Bremer Experte zu Impfungen: "Eine gewisse Skepsis ist menschlich"

Herdenimmunität und Impfpflicht: Das sagen die Bremer dazu

Video vom 26. Juli 2021
Schild zeigt den Weg zur Impfung.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Nicht alle Menschen in Bremen lassen sich gegen Corona impfen. Warum? Dem Gesundheitspsychologen Benjamin Schüz ist wichtig, nicht alle Ungeimpften über einen Kamm zu scheren.

Die einen weigern sich komplett, andere sind skeptisch oder haben Angst. Wiederum andere möchten sich vielleicht gegen Corona impfen lassen, können es aber nicht – zum Beispiel aufgrund des Alters, bestimmter Allergien oder einer Schwangerschaft. Im Land Bremen sind derzeit rund 68 Prozent der Menschen vollständig geimpft, fast 73 Prozent sind mindestens einmal geimpft. Doch wer verbirgt sich hinter den Ungeimpften und wie kann man sie erreichen? Benjamin Schüz leitet an der Universität Bremen die Abteilung für Prävention und Gesundheitsförderung im Bereich Public Health und setzt auf die Wirkung von sozialen Faktoren, wie den Freundeskreis, Vereine oder Glaubensgemeinschaften.

Herr Schüz, wer sind die Menschen, die sich bislang gegen eine Corona-Impfung entschieden haben?
Es ist nicht gerechtfertigt, alle über einen Kamm zu scheren. Bundesweit sind wir bei etwa 63 Prozent Erstimpfungen. Bei der parallel laufenden COSMO-Studie gab es auch immer gut zwei Drittel an Teilnehmenden, die sich auf jeden Fall impfen lassen möchten. Diesen Teil haben wir also jetzt geimpft. Das letzte Drittel ist keine homogene Gruppe. Es sind Leute, die sagen, sie lassen sich vielleicht eher nicht impfen, oder sie sind unentschlossen oder aber sie lassen sich auf gar keinen Fall impfen.
Also kann man alle Ungeimpften keinesfalls als generelle Impfgegner abstempeln?
Genau. Es gibt also Leute, die Impfungen wirklich sehr ablehnend gegenüber sind und sich wohl auch nicht impfen lassen würden, wenn es eine Impfpflicht gäbe. Dann gibt es auch Leute, die bisher noch nicht die Gelegenheit hatten. Vielleicht, weil sie in prekären Arbeitsverhältnissen sind oder es für sie im Alltag noch zu schwierig war. Außerdem machen sich Menschen aus ganz verschiedenen Gründen Sorgen oder sind noch nicht davon überzeugt, dass eine Impfung notwendig ist. Natürlich gibt es auch medizinische Gründe, weshalb man sich nicht impfen lassen kann.
Welche Unterschiede sehen Sie zwischen klassischen Impfverweigerern und Menschen, die insbesondere der Coronaschutzimpfung skeptisch gegenüber sind?
Sogenannte "klassische Impfverweigerer" gibt es schon, seit es Impfungen gibt. Aber gerade durch das hohe Tempo in der Impfstoffentwicklung und durch die wechselnden Empfehlungen für den Astra-Zeneca-Impfstoff sind viele Menschen unsicher. Es gibt bei vielen also mit Sicherheit größere Bedenken oder Unsicherheiten gegenüber den Corona-Impfstoffen als zum Beispiel gegenüber einer Tetanus-Impfung.
Gesundheitspsychologe Benjamin Schüz
Der Gesundheitspsychologe Benjamin Schüz glaubt insbesondere an den Effekt der sozialen Umgebung, wenn es um die Förderung der Impfbereitschaft von Bremerinnen und Bremern geht. Bild: Natalie Schüz
Ist das ein neues Phänomen oder ist eine gewisse Skepsis gegenüber Neuem vielleicht nur menschlich?
Ja, eine gewisse Skepsis ist zutief menschlich. Was man nicht kennt und wenn man die Entwicklungsschritte nicht nachvollziehen kann, das kann skeptisch machen. Gerade die Entwicklung eines Impfstoffs hat es so ja auch noch nie gegeben. Es haben so viele Leute so intensiv zusammen an einem Problem gearbeitet, das gab es noch nie. Aber das kann natürlich auch erstmal komisch aussehen. Auch die Wege, wie die Impfstoffe in den Körper kommen, sind neu und teilweise auch kompliziert, selbst ich verstehe davon nicht alles. Das verunsichert natürlich.
Welchen Effekt haben negative Einzelbeispiele auf die Ängste mancher Menschen?
Genau die sind oft auch das Problem, warum sich Leute Sorgen machen. Man hört von Einzelbeispielen, dass jemand nach einer Impfung erstmal zwei Tage flach lag. Oder aber man hört von den Fällen der Hirnvenenthrombosen oder Herzmuskelentzündungen. Das bleibt natürlich sehr viel stärker hängen, als das, was durch die Impfung tatsächlich verhindert werden kann.
Wie kann man Menschen ihre Ängste vor einer Impfung nehmen?
Der Klassiker, den ich als Psychologe ganz oben sehe, ist zu versuchen ein Stück weit zu verstehen, woher diese Ängste kommen. Das eignet sich nicht unbedingt, wenn es um Bill Gates oder irgendwelche Mikrochips geht. Wer sich aber echte Sorgen macht und Ängste hat, der sollte ernst genommen werden. Man kann ganz einfach Nachfragen. Was dann bei der Kommunikation hilft, sind positive Einzelbeispiele und der Hinweis auf das solidarische Konzept, das hinter den Impfungen steht.
Was genau meinen Sie damit?
Es ist wichtig zu betonen, dass man sich nicht nur für sich selber impft, sondern vor allem auch für andere. Es geht darum, die Bevölkerung als Ganzes zu schützen und ich glaube das ist etwas, das man stark machen muss.
In welcher Phase des Impf-Fortschritts befinden wir uns derzeit?
Jetzt fängt die etwas schwierigere Arbeit an, die sicherlich auch damit zu tun hat, den Leuten hinterher zu laufen. Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass diejenigen, die noch nicht geimpft sind, von alleine ins Impfzentrum kommen. Das wird mit Sicherheit auch anstrengend.
Welche Ansätze halten Sie hier für effektiv?
Neben gut verständlichen Informationen können vor allem soziale Modelle helfen, zum Beispiel im eigenen sozialen Umfeld. Wenn auf der Arbeit Leute sagen: "Ich habe es gemacht und es ist gut und ich fände es gut, wenn ihr es auch macht". Das gleiche gilt auch für Vereine oder religiöse Gemeinschaften und Gruppen. Gerade hier kann und muss man die Leute jetzt vermehrt erreichen.
Wie bewerten Sie Anreiz-Modelle, wie zum Beispiel besondere Vorteile oder Geschenke für Geimpfte, beziehungsweise Nachteile für Ungeimpfte?
Es ist die Frage, wen man erreichen will. Auch wenn man 500 Euro auslobt, wird man nie jemanden erreichen, die oder der schon immer alle Impfungen abgelehnt hat. Wir wissen aber aus einer ganzen Reihe von Studien zu Anreizsystemen, die zum Beispiel bei empfohlenen Impfungen für Kinder durchgeführt wurden, dass kleinere Beträge, Lotterie-Lose oder Gutscheine tatsächlich dazu führen können, dass Menschen Angebote wahrnehmen. Hinzu kommt ein einfacher Zugang, der in Kombination mit den Anreizen helfen kann.
Angenommen im Familien- und Freundeskreis treffen Impfwillige auf absolute Impfgegner. Welche Strategie empfehlen Sie hier im Umgang miteinander?
Auch hier gilt: Fragen, um zu verstehen. Man kann konkret nach den Sorgen fragen oder aber was passieren müsste, damit sich die Person doch impfen lassen würde. Bei einer starken Polarisierung muss man aufpassen, dass darüber die Beziehung nicht kaputt geht. Zur Not muss man das Thema ausklammern, abwarten und sich überlegen, ob man nicht vielleicht selber gutes Vorbild oder Modell sein kann. Manchmal hilft es auch, wenn die Person selbst merkt, dass sie sich ins Abseits manövriert hat. Gerade im Bereich der Familie ist es wichtig, dass man den Kontakt nicht abreißen lässt. Das würde die Leute eher noch mehr bestärken.
Gibt es Fälle, in denen Menschen wirklich nicht mehr von einer anderen Meinung zu überzeugen sind oder gibt es eigentlich immer eine Chance für einen Perspektiv-Wechsel?
In ein Gespräch kann man immer kommen. Die Frage ist, was dabei herauskommt und ob man sich irgendwo trifft. Aber nochmal: Die Skepsis und Ablehnung ist so alt, wie die Impfungen selber. Es gibt eine klassische Karikatur aus dem 18. Jahrhundert. Für die Pocken-Impfung wurde damals ein Serum aus Kuh-Eutern gewonnen, das den Menschen eingeritzt wurde. Auf dieser Karikatur wachsen allen Menschen dann Kühe aus dem Arm. In Großbritannien gab es im 19. Jahrhundert Aufstände, als eine Pocken-Impfpflicht eingeführt werden sollte mit ganz ähnlichen Motiven und Argumenten, wie wir sie von heutigen Imfgegnern auch hören. Es gibt immer Menschen, die man nicht überzeugen kann.

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. August 2021, 19:30 Uhr