Interview

Bremer Kneipen-Wirtin: "Ich habe Angst, wieder schließen zu müssen"

Ganz wohl ist Litfass-Wirtin Sandra Schütz nicht. Aber sie hat hat den Außenbereich nach der Corona-Pause geöffnet. Sie bangt um die Zukunft und stellt Forderungen.

Eine Frau sitzt auf einem Terrasse an einem Tisch.
Litfass-Wirtin Sandra Schütz freut sich wieder Gäste zu begrüßen, sorgt sich aber auch um die Zukunft.
Wie ist die Wiedereröffnung angelaufen?
Die Gäste freuen sich unglaublich, dass sie wieder kommen dürfen. Die meisten haben Verständnis für die Corona-Maßnahmen. Einige waren an den ersten beiden Tagen seit Montag allerdings von der Registrierung und Platzzuweisung genervt. Zwischenfälle gab es ansonsten keine. Wir haben uns vorher viele Gedanken zur Registrierungspflicht gemacht. Zunächst hatten wir eine Rezeption aufgebaut und die Gäste nach der Anmeldung zu den desinfizierten Tischen im Außenbereich geführt. Dort haben wir mit elf Tischen nur die Hälfte stehen. Drumherum hängt eine Kordel zur Abgrenzung. Im neuen Gesetzblatt vom Dienstag war für draußen dann keine Rede mehr von der Registrierungspflicht, was mir das Ordnungsamt noch einmal bestätigt hat.
Je zwei Personen sitzen an Tischen vor einer Kneipe.
Der Außenbereich im Litfass ist wieder geöffnet.
Welche Maßnahmen wurden für das Litfass genau ergriffen?
Wir haben einen Corona-Ordner mit unseren Maßnahmen, um ihn dem Ordnungsamt vorlegen zu können. Darin sind unsere Hygieneregeln sowie unser Arbeitsschutz- und Pandemieplan. Mitarbeiter tragen zum Beispiel eine Maske, Gäste dürfen sie nur am Tisch absetzen. Wir wünschen uns aber, dass sie auch beim Bestellen einen Schutz tragen. An einem Tisch dürfen nur Personen aus zwei Haushalten sitzen, nach dem Abräumen wird desinfiziert. Getränke werden nur von einer Person zubereitet, die kommt mit benutztem Geschirr nicht in Kontakt. Und nach dem Kassieren desinfizieren sich die Servicekräfte. Die Öffnungszeiten haben wir auf 12 bis 24 Uhr beschränkt, danach müsste der Betrieb sonst drinnen weitergehen.
Und wie gut kann das Litfass mit diesen Umständen leben?
Ich habe vorher ein, zwei Tage über die Öffnung nachgedacht und auch immer noch ein bisschen Bauchschmerzen. Auch wenn Virologen sagen, das Infektionsrisiko sei draußen eher gering. Allerdings geht es auch um die Wirtschaftlichkeit, ich habe eine Verantwortung für die Mitarbeiter. Unser Vorteil ist die große Terrasse. Wir fahren jetzt voll wieder hoch, mit allen Kosten für Getränke und Pacht – die für April haben ich vom Verpächter geschenkt bekommen. In drei, vier Wochen werden wir sehen, ob es sich lohnt. Wie gut wir damit leben können und ob es für ein kleines Polster reicht, kann ich noch nicht sagen. Wenn es kostendeckend wäre, wäre ich schon zufrieden. Trotzdem habe ich auch ein bisschen Angst bei einer zweiten Welle oder im Winter wieder schließen zu müssen. Die Abstandsregeln werden sicher erst wieder aufgehoben, wenn es Medikamente gibt. Wenn ich da an meine Kollegen in kleinen Kneipen wie dem Eisen oder dem Heartbreak Hotel denke ...
Was wäre denn für die Gastro-Zukunft nötig?
Für die Gastronomie wäre ein Signal von der Politik wichtig. Denn geöffnet zu haben, heißt nicht automatisch auch über die Runden zu kommen. Dafür ist ein Rettungspaket notwendig. Das wurde auf Bundesebene schonmal angesprochen und auch die Bremer Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt hat formuliert, dass es Hilfen geben müsste. Konkret ist da aber noch nichts. Was ich mir wünschen würde ist etwas, das in anderen Bundesländern bereits kommuniziert wurde: Die festen Außenbereiche aufweichen und Gehwege öffnen. Natürlich nur so, dass auch Rollstühle und Kinderwagen gut durchkommen. Bei mir hängt das auch ganz viel mit Emotionen zusammen. Es gibt das Litfass seit 27 Jahren, aber es ist nicht mehr so, wie es vor Corona war. Draußen ist es okay, drinnen sehr beklemmend. Trotzdem: Wir machen das beste draus und sind optimistisch.

So lief der erste Abend in Bremer Kneipen nach den Corona-Lockerungen

Video vom 19. Mai 2020
Ein Mann, der aus einem großen Bierkrug Bier trinkt. Ihm gegenüber sitzt eine Frau, mit dem Rücken zur Kamera gekehrt.

Autor

  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Mai 2020, 19:30 Uhr