut begründet. Mag sein, dass hier und da schneller und entschlossener hätte gehandelt werden müssen. Aber bitte: Zur Vernunft gehört auch die Abwägung. Wir sehen ja gerade an vielen Unternehmen, wie schnell die Lage sehr prekär und existenziell werden kann.

Unterm Strich bleibt: Wir werden exzellent beraten. Das handelnde politische Personal wird exzellent beraten. Und, ganz wichtig, es nimmt die Ratschläge auch an. 

Denn auch das war ein Charaktertest, diesmal für den politischen Raum. Setzt sich angesichts der Krise die Vernunft durch und wird entschlossen gehandelt oder schnappen die alten Mechanismen von Parteienstreit, Egoismus und Kompetenzgerangel ein? Oder quatschen alle so lange durcheinander, bis alles zu spät ist?

Populisten haben keine Antworten in der Krise

Zwischenzeugnis: Charaktertest bestanden. Spahn, Scholz, die Ministerpräsidenten von Söder über Kretschmann bis zu unserem Bovenschulte – diese Köpfe können so unterschiedlich sein, wie sie wollen, aber sie beweisen, dass Konsens möglich ist. Wenn es darauf ankommt, dann ist der Staat handlungsfähig. Von denen dreht keiner durch. Und das ist eine sehr, sehr gute Nachricht! Es kommt auf das solidarische Handeln der ganzen Gesellschaft an. Aber es kommt eben auch darauf an, dass der richtige Geist im politischen Raum weht: Vernunft, Unerschrockenheit, Tatkraft. So anstrengend das auch ist. Ich jedenfalls möchte mit keinem von denen tauschen.

Stellen wir uns nur für einen kleinen horrorartigen Moment vor, dass auch das ganz anders sein könnte. Wie wäre es mit Kanzler Gauland, Gesundheitsministerin Weidel und Innenminister Höcke? Und mit dem Bremer Bürgermeister Magnitz? 

Mal kurz einen Blick auf die letzten Äußerungen der AfD-Bundestagsfraktion geworfen. Die Themen: Grenzschließung für Flüchtlinge und Erhöhung des Rundfunkbeitrages und Gauland lässt wissen: "Nur der Nationalstaat ist eine verlässliche Größe!". Was nicht ganz stimmt. Denn verlässliche Größen sind auch Ignoranz, Inkompetenz und Denkfaulheit seiner Truppe. 

Deutschland durchlebt eine der tiefsten Krisen der Nachkriegsgeschichte, und diese Partei hat nichts, aber auch gar nichts beizutragen außer Propagandagewäsch. Bei der Bremer AfD dasselbe Bild. In der Krise zeigt sich eben der Charakter.

Darum, letzte Erkenntnis: In der Politik geht es zu wie im richtigen Leben. Achtzig bis neunzig Prozent besonnene und vernünftige Menschen. Zehn bis zwanzig Prozent Irre. Mit denen man genau so verfährt, wie es sich gehört. Einfach ignorieren. Hilft!

Vorübergehend geschlossen: Letzter Tag im Bremer Einzelhandel

Video vom 17. März 2020
Ein weißes Schild an der Tür eines Geschäftes, mit der Mitteilung, dass das Geschäft bis auf Weiteres geschlossen bleibt.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. März 2020, 19:30 Uhr