Familien in der Krise? Wie Bremens Erziehungsberater jetzt helfen

Familien sind wegen des Coronavirus an die Wohnung gebunden. Konflikte können sich zuspitzen. Und die städtische Erziehungsberatung hilft nur noch telefonisch. Kann das gut gehen?

Eine Familie mit Kindern schaut aus dem Fenster ihrer Wohnung (Symbolbild)
Eltern im Homeoffice, Kinder können nicht zur Schule: für Familien eine Herausforderung. (Symbolbild) Bild: Imago | Hans Lucas

Sie wollten ihr Bauchgefühl wiederbekommen, wie Petra Hoffmann* erzählt. Deshalb gehen sie und ihr Mann Frank seit fast vier Jahren zur Erziehungsberatung in Bremen. Das Gefühl, dass sie mit ihrem Sohn ganz natürlich richtig umgehen, war durch viele kritische Stimmen – vor allem aus der Schule – abhandengekommen. "Beim ersten Anruf in der Erziehungsberatungsstelle habe ich bitterlich geweint“, erinnert sich die 45-Jährige. "Die Lehrer haben gesagt, mein Kind ist nicht in Ordnung."

Schon damals habe der Berater sie am Telefon gut beruhigen können. Vielleicht hat Petra Hoffmann deshalb auch heute kein Problem damit, ihre Geschichte am Telefon zu erzählen und dass sie wegen der Corona-Krise auf den persönlichen Kontakt zu ihrer Beraterin Sabine Kahrs von der Erziehungsberatungsstelle Bremen Ost verzichten muss. Erst vor wenigen Tagen haben sie telefoniert, so Hoffmann. "Wir haben darüber gesprochen, was die letzten Wochen passiert ist, über die Gedanken, die man sich macht, wenn vielleicht mal wegen der Kontaktbeschränkung so ein Lagerkoller kommt. Ich wollte zusätzliche Anregungen haben."

Hilfesuchende geraten aus dem Blick

Nicht nur Familie Hoffmann stellt sich diese Fragen. Wie viele Eltern sich aktuell Hilfe bei den Mitarbeitern in den Erziehungsberatungsstellen holen, ist noch unklar. Im Jahr 2018 besuchten laut Beraterin Sabine Kahrs fast 1.300 Familien die vier städtischen Erziehungsberatungsstellen. Gründe und Dauer der Beratungen waren unterschiedlich. Doch egal ob Einzelgespräche oder Familiensitzungen: Sie fanden im direkten persönlichen Kontakt statt. Diese "vor-Ort"-Treffen sind seit Beginn der Kontaktbeschränkung wegen der Corona-Krise gestrichen. Anders als Psychotherapeuten in Bremen, die auf Video-Sitzungen umgestellt haben, beraten Kahrs und ihre Kolleginnen und Kollegen nur noch am Telefon. Bundesweit hat der Fachverband der Erziehungsberater außerdem die Online-Angebote für die Dauer der Krise ausgeweitet.

So unkompliziert wie für Petra Hoffmann und ihren Mann ist das nicht bei allen Ratsuchenden, räumen Kahrs und ihre Kollegin aus der Beratungsstelle Bremen Mitte-West, Ini Friedrichs, ein. "Besonders Familien mit hohen Belastungen können eventuell aus dem Blick geraten." Vielen gelinge es im Konfliktfall nicht, sich die Hilfsmöglichkeiten auch zu nehmen. Dazu kommen Sprachbarrieren, die telefonisch auch mit Dolmetscher nur schwer bewältigt werden könnten. Und für die direkte Arbeit mit Kindern, die nicht über das Gespräch funktioniert, sondern spielerisch und mit viel Aktivität verbunden ist, gebe es keinen passenden Ersatz. In diesen Fällen sei es ein guter Weg, so Kahrs und Friedrichs, zunächst Eltern mit kurzfristigen, niedrigschwelligen Gesprächen zu entlasten und die Kinder so indirekt mitzuversorgen.

Großes Potenzial für Konflikte

Petra und Frank Hoffmann waren anfangs einmal in der Woche bei der Erziehungsberatung. "Als Eltern", sagen sie. Inzwischen gehen sie noch einmal monatlich dorthin. Bis heute erzählen sie dann, was mit ihrem Sohn in der Schule passiert ist, besprechen, wie man in Situationen reagiert hat oder überlegen, was das Beste für die Familie ist. Dass dies auch jetzt problemlos klappt, liegt an der langen Beziehung, glauben die Hoffmanns. "Da ist eine Vertrauensbasis." Für Petra Hoffmann kommt es aber auch auf die Themen an – und die Menschen seien unterschiedlich.

Wenn es um häusliche Gewalt geht, dann fällt es den Menschen bei einer Online-Beratung, bei der man weder jemanden sieht noch hört, vielleicht sogar leichter zu sagen: 'Mein Mann schlägt mich‘.

Petra Hoffmann, Klientin bei der Erziehungsberatung

Ähnliche Vorteile bieten auch Telefonberatungen, so Kahrs. "Es kann leichter sein, schambesetzte Themen mitzuteilen, ohne dabei angesehen zu werden."

Zurzeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Konflikte in Familien zuspitzen. Verlässliche Stützpfeiler fallen weg, wie Kahrs und Friedrich erklären. Dazu gehören die gewohnten sozialen Kontakte, Schule, Arbeit, Kinderbetreuung, Freizeitaktivitäten - und eben auch der Beratungskontakt. "Wenn alle mehr aufeinander hocken, kann es im wuseligen Familienalltag schwerer fallen, ein gutes Miteinander, gegenseitigen Trost, ausreichend Ruhe und Rückzug für alle zu ermöglichen."

In Familien, die bereits zuvor an ihre Grenzen kamen, kann dies zu steigender Anspannung, eskalierenden Konflikten und zu Entwicklungsrisiken von Kindern und Jugendlichen führen.

Sabine Kahrs, Erziehungsberatung Bremen Ost

In den telefonischen Beratungsgesprächen überlege man gemeinsam, wie dieser neue Familienalltag für die Kinder und die Eltern so strukturiert werden kann, dass alle Halt finden. Die Berater riefen alle Familien an, die aktuell Beratungstermine haben und fragen nach deren Befinden. Viele Familien fühlten sich ausreichend versorgt, um diese Phase zu überbrücken.

Mehr Online-Beratung soll Konflikte abfedern

Kahrs und Friedrich beraten auch online. Die Bremerinnen gehören zu dem mehr als 80-köpfigen Team der Internetplattform der "Bundeskonferenz für Erziehungsberatung" (BKE), dem Fachverband der Erziehungsberater. Der Bund unterstützt das Angebot finanziell, sodass die Anzahl der Beratungs-Stunden erhöht werden konnte. "Das gilt für die Zeit der Corona-Krise", sagt Dorothea Jung von der BKE-Online-Beratung.

Auf der Plattform können sich Eltern und Jugendliche in eigenen Bereichen registrieren. Die Beratung erfolgt per Mail, in Foren und im Einzelchat. In Chaträumen können sich die Ratsuchenden miteinander unterhalten. Mehr als 31.000 Beratungskontakte gab es im Jahr 2018. Seit Beginn der Kontaktbeschränkungen in Deutschland wegen der Corona-Krise haben sich schon mehr Eltern und Jugendliche registriert, sagt Jung. "Es gibt auch mehr Chaträume, und die werden genutzt." Doch sie erwarte noch mehr Zulauf. Je länger Eltern im Homeoffice arbeiten und sich die Kinder gleichzeitig überwiegend in der Wohnung aufhalten.

"Keine Scham"

Egal auf welchem Weg beraten wird: Für Sabine Kahrs können alle Angebote eine entlastende Wirkung auf Familien haben. Aber unabhängig davon, wie sinnvoll derzeit jedes Ersatzmedium ist – nichts ersetze reale menschliche Nähe und Präsenz in Gänze, sagt sie.

Sobald es wieder möglich ist, sind vor-Ort-Kontakte das Mittel der Wahl für Beratungen und Therapien.

Sabine Kahrs, Erziehungsberatung Bremen Ost

Wie sich die aktuelle Lebenssituation tatsächlich auf Familien mit Hilfsbedarf auswirkt, könne man wohl erst rückblickend beantworten, wenn die Corona-Krise vorbei ist. Aber "es darf keiner eine Scham haben, sich an solche Beratungsstellen zu wenden", finden Petra und Frank Hoffmann. Auch, wenn es erst mal nur ein Telefongespräch sei. "Gerade in der jetzigen Zeit ist das eine ganz große Hilfe."

Petra Hoffmann brauchte übrigens gar keine Anregungen gegen Lagerkoller bei ihrem letzten Beratungs-Telefonat. "Die Beraterin hat bestätigt, was wir uns schon so gedacht haben. Ich kann meinem Bauchgefühl wieder vertrauen."

*Name von der Redaktion geändert

Telefonische und Online-Hilfsangebote

Was macht die Corona-Kontaktbeschränkung mit uns?

Video vom 26. März 2020
Ein älterer Mann steht alleine an seinem Balkon.

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. März 2020, 23:30 Uhr