Interview

Pleitewelle bei Bremer Firmen? "Der entscheidende Faktor ist die Zeit"

IHK-Geschäftsführer Matthias Fonger erklärt im Interview, warum er nicht an eine Pleitewelle Bremer Unternehmen glaubt — und wie zwei Plattformen dazu beitragen könnten.

Ein Schild mit der Aufschrift "Passage geschlossen" am Lloydhof in Bremen.
Herr Fonger, viele haben uns ihre persönliche Coronageschichte erzählt. Haben Sie auch eine?
Bei mir ist es eigentlich keine Geschichte, sondern eine Beobachtung, die mich bewegt. Wenn ich aus dem Büro auf den Marktplatz blicke, dann ist alles leer. Es liegt eine Ruhe über der Stadt. Das steht im Kontrast dazu, was im Hintergrund in vielen Unternehmen geschieht. Denn dort wird rotiert. Fast alle leiden an den Corona-Folgen.
Einer Umfrage der norddeutschen Industrie- und Handelskammern zufolge berichten vier von zehn Unternehmen über Liquiditätsengpässe, zwei von zehn fürchten eine Insolvenz. Laufen wir auf eine Pleitewelle zu?
Wir haben als Handelskammer auch 362 Unternehmen in Bremen und Bremerhaven befragt. Ein Fünftel von ihnen befürchten mehr als 50 Prozent Umsatzrückgang in diesem Jahr. Die Gefahr besteht, dass ein Unternehmen dies trotz der angelaufenen Liquiditätshilfen nicht übersteht. Dennoch ist die Rückmeldung zurzeit nicht, dass wir auf eine Pleitewelle zurollen. Die meisten hoffen, dass sie es überstehen — wenn die Krise nicht zu lange dauert.
Halten Sie die Corona-Schutzmaßnahmen für angemessen?
Gesundheitsschutz geht im Moment vor. Auch die Länge dieser Maßnahmen stellen wir nicht in Frage. Denn wir sind keine Gesundheitsfachleute. Wenn die Experten sagen, dass die derzeitigen Maßnahmen erforderlich sind, dann vertrauen wir darauf, dass das richtig ist. Ein gut aufgestelltes Unternehmen kann diese Situation aus dem vorhandenen Eigenkapital und mit den Unterstützungshilfen aber nur einige Zeit durchhalten. Es ist völlig klar, dass ein Reisebüro, ein Hotel oder ein Einzelhandel ohne Umsätze nicht dauerhaft überlebensfähig ist. Daher muss man auch die Frage stellen, wie kann man Gesundheitsschutz und ein doch langsames Herauffahren gewisser wirtschaftlicher Aktivitäten verbinden. Denn umso länger es dauert, desto schwieriger wird es für Unternehmen. Der entscheidende Faktor ist die Zeit.
Staatliche Hilfen wie Kurzarbeitergeld und Einmalzahlungen an Selbständige sollen die finanziellen Folgen mildern. Greifen diese Maßnahmen?
Das Kurzarbeitergeld ist eindeutig die wichtigste Maßnahme, berichtet uns die Mehrzahl der Unternehmen. Aber auch Soforthilfezuschüsse, Steuerstundungen und Herabsetzungen von Vorauszahlungen sind bedeutend. Danach kommen dann Darlehen und Bürgschaften. Was wir allerdings auch sehen, ist eine starke Belastung und auch Überlastung der Antragstellen wie die Bremer Aufbaubank oder die Agentur für Arbeit. Das liegt auch an der schieren Menge der Anträge. Bei Sofortzuschüssen wird daher zurzeit die Priorität auf die Zahlung von bis zu 5.000 Euro gelegt. Bei den höheren Zuschüssen bis 20.000 Euro, die auch beantragt werden können, ist die Bearbeitung erst einmal zugunsten der kleineren Beträge zurückgestellt worden. Das ist natürlich ein Problem.
Was tun kleine Unternehmen selbst, um die Krise zu überwinden?
Viele organisieren gemeinsam Lieferdienste. Wenn sie ausliefern, nehmen sie die Waren benachbarter Unternehmen aus ihrer Straße oder ihrem Viertel gleich mit. Solche Lieferverbünde sind aus meiner Sicht eine sehr interessante und sehr gute Sache. Es ist ja entscheidend, dass in einer Zeit, in der Geschäfte geschlossen bleiben müssen, der regionale Handel trotzdem aufrechterhalten wird. Sonst findet er künftig nur noch auf überregionalen Plattformen statt. Das wäre fatal.
Die Handelskammer hat jetzt zwei Kaufplattform für Bremerhaven und Bremen ins Netz gestellt. Was steckt hinter dem Angebot?
Wir wollen transparent machen, welche regionalen Händler und Dienstleister auch in der jetzigen Krise telefonisch oder online erreichbar sind, um Bestellungen entgegenzunehmen und auszuliefern. Unternehmen sollen sich unbürokratisch präsentieren, Kunden alles leicht finden können.
Es sind nicht nur normale Läden dabei, sondern auch Kirchen und andere Einrichtungen.
Wir wenden uns in erster Linie zwar an regionale und lokale Händler, Gastronomen und Dienstleister. Wir haben uns aber für eine offene Plattform entscheiden. Und wenn auch ein Verein etwas anbietet, das wir für seriös halten, dann wollen wir das nicht ausschließen.
Haben Sie die Plattform selbst schon genutzt?
Ja, ich habe mir gestern einen Buchhändler herausgesucht, der noch liefert. So muss ich es nicht im Online-Handel bestellen.
Wieviele Unternehmen sind bislang dabei?
Mein letzter Stand war mehr als 200. Aber das steigt stündlich.
Wenn die Plattformen sich bewähren, werden Sie das Projekt auch nach der Krise fortsetzen?
Darüber haben wir noch nicht entscheiden. Im Moment ist es für die Krisenzeit. Wir reden hier von einer Soforthilfeplattform. Es ist ein nicht-kommerzieller Service für unsere regionalen Unternehmen.

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 31. März 2020, 14:00 Uhr