Was sich 2020 für Bremer mit Beeinträchtigung ändert

Mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Beeinträchtigung, das ist das Ziel des Bundesteilhabegesetzes. Die Kehrseite: Der Aufwand für sie und ihre Betreuer steigt.

Die Hand eines Rollstuhlfahrers am Rad.
Mehr Autonomie und ein so weit wie möglich selbstbestimmtes Leben: Das soll das neue Bundesteilhabegesetz ermöglichen. Bild: DPA | Robert Schlesinger

Für Menschen mit Behinderungen wird sich ab diesem Jahr einiges ändern. Das Bundesteilhabegesetz, das jetzt in seiner dritten Stufe in Kraft getreten ist, verspricht den Betroffenen mehr Selbstständigkeit und – soweit es geht – mehr Selbstbestimmung. Dafür werden künftig Sozialhilfe und Teilhabeleistungen voneinander deutlicher getrennt. Die Leistungen, die den Menschen ermöglichen, am Gesellschaftsleben teilzunehmen, sollen besser auf die Bedürfnisse der Einzelne angepasst werden. So weit, so gut.

Doch wie empfinden Betroffene die neuen Regelungen? Und was sagen die Hilfsvereine dazu? buten un binnen hat einen Mitarbeiter des Vereins Lebenshilfe Bremen, eine Betreuerin und zwei Betroffene dazu gefragt.

Betreuerin: Kostet anfangs viel Zeit, bietet aber Chancen

Katriena Gotthard ist 84 Jahre alt und rechtliche Betreuerin ihrer Tochter, die in einer Einrichtung der Lebenshilfe Bremen für Menschen mit geistiger Behinderung lebt. Sie klingt tendenziell zufrieden, wenn sie über die neuen Änderungen spricht. "Ein bisschen vorsichtig bin ich noch, man muss jetzt abwarten. Schauen, welches Geld aus welcher Quellen kommt und wohin es fließt", sagt sie. Doch insgesamt beschwert sie sich nicht. Die Umstellung habe zwar am Anfang viel Arbeit gekostet, doch sie habe sich vom Amt und Verein sehr gut informiert gefühlt.

An sich war es nicht schwierig, aber es hat sehr viel Zeit gekostet.

Katriena Gotthard, Betreuerin

Vor allem ein Konto zu eröffnen, sei eine kleine Herausforderung gewesen. Und es müsse noch geklärt werden, wie die Tochter im Alltag am besten an Bargeld komme. "Meine Tochter kann weder lesen noch schreiben, daher kann sie das Konto nicht verwalten. Das werde ich weiterhin machen", sagt Gotthard. Aufgeregt seien sie beide gewesen, als sie sich bei der Bank um die Kontoeröffnung kümmern mussten. "Das hat gute paar Stunden gedauert", erinnert sie sich mit einem Lächeln.

Den Neuigkeiten steht sie trotzdem positiv gegenüber. Sie denkt, dass sie bessere Möglichkeiten für die Teilhabe am Leben von behinderten Menschen eröffnen könnten. "Früher stand der behinderte Mensch in der Mitte, zwischen den Ämtern. Jetzt haben diejenigen, die sie wahrnehmen können, mehr Möglichkeiten – denke ich." Das größte Problem sei, dass manche Angehörige sich überfordert gefühlt hätten. Für einige sei die Umstellung schon irgendwie eine große Herausforderung.

Ich denke, dass es für viele nicht einfach ist. Es gab Angehörige, die fast in Ohnmacht gefallen sind. Sie sagten: 'Was muss ich jetzt alles machen?' Sie wollten das Amt niederlegen, trauten sich nicht. Das ist ein Problem, auch fürs Amt.

Katriena Gotthard, Betreuerin

Betroffener: "Ich finde, man muss sich erst daran gewöhnen"

Relativ entspannt zeigt sich Jörg Noltenius, der in einer betreuten Wohnung lebt. "Ich finde, dass man sich erst daran gewöhnen muss. Ich denke, dass es in den ersten Monaten noch nicht so glatt laufen wird. Es wird an einigen Stellen ein bisschen holprig anlaufen." Auch die anderen Bewohner seien noch ein wenig unsicher, was den Umgang mit dem Geld und den Einkauf mit den Betreuern angehe. Allerdings findet Noltenius, das Gesetz sei gut für die Selbstständigkeit.

Ich verwalte das Geld selber, gehe für uns beide wöchentlich einkaufen. Man muss jetzt sehen, wie das weiterläuft.

Jörg Noltenius, Betroffener
Jörg Noltenius und Ines Oetjen sitzen am gemeinsamen Tisch.
Jörg Noltenius und Ines Oetjen haben verschiedene Ansichten über die Auswirkungen des Bundesteilhabegesetzes. Bild: Radio Bremen

"Ich gehe gern einkaufen. Ich gehe mit dem Rollator, fahre mit der Straßenbahn – das macht mir Spaß", sagt er. Anderer Meinung ist Ines Oetjen. Für sie ist das noch ungewohnt. Davor hat sie ein wenig Angst. Das merkt man, während sie spricht. "Ich finde, es sollte alles so bleiben, wie es war", sagt sie. Sie will beantragen, dass das Amt die Miete an den Leistungsträger direkt überweist. Auf sie wird noch Papierarbeit zukommen: Sie muss neue Verträge für die Unterkunft unterschreiben. Die Verträge, die nicht in leichter Sprache geschrieben sind, müssen von den Betreuern sorgfältig erklärt werden. Doch sie hofft auch, durch die Umstellung Geld sparen zu können. Denn Oetjen hat einen Wunsch: Einmal im Leben nach Venedig zu fahren.

Schnittka: "Es wird sich nicht alles sofort ändern"

Thomas Schnittka, Ansprechpartner für den Bereich "Wohnen alleine" in der Lebenshilfe Bremen, bremst erstmal ab: Es wird zwar viele Änderungen geben, doch nicht alle auf einmal. "Das ist ein Prozess, das sich entwickelt. Nicht alles ändert sich sofort", sagt er. Menschen in Wohnheimen müssten bereits neue Verträge bekommen haben, doch jetzt steht der nächste Schritt bevor. Während das Geld früher vom Amt an die Wohnheime direkt oder über die jeweiligen Vereine geflossen ist, werden die Betroffenen künftig ihre Leistungen auf persönliche Girokonten erhalten. Damit sollten sie mehr Selbstbestimmung über ihre finanzielle Situation erlangen, führt Schnittka aus. "Jetzt kann der Mensch selbst entscheiden, was er für Lebensmittel oder seine Freizeit ausgibt."

Thomas Schnittka erklärt das Bundesteilhabegesetz.
Thomas Schnittka hat die Änderungen des Bundesteilhabegesetzes in den vergangenen Monaten häufiger erklärt. Er sagt, viele Betroffenen seien verunsichert, aber auch neugierig. Bild: Radio Bremen

Ein konkretes Beispiel: Früher habe der Leistungserbringer Duschgel und Pflegemittel für die Bewohner gekauft und nach eigener Entscheidung zur Verfügung gestellt. "Jetzt hat der Bewohner sein Geld und bekommt das Duschgel, das er kaufen möchte." Damit könnten die individuellen Bedarfe ganz anders befriedigt werden, sagt der Berater. Doch Neuerungen haben auch ihre Nachteile. Schnittka merkt selbst, dass bei den Betroffenen große Unsicherheit herrscht. Unsicherheit darüber, ob die meisten alles alleine meistern können. "Diese Unsicherheit versuchen wir zu nehmen, indem wir Übergänge gestalten. Wir sehen aber auch viel Neugier, viel Interesse."

Es ist letztendlich auch der Anspruch, den wir eigentlich alle haben: Wir sind Individuen und wollen nicht alle pauschal unter derselben Bettwäsche schlafen oder dasselbe Pflegemittel im Schrank haben.

Thomas Schnittka
Thomas Schnittka, Lebenshilfe Bremen

Für Menschen, die nicht selbstbestimmt entscheiden könnten, werde weiterhin eine stellvertretende Leistung angeboten. Zudem müssten Konzepte entwickelt werden, um bei Bedarf die Menschen in ihren Entscheidungen zu begleiten. Schnittka blickt allerdings positiv in die Zukunft: "In zwei, drei Monaten wird sich viel von dieser jetzigen Aufregung geklärt haben."

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Autoren

  • Serena Bilanceri
  • Volker Kölling

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Januar 2020, 19:30 Uhr