So will Bremen wieder alle Infektionsketten nachverfolgen können

Auch im Vergleich mit anderen deutschen Städten ist der Corona-Inzidenzwert in Bremen auffallend hoch. Ein Blick nach Leipzig zeigt, dass es auch anders geht.

Video vom 10. November 2020
Vor dem Hauptbahnhof weisen Schilder auf die hier bestehende Maskenpflicht hin.
Bild: DPA | Sina Schuldt
Bild: DPA | Sina Schuldt

Bremens Corona-Scouts haben neue Räumlichkeiten. Weil der Platz im Gesundheitsamt nicht mehr reichte sitzen die Männer und Frauen nun in zusätzlich angemieteten Räumlichkeiten in der Katharinenstraße, mitten in der Innenstadt. In Bremen arbeiten derzeit 80 Personen daran, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Viele von ihnen sind Studenten. Nun sitzen sie in einem provisorisch eingerichteten Büro und telefonieren, fragen nach und erklären, wie sich die Infizierten nun verhalten müssen.

Einer von ihnen ist Jonas Wellborg, erst seit Kurzem Corona-Scout. Der Student ist gerade auf Jobsuche, da kam der Aufruf des Gesundheitsressorts gerade recht. Der Politikstudent findet es spannend zu sehen, wie hier gearbeitet wird. Schon bald wird auch er den Hörer in die Hand nehmen und betroffene Bremerinnen und Bremer anrufen.

Kontaktverfolgung gelingt immer weniger

Im Kampf gegen die Ausbreitung gilt für das Bremer Gesundheitsressort wie für Epidemiologen die Kontaktverfolgung nach wie vor als das Mittel der Wahl. Zuletzt gelingt das allerdings immer weniger. Es sind einfach zu viele Neuinfektionen, die jeden Tag dazu kommen. Das bestätigt auch Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde. "Wir müssen natürlich eingestehen, dass die Kontaktnachverfolgung an manchen Stellen hakt", sagte er buten un binnen.

Obergrenze und 7-Tage-Inzidenz

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Beim Thema Kontaktnachverfolgung lohnt sich ein Blick in andere Städte. Als besonders positives Beispiel gilt derzeit Leipzig, hier liegt die Inzidenz bei circa 70 – also deutlich unter dem Bremer Wert von gut 200. Warum es in Leipzig besser läuft? Ein klare Antwort habe man darauf derzeit nicht, so ein Sprecher der Stadt gegenüber buten un binnen. Fest steht: Hier arbeiten jetzt schon 170 Corona-Scouts in der Kontaktnachverfolgung und es sollen noch mehr werden. Das verspricht auch das Bremer Gesundheitsressort. Schon nächste Woche sollen 30 zusätzliche Scouts kommen, weitere 60 wurden nun kurzfristig bewilligt.

Stadt machte sich Gedanken um den Datenschutz

Dabei gibt es durchaus Zweifel, ob es angesichts des Infektionsgeschehens überhaupt noch möglich ist, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Ein Blick nach Berlin verheißt nichts gutes. Nach Informationen des rbb gelingt es in der Hauptstadt gerade noch bei sechs Prozent der Ansteckungen, die Infektionsquelle zurückzuverfolgen. Das heißt im Umkehrschluss, dass es in 94 Prozent der Fälle nicht gelingt. Hat die Methode also versagt?

Kritik am Bremer Umgang mit der Pandemie-Bekämpfung kommt auch von Hans-Georg Güse. Im April war er für einige Wochen ärztlicher Leiter der Corona-Ambulanz in den Messehallen. Ihm sei damals schon aufgefallen, dass die erhobenen Datensätze erst viel zu spät digitalisiert worden seien. "Weil man diese Möglichkeiten nicht wahrnehmen wollte", meint Güse. Seitens der Stadt habe man sich damals zu viele Gedanken um den Datenschutz gemacht. Eine Folge sei nun das unübersichtliche Infektionsgeschehen.

Trotz aller Widrigkeiten will Bremen nun noch mal alle Kräfte bündeln, um die Kontaknachverfolgung in den Griff zu bekommen. Im Gesundheitsressort nutzt man gerne eine Metapher und spricht davon, dass man wieder vor die Welle kommen wolle. Stand heute befindet sich Bremen allerdings deutlich dahinter.

Autor

  • Torben Ostermann Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. November 2020, 19:30 Uhr