Kolumne

Corona-Verschwörungstheoretiker: Dann steckt euch eben an!

An allen Ecken schreit die deutsche Bevölkerung nach Corona-Lockerungen. Die Verschwörungstheoretiker unter ihnen scheinen am lautesten zu sein.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Kleine Geschichte gefällig? Bitte sehr: Im England der 1820er und 1830er Jahre hatten Mediziner einen ziemlich zweifelhaften Ruf. Weil nämlich für die medizinische Forschung dringend Leichen für Obduktionen gebraucht wurden, aber nur die von den Galgen zur Verfügung standen, hatte sich ein bizarres Zulieferergewerbe entwickelt. Neben grabungsaktiven Leichendieben hatten die "Body Snatchers" Hochkonjunktur. Das waren Killerkommandos, die arglose Passanten vom Leben zum Tode beförderten, um deren Leichen dann meistbietend an die medizinische Forschung zu verhökern. Als dann 1831 die Cholera nach England eingeschleppt und Erkrankte in den Hospitälern in Quarantäne gesteckt wurden, da wurde das Volk wütend. Sehr wütend! Weil es diesen windigen Weißkitteln kein Wort geglaubt hat. Den Autoritäten übrigens auch nicht. Sondern eher an eine Verschwörung: "Die wollen doch unseren Onkel nur aufschneiden!"

Was passierte? Es gab blutige Unruhen. Vor allem in Liverpool. Da wurde ein Krankenhaus mit Steinen angegriffen und das Personal gejagt. Eine Zeitung schrieb: "Die Menge schrie 'Sie sollten aufgeschnitten werden! Die Chirurgen sind's! Es gibt keine Cholera in der Stadt!'" Irre, oder? Erst recht komplett irre, wie bekannt unsereinem diese steinalte Geschichte doch vorkommt.

Wer zu lang allein zuhause sitzt, kommt wohl auf komische Gedanken

Sowas kann passieren, wenn das Vertrauen in die handelnden Personen flöten geht und die Leute durchdrehen. Seit dem Flüchtlingssommer 2015 heißt so was "die Stimmung kippt". Und genau das scheint gerade mal wieder zu passieren. Auf dem Cannstatter Wasen haben am vergangenen Wochenende 5.000 Menschen verlangt "Wir wollen unsere Grundrechte zurück!" Dicht an dicht. In Berlin wurden Fernsehteams angegriffen. Und in den sogenannten "sozialen Medien" gibt's kein Halten mehr. 30 Minuten Stakkato des frei vor sich hinfantasierenden "Journalisten" Ken Jebsen über "Gates kapert Deutschland" (inklusive Aufruf zum Widerstand) brachten es auf YouTube auf 2,8 Millionen Klicks. In nur drei Tagen.

Und weil es auch in klassischen Medien hinreichend Orientierung an der "Stimmung" gibt, findet sich auch da allerlei. Wenn der heimische Weser Kurier auf den Kanal des besagten Jebsen verweist, weil da Informationen von "kritischen" Wissenschaftlern zu finden wären – herzlichen Glückwunsch! Gerade haben Forscher*innen, Ärzt*innen, Pfleger*innen aus der ganzen Welt einen verzweifelten Aufruf an Google und Facebook gerichtet. Sie sprechen von einer Infodemie. "Um Leben zu retten und das Vertrauen in die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung wiederherzustellen, müssen die Tech-Giganten aufhören, die Lügen, Verdrehungen und Fantasien, die uns alle bedrohen, weiter anzufachen."

Ich teile diese Verzweiflung. Zumal diese Propaganda ja längst die Straße erobert. Am kommenden Sonntag wird auch in Bremen demonstriert. "Gegen Maskenpflicht, die Gesundheit gefährdet." Plötzlich skandieren "Normalbürger" die heftigsten Parolen. Wenn ein durchgeknallter Demonstrant in Berlin den Polizisten vorwirft, sie würden sich verhalten wie die Wachmannschaften in Auschwitz, stehen diese "Normalbürger" daneben und halten Maulaffen feil. Man wartet förmlich darauf, dass aus den Worten Taten werden.

An den wirren Rändern der Gesellschaft kocht die Wut. Im Zentrum der Gesellschaft, bei den Normalbürgern, siedet sie schon. Kennen Sie das? Wie schnell gerade die Emotionen hochgehen? Die Nerven liegen blank.

Eine existenzielle Angst folgt der anderen

Dieses Hochschaukeln ist maximal bedrohlich – und gar nicht schwer zu verstehen. Beides. Die Furcht vor dem Virus weicht der Angst um den Arbeitsplatz, vor einer ungewissen Zukunft. Die Bilder aus Bergamo verblassen. Die Infektion in Deutschland ist verlangsamt. Die Intensivstationen sind nicht überfordert. Überfordert sind dafür jetzt alle.

Warum? Weil gerade zwei total unterschiedliche Welten aufeinanderprallen. Die Welt des Virus mit der Welt der Gesellschaft. Beide Welten gehorchen einer ganz eigenen Logik. Blöd nur, dass diese Logiken so gar nicht zusammenpassen. Familien sind verzweifelt, Kneipenwirte sind verzweifelt, Autobauer haben Sorgen, der Einzelhandel ächzt, Kinder in prekären Familien sind äußerst gefährdet – diese Liste kann seitenlang weitergehen. Und alles davon ist richtig. Jeder Ruf nach Hilfe und Lockerung ist berechtigt. Das ist die Logik der Gesellschaft.

Genauso richtig ist aber: Wir stehen am Anfang der Pandemie. Die Infektionsrate liegt vielleicht bei zwei Prozent. Das Virus ist potentiell tödlich. Schwere Folgeschäden für Erkrankte sind wahrscheinlich. Bei einer massenhaften Infektion steigt das Risiko von Anpassung des Virus an den Menschen und Mutationen. Wenn man die in der "optimistischen" Heinsberg-Studie errechnete Sterblichkeitsrate von 0,37 Prozent auf die deutsche Bevölkerung überträgt, landet man bei mehr als 300.000 Toten. Die Zahl der Menschen mit Folgeschäden ist noch nicht kalkulierbar. Das ist die Logik des Virus.

Wer Freiheit fordert, muss mit den Konsequenzen leben

Wenn jetzt aber die Stimmung tatsächlich kippt? Wenn jetzt das Virus irgendwie egal ist? Wenn sich die wirren Phantasien von Weltregierungen und Verschwörungen massenhaft durchsetzen? Wenn die Morddrohungen gegen Christian Drosten mehr werden? Wenn die Demos anschwellen? Wenn Stimmungsjournalisten Stimmung machen? Wenn das Trommelfeuer nach noch lockereren Lockerungen überall für und alle immer noch lauter wird? Wenn nun immer mehr Menschen durchdrehen und eine Mehrheit den vorsichtigen Weg von Beschränkungen und Lockerungen und möglichen neuen Beschränkungen nicht mehr mitgehen wollen oder können – dann wünsche ich mir einen neuen Gesellschaftsvertrag. Der wäre allemal besser als Angriffe auf Krankenhäuser wie anno dunnemals in Liverpool. Dann sollte sich der Staat darauf beschränken, diejenigen zu schützen, die sich nicht selbst schützen können. Ansonsten wäre jeder für sich selbst verantwortlich.

Sollen sich die lautesten Schreihälse in Diskos und Fankurven gegenseitig infizieren. Ist ja ihre freie Entscheidung. Dann sollen sie aber auch sagen, was passieren kann. Und die Verantwortung für die Folgen übernehmen. Mehr als 300.000 Tote. Aber vielleicht können sie ja auch mit dem Virus verhandeln. Bin gespannt, was dabei rauskommt.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor