Zu zweit oder auch polyamor – wie lieben Bremer in Zeiten von Corona?

Flirten, Daten, körperliche Nähe: Das ist nicht mehr so einfach für Frischverliebte. Und besonders für polyamore Menschen. Tinder spielt immer noch eine große Rolle.

Video vom 2. Mai 2020
Ein gezeichnetes Herz vor einem kleinen Bach.

Erst ein kleiner Bummel durch die Stadt, dann Essen gehen und hinterher ins Kino – so oder so ähnlich sehen Dates normalerweise aus. All das geht zurzeit kaum und so verändert sich auch unser Liebesleben in Zeiten von Corona.

Auch das Leben von Kathrin und Benoît hat Corona komplett auf den Kopf gestellt. Die beiden haben sich im Internet kennengelernt, erst viel geschrieben und sich dann am 12. Januar das erste Mal in Bremen getroffen, wo Benoît wohnt. Zwei Monate später sind sie zusammengezogen.

Auch wenn das falsch klingt, aber für uns war Corona das Beste was passieren konnte.

Kathrin

Benoît sitzt neben ihr am Tisch. Die Skypeverbindung ruckelt ein bisschen, die zwei schauen sich an und lächeln. Ihre Beziehung entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit. Im Februar waren sie noch zwei Menschen, die sich beschnupperten und am Wochenende trafen und wenige Wochen später fühlen sie sich, als würden sie ihren Alltag seit Jahren teilen. Auch wenn dieser Alltag anders aussieht als normalerweise.

Mit gepackten Taschen spontan zu Kathrin gezogen

Als Benoît seine Tasche in Bremen packte, nahm er Klamotten für zwei bis drei Wochen mit und alles, was er fürs Homeoffice braucht. Mittlerweile war er seit sechs Wochen nicht mehr zu Hause – denn in der aktuellen Situation ist es sinnvoller für beide, bei Kathrin in der Grafschaft Bentheim zu leben. Benoît arbeitet als Ingenieur für Airbus, Homeoffice ist für ihn kein Problem. Kathrin kann dagegen als Arzthelferin nicht einfach zu Hause arbeiten. Außerdem ist ihre Wohnung größer.

Anstelle sich jetzt mit Freunden zu treffen oder gemeinsam Konzerte zu besuchen, gehen die zwei viel spazieren, kochen und spielen gemeinsam – und Kathrin lernt Französisch. Jeden Abend mindestens 20 Minuten. Denn nach ihrem ersten Date hat sie sich direkt zu einem Sprachkurs angemeldet. Der fand aber nur dreimal statt – jetzt muss Benoît mit ihr üben.

Planung für das gemeinsame Leben nach Corona

Nach sechs Wochen gemeinsamen Alltags sind die zwei sich sicher: Das funktioniert. Und so haben sie Pläne auch für die Zeit nach Corona geschmiedet. Kathrin zieht im Dezember nach Bremen, gemeinsam suchen sie schon nach einer Wohnung und Kathrin nach einer neuen Arbeit. Das Gefühl, gemeinsame Dates nachholen zu müssen, haben sie nicht. "Wir wollen mal nach Bremerhaven, gerne auch ins Theater oder in den Tierpark", sagt Kathrin. Und Urlaub zu zweit sobald es wieder erlaubt ist. Damit Kathrin Benoîts Familie kennenlernen kann – persönlich. Bisher ging es immer nur per Skype. "Wenn es klappt, wäre es toll, im August zu fahren. Aber das müssen wir abwarten", sagt Benoît.

Die zwei freuen sich auf die gemeinsame Zukunft.

Und durch Corona können wir uns auch ziemlich sicher sein, keinen Fehler damit zu machen. Die Gewissheit zu haben, ist schön.

Kathrin

Corona trennt andere Liebespaare voneinander

Doch durch die Corona-Lage werden Paare nicht nur enger aneinander geschweißt. Einige Paare werden dadurch auch getrennt. Jenny hat dieses Problem zum Beispiel. Denn Jenny lebt in einer polyamoren Beziehung.

Menschen in Poly-Netzwerken haben echt das Potenzial, zum 'Super-Spreader' zu werden.

Jenny

Normalerweise lebt Jenny mit ihrem festen Freund zusammen, hat aber noch eine weitere Partnerschaft und lernte im Februar eine Frau kennen. Und auch ihre Partner haben jeweils noch weitere Beziehungen. "Ich weiß von einem Poly-Netzwerk in Hamburg, dessen Mitglieder ein zwölfseitiges Pdf-Dokument erstellen, wie sie in ihrem Netzwerk mit Corona umgehen wollen", erzählt sie.

Verantwortung für mehrere Partner

Ein Pärchen geht in der Abendsonne Hand in Hand spazieren.
Wenn man mehrere Partner hat, ist besondere Vorsicht geboten. (Symbolbild) Bild: DPA | Artur Widak/NurPhoto

Schließlich habe man in einem Poly-Netzwerk noch mehr Verantwortung für andere Menschen als in einer monogamen Beziehung – weil potentiell einfach mehr Menschen vom eigenen Verhalten betroffen sind. Sprich, in Poly-Netzwerken beschäftige man sich laut Jenny eh viel mit dem Thema sexuell übertragbarer Infektionen und achte genau darauf – doch Corona mache das Ganze nur noch komplizierter. Jetzt müssten sich die Menschen in solchen Netzwerken sehr genau überlegen, zu wem sie noch engen – auch körperlichen – Kontakt haben und zu wem nicht.

Mit anderen Partnern außerhalb der eigenen vier Wände die Beziehung aufrecht zu erhalten, geht nur auf anderen Wegen. Jenny trifft sich mit ihrem weiteren Partner zum Beispiel nur zwischendurch mal zum Spaziergang mit Abstand. Da er auch in Bremen lebt, ist das kein Problem. Doch ihre neue Bekanntschaft wohnt in Niedersachsen – für sie hieß es jetzt achteinhalb Wochen nur schreiben und skypen. "Neue Leute kennenzulernen, ist jetzt gerade nicht einfach", sagt Jenny. Sie schätzt sich glücklich, dass sie mit ihrem festen Partner zusammen wohnt: "Alleine wohnen stelle ich mir gerade am schlimmsten vor. Da wird man ja wahnsinnig ohne Sozialkontakte", sagt sie.

In der jetzigen Zeit Dating-Apps zu nutzen findet Jenny nicht sinnvoll – schließlich könne man eigentlich nur schreiben und sich so gut wie gar nicht treffen.

Virtuelle Konzerte besuchen anstelle des Festival-Sommers

Doch einigen Menschen bleibt nichts anderes übrig. Das zeigen auch die aktuellen Zahlen. Die Plattform Tinder verzeichnete, dass sich die durchschnittliche Gesprächsdauer im März im Vergleich zum Vormonat um zehn bis 30 Prozent verlängert habe. Auch die Zahl der täglichen Nachrichten stieg nach Unternehmensangaben Ende März europaweit um bis zu 25 Prozent im Vergleich zur Vorwoche.

Informationen rund um das Thema Corona, Dating und unser Liebesleben hat auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen zusammengetragen. Empfohlen wird, in Zeiten von Corona auf Online-Dating, Videocalls und Dates auf Distanz umzusteigen.

Man kann zum Beispiel virtuelle Konzerte gemeinsam besuchen oder zeitgleich Serien anschauen und sich nebenbei schreiben. Und für diejenigen, die trotzdem das Candle-Light-Dinner bevorzugen: Wie wäre es mit einem Webcam-Date, bei dem alle für sich Stimmung zuhause schaffen und man gemeinsam Zeit vor der Laptop- oder Handykamera verbringt. Auch das kann romantisch sein, wenn man möchte.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen

Für Frischverliebte gibt es also eben doch noch Dating-Möglichkeiten. Auch wenn man nicht direkt in die Vollen gegen möchte, wie Kathrin und Benoît oder ein Beziehungsgeflecht managen muss wie Jenny.

Liebe in Bremen: Wie verändern Datingportale das Kennenlernen?

Video vom 16. Februar 2020
Eine Frau in einer Bar schaut auf ihr Smartphone

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Autorin

  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. Mai 2020, 19:30 Uhr