Kommentar

"Jetzt braucht es ein paar Bremer Corona-Sonderanstrengungen"

Bremens Inzidenzwert steigt weiter. Daher reicht es nicht, darauf zu warten, dass die bundesweiten Maßnahmen greifen. Neue Ideen sind gefragt, findet unser Redakteur Jochen Grabler.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Geht Ihnen das auch so? Unsereins hypnotisiert täglich die Corona-Deutschlandkarte: Hoffentlich stabilisiert sich die Zahl der Neuinfektionen. Hoffentlich! Irgendwie! Am besten jetzt schon, noch bevor die neuen Maßnahmen greifen! Damit wir die Lage endlich wieder halbwegs unter Kontrolle bekommen. Und dann kommt die deprimierende Wirklichkeit um die Ecke. Am Donnerstag zum Beispiel. 19.990 neue Fälle.

"Wenn es so weitergeht, mit dem Trend, haben wir 19.200 Infektionen am Tag", hat die Kanzlerin im CDU-Präsidium gesagt. Das war Ende September. Und ihre Prognose bezog sich auf Weihnachten. Jetzt ist Anfang November, und da haben wir die Bescherung. In ganz Deutschland. Aber leider ganz besonders in Bremen. Wussten Sie das? Ich, zugegeben, nicht.

Wo ist der Inzidenz-Wert am höchsten?

Bremen ist nämlich im Vergleich der Großstädte einer DER Corona-Hotspots. Das beweist ein Blick auf die Daten des RKI zur sieben-Tage-Inzidenz. Vergleichen wir also mal die deutschen Großstädte: Wo gibt es die meisten Neuinfektionen pro 100.000 Bewohner? Da sieht es auf Basis der Zahlen vom Mittwoch so aus:

Den Platz eins hält Duisburg mit 266,7 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Dann aber kommt schon Bremen mit 243,7; nur knapp dahinter Frankfurt, aber dann werden die Abstände immer größer. Selbst der Hotspot Berlin landet auf Platz neun mit 162,4. Hannover auf Platz 12: 109,8. Hamburg dahinter mit 99,8.

Also halten wir mal fest:

  • Bremen steht in der Pandemie im Bundesvergleich besonders schlecht da.
  • Abgesehen von Duisburg gibt es in keiner anderen Großstadt so viele Neuinfektionen.
  • Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern liegt in Bremen mehr als doppelt! so hoch wie in Hamburg oder Hannover.

Ein katastrophaler Befund

Kann mir das jemand mal erklären? Sind wir allesamt zu doof, die einfachsten Hygieneregeln einzuhalten? Gibt es hier statistisch mehr Leute mit Scheißegal-Haltung als woanders? Oder ist Bremen einfach zu schlecht regiert? Stichworte: chronisch überfordertes Gesundheitsamt, zu wenig Kontrollen der Maßnahmen. 

So oder so ist das ein katastrophaler Befund. Denn das haben doch hoffentlich langsam mal alle kapiert: Je höher die Zahl der Neuerkrankungen, desto mehr Leute in Quarantäne und desto schneller die Ausbreitung, desto mehr Kranke, desto mehr Kranke im Krankenhaus, desto mehr Krankenhauspatienten auf Intensivstationen, desto höher die Zahl der Toten. Ganz zu schweigen von der Frage, wie es wohl dem Intensivpersonal geht, wenn nicht mehr alle Patienten versorgt werden können. Wenn es um die Frage geht, wer im Notfall halt unversorgt sterben muss. 

Und nun?

"Bremen muss sich jetzt mal besonders anstrengen"

In Deutschland muss die Schuldfrage ja immer zuerst geklärt werden. Also machen wir das, was wir immer tun. Wir suchen Schuldige und schlagen wahlweise auf ignorante Alte, vergnügungssüchtige Junge oder inkompetente Verantwortliche ein. Oder wer uns sonst noch so einfällt. Oder wir überspringen das mal. Wir haben nämlich keine Zeit!

Die wichtigste Botschaft dieser schlimmen Tabelle ist doch: Bremen muss sich jetzt mal besonders anstrengen. Und zwar jeder für sich und alle gemeinsam. Denn selbst wenn zum 1. Dezember bundesweit wieder das Infektionslevel von Anfang Oktober erreicht sein sollte, dann ist das für Bremen immer noch zu hoch. Erinnern wir uns. Anfang/Mitte Oktober hat das Gesundheitsamt schon die Waffen gestreckt. Und dann lief die Situation vollends aus dem Ruder.

Es reicht nicht, allein darauf zu warten, dass die bundesweiten Maßnahmen greifen! Es reicht nicht, nur auf flächendeckend geltende Regeln zu setzen! Jetzt braucht es ein paar Bremer Sonderanstrengungen. Und zwar schnell. Wir haben nämlich keine Zeit!

Bremen braucht neue Ideen

Also: Wann kommt wieviel neues Personal fürs Gesundheitsamt? Wie können die Busse und Straßenbahnen leerer werden? Mag ja sein, dass zusätzliche Reisebusse nicht behindertengerecht sind. Aber verdammt nochmal, wäre deren Einsatz nicht ne Entlastung für manche Fahrten? Gibt es, wie in Tübingen, verbilligte Taxifahrten für Menschen ab 65? Können die Arbeitszeiten so entzerrt werden, dass Busse und Bahnen zur Rushhour nicht so voll sind? Wird endlich strenger kontrolliert, dass die Maßnahmen auch eingehalten werden? Wann diskutieren wir, ob nicht wenigstens die Oberstufenschüler in Halbgruppen unterrichtet werden? Und, und und... Jetzt sind Kreativität und Geschwindigkeit gefordert. Kann doch nicht sein, dass es in Bremen an Ideen mangelt!

Wann tritt der Bürgermeister vor die Bevölkerung, all das zu erklären? Und wer ist an seiner Seite? Denn eines ist doch klar: Dieser Kraftakt ist keine reine Aufgabe für das Rathaus. Jetzt muss ran, wer guten Willens und bei wachem Verstand ist.

Die Bremer behaupten so gerne, welch große Patrioten sie doch sind. Jetzt wäre mal eine gute Gelegenheit, das zu zeigen. Und zwar schnell. Denn... na, Sie wissen schon.

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Novemer 2020, 19:30 Uhr