Fragen & Antworten

Sind hohe Inzidenzen bei Kindern in Bremerhaven ein Grund zur Sorge?

Audio vom 30. September 2021
Kinder sitzen in einem Klassenraum
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Bremerhaven führt bundesweit die Statistik der Corona-Inzidenzen an. Betroffen sind besonders oft Kinder und Jugendliche. So bewertet ein Experte die Situation.

Wie ist die Lage bei Kindern und Jugendlichen in Bremerhaven?
Greift man die Gruppe mit den höchsten Werten heraus, dann zeigen die jüngsten Zahlen aus der Vorwoche: Die Inzidenz unter Sechs- bis Neunjährigen lag in Bremerhaven bei 338, bei den unter Zehn- bis 19-Jährigen sogar bei 505. Die Seestadt hat bundesweit die höchste Inzidenz, sie liegt seit Tagen bei Werten über 250. Daran zeigt sich: Bei den Zehn- bis 19-Jährigen ist die Inzidenz doppelt so hoch wie der Gesamtwert. Hier ist zu bedenken, dass Kinder bis zwölf Jahren sich nicht impfen lassen können.
Klingt diese Inzidenz nur besonders hoch oder ist sie das auch?
"Nein, das ist schon eine hohe Zahl", sagt der Epidemiologe am Bremer Leibnitz Institut an der Universität Bremen, Hajo Zeeb. Allerdings sei es nicht unerwartet, dass die Zahlen in der Gruppe der Ungeimpften jetzt deutlich hoch gingen. "Wir haben auch in der Vergangenheit schon ähnliche Inzidenzzahlen gehabt, also das ist nicht völlig neu."
Welche Schutzmaßnahmen gelten an Schulen?
Das fragen sich auch viele Eltern, wie ein Blick in soziale Netzwerke verrät. An Grundschulen müssen zum Beispiel laut Allgemeinverfügung vom 24. September keine Masken mehr getragen werden. Für Schüler bis 16 Jahren reichen Alltagsmasken oder Vergleichbares, auch Tücher und Schals. Erst danach müssen von Älteren FFP2- oder OP-Masken getragen werden. Dass erste Bundesländer auf Masken in Schulen verzichten, geschieht laut Zeeb vor dem Hintergrund, dass Kinder und Jugendliche kaum unter Corona leiden. Es sei die Ausnahme, dass Kinder wirklich schwer krank würden.

Wenn eine Impfung – gerade für kleinere Kinder – noch nicht direkt ansteht, gibt es gar nicht viele Varianten: Entweder die Schule offen lassen und trotzdem dafür sorgen, dass Infektionen sich nicht zu weit ausbreiten. Oder Schulen wieder im großen Stil schließen. Und das will eigentlich dieses Jahr keiner. Das haben wir schon im Vorfeld gehört und besprochen.

Der Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview.
Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibnitz Institut, Universität Bremen
Wird hier eine heimliche Durchseuchung der Kinder akzeptiert?
Dem kann Zeeb so nicht zustimmen: "Ich würde nicht sagen, dass es eine heimliche Durchseuchung ist, eher eine erwartete Situation, die jetzt eintritt." Natürlich würden in einigen Fällen wirklich viele Kinder erkranken. Aber es gebe sehr viele Schulen, in denen das nicht passiere. Dabei hingen Ausbrüche auch sehr stark mit der Delta-Variante und ihrer hohen Infektiösität zusammen, so Zeeb. "Aber natürlich werden wir jetzt mehr Kinder haben, die Antikörper entwickeln, die immun werden gegen Corona – das wird so sein."
Inwiefern tragen Kinder das Virus aus der Schule in die Familien?
Aus Sicht des Epidemiologen müsse es hier zunächst darum gehen, Infektionsketten zu unterbrechen. Dies täten die Gesundheitsämter auch. Außerdem würden nicht mehr ganze Schulen geschlossen, sondern Kinder gezielt in Quarantäne geschickt. "Es wird schon darauf geachtet, dass das möglichst nicht passiert", so Zeeb. "Das zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass es zu Hause Geimpfte gibt, die dann nicht erkranken und vor allem nicht schwerer, falls sie sich doch infizieren."
Welche Rolle spielt die ab Freitag geltende Hospitalisierungsinzidenz?
Die sorgt bei Eltern offenbar zusätzlich für Verunsicherung. Die Idee dabei ist: Corona-Maßnahmen bemessen sich an der Zahl der Menschen, die wegen Corona ins Krankenhaus müssen. Wenn das wenige sind, kann es Lockerungen geben. Kinder erkranken selten schwer und müssen meistens nicht ins Krankenhaus. Dennoch können sie auch Long Covid bekommen. Über eventuelle Spätfolgen weiß man noch nicht viel. Fallen Kinder also doppelt durchs Raster – weil sie eher nicht in der Hospitalisierungsinzidenz auftauchen, und weil sie sich zum Teil nicht durch Impfung schützen können?

In gewissem Rahmen ja, sagt Zeeb. Allerdings sei die Inzidenzrate nicht komplett raus, sie werde nur nicht mehr als Leitindikator genommen. Im Fokus sei nun die Krankenhausbelegung und weniger die reine Infektion, die bei Kindern weniger Folgen mit sich brächten. "Tatsächlich liegt die Aufmerksamkeit jetzt mehr auf der Belastung des Gesundheitswesens", so der Empidemiologe. "Und die bleibt zum Glück dank der Impfung weiter recht gering."
Wie ist der Verlauf der Infektionszahlen generell zu erwarten?
Virologe Christian Drosten sagt für die kommenden Monate einen dramatischen Anstieg der Infektionszahlen voraus. Auch Zeeb erwartet einen Anstieg der Kurve. "Ich sage auf jeden Fall auch steigende Infektionszahlen voraus", so der Epidemiologe. Grund dafür seien die Umstände von Herbst und Winter. Das Leben spielt sich verstärkt drinnen ab und auch kälteres Wetter begünstigt die Ausbreitung des Virus. "Das breitet sich vor allem in der Gruppe der Ungeimpften aus, aber sicherlich auch mal bei Geimpften", sagt Zeeb. "Aber dann eben nicht schwer."

Bremer Eltern ärgern sich über Quarantäneregeln an Schulen und Kitas

Video vom 24. September 2021
Eine Klasse mit Schülerinnen und Schülern an ihren Tischen. Vor ihnen die Lehrerin.
Bild: Radio Bremen
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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 30. September 2021, 7:10 Uhr