Club 100 in Bremen: Hoffnung für eine ganze Branche

Club 100 ist ein deutschlandweit einmaliges Projekt: Seit Januar treten im Pier 2 wieder Bands auf – die Fans sind via Bildschirm dabei. Ein Besuch beim Livestream-Konzert.

Video vom 5. April 2021
Verschiedene Streaming-Bildschirme im Club 100
Bild: Radio Bremen

"Ich weiß nicht, ob alle, die hier mitmachen, nach Corona noch da sind. Club 100 ist der Versuch, dass alle noch da sind. Deshalb machen wir das." Gero Stubbe bringt auf den Punkt, was dieses Projekt bedeutet – für die Tontechniker, Caterer, Konzertveranstalter – und für die Bands natürlich.

Club 100 ist ein einmaliges Projekt: Bremer Veranstalter – die in Corona-freien Zeiten durchaus Konkurrenten sind – haben sich zusammengetan und ein Konzept entwickelt, wie sie Künstlerinnen und Künstler wieder auftreten lassen können. Sie haben Leute aus den verschiedenen Branchen an Bord geholt, ein Hygienekonzept erstellt und das Wirtschaftsressort überzeugt. Das Land Bremen unterstützt das Projekt mit gut 1,2 Millionen Euro.

So einen Zusammenschluss aus der Szene selbst heraus gibt es deutschlandweit nur in Bremen. Und es lockt mittlerweile auch namhafte Künstler an. Wo sonst hätten sie in diesen Zeiten Auftrittsmöglichkeiten?

Ins Pier 2 darf nach wie vor kein Zuschauer

Selig-Sänger Jan Plewka auf der Bühne im Club 100
"Das war sensationell, das war wirklich der schönste Tag im ganzen Jahr.", fasst Selig-Sänger Jan Plewka den Auftritt im Club 100 zusammen. Bild: Radio Bremen

Gedacht ist der Club 100 als Hybridveranstaltung. Wenige Gäste im Pier 2 und dazu viele Fans vorm Rechner zu Hause. Die dort Konzert oder Lesung im Livestream verfolgen können. Professionell produziert von einer Bremer Medienfirma, der sendefähig GmbH.

Im Moment aber sind es nur die Menschen zu Hause. Ins Pier 2 darf nach wie vor kein einziger Gast. Der große Wunsch der Veranstalter noch nicht erfüllt: Endlich wieder tanzende Menschen vor der Bühne. Trotzdem hat sich das Ganze jetzt schon gelohnt, meint Projektleiter Gero Stubbe. Denn hier haben Leute wieder eine Perspektive, endlich wieder Arbeit, die vorher ein Jahr kalt gestellt waren. So geht es zum Beispiel Koch Holger Alt. Er ist spezialisiert auf Bandcatering und hat ein eigenes Unternehmen. Seine vier Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, er selbst musste Hartz IV beantragen.

Nach einem Jahr Pause wieder bei der Arbeit

Die Club 100-Aufträge sind nicht das große Geld, aber ein Hoffnungsschimmer. "Das gibt Kraft und Mut und festigt den Glauben, dass es irgendwie weiter geht". Heute kocht er für die Band Selig – nicht zum ersten Mal übrigens. Die Rockbands sind meistens mit Kleinigkeiten zufrieden, sagt er. Kein abgefahrenes Menü also, aber was Veganes sollte mittlerweile schon dabei sein. Heute haben sie die Wahl zwischen Linsendhal und Knusperhuhn.

Caterer Holger Alt am Herd im Club 100
Auch für Caterer Holger Alt sind die Club 100-Aufträge nicht das große Geld, aber ein Hoffnungsschimmer. Bild: Radio Bremen

Sein Mitarbeiter Lasse Lammermann steht beim Selig-Konzert das erste Mal seit einem Jahr wieder in der Küche. Ein Jahr keine Arbeit: da sind dann irgendwann auch im Haus alle Projekte erledigt. "Ich hab die ganzen verrückten Leute vermisst", sagt er, "und so ein bisschen Rock n’ Roll in meinem kleinen Rahmen betreiben".

Das Reich von Tontechniker Timo Hollmann ist ein kleiner Container hinter der Bühne. Er ist dafür zuständig, dass die Menschen zu Hause vorm Livestream einen ordentlichen Ton haben. Normalerweise kümmert er sich um den perfekten Sound für viele namhafte Bands, seit 25 Jahren macht er das. Immer unterwegs und bekannt in der Branche. Selig ist eine Band seiner Jugend, erzählt er. "Die gehören zur Crème de la Créme der deutschen Musikerszene!" Das Management von Selig wollte ihn auch schon einmal buchen, 2008 war das. Da war er aber schon mit Mando Diao auf Welttournee.

Bis Ende Mai sind Konzerte geplant

Mit Bands touren, auf Festivals fahren, das geht jetzt alles nicht. Jetzt macht er halt Ton für den Stream im Pier 2. Er ist froh darüber – endlich wieder was zu tun! Auch wenn er mit den Coronahilfen ganz okay durch die Zeit gekommen ist, hofft er, dass das Ganze weitergeht.

Bis Ende Mai sind noch Konzerte im Club 100 geplant. Darunter sind auch Thees Uhlmann und Olli Schulz. Es würden gerne noch mehr Bands auftreten, die Anfragen sind da. Aber es sind erstmal nur rund 40 Veranstaltungen finanziert und die stehen bereits, seit Januar. Die Streaming-Tickets verkaufen sich gut – je nach Band sind es etwa so viele, wie die Veranstalter auch sonst für ein Konzert verkauft hätten, sagt Gero Stubbe. 1000 Tickets waren es bei Selig.

Die Projektleiter wollen unbedingt weiter machen. Sie arbeiten an einem Open-Air-Konzept für den Sommer und hoffen, dass die Politik zustimmt.
Bevor es aber soweit ist, haben alle erstmal die eine große Hoffnung: Bald wieder Konzertbesucher im Pier 2. Auch wenn es nur wenige sein können, bevor die Konzertreihe am 31. Mai endet.

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Autorin

  • Kerstin Farwick Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. April 2021, 19:30 Uhr