Fragen & Antworten

Bufdi in Bremen mit Ü27: Für wen ist das sinnvoll – und wie geht das?

Bufdi mit 57 – und dann geht diese Bremerin abschlagsfrei in Ruhestand

Video vom 5. September 2021
Menschen arbeiten als sogenannte Bufdis im Wald, in einer Schule und auf einem Segler (Symbolbild)
Bild: Imago/DPA | Ingimage/MichaelGottschalk/Maurizio Gambarini
Bild: Imago/DPA | Ingimage/MichaelGottschalk/Maurizio Gambarini

Wer einen Bundesfreiwilligendienst macht, ist frisch von der Schule und will sich orientieren? Stimmt nicht. Sogar kurz vor der Rente entscheiden sich Bremer für den Bufdi.

Bufdi mit über 27: noch nie gehört? Dabei gibt es das schon fast genauso lange in Bremen und Bremerhaven, wie den Bundesfreiwilligendienst selbst; knapp zehn Jahre nämlich. Jüngst berichtete buten un binnen über eine 57 Jahre alte Frau, die ein Angebot von ihrem Arbeitgeber bekam und nach einem Jahr Bufdi abschlagsfrei in Rente gehen kann. Wie das möglich ist, und für wen sich ein Freiwilligendienst anbietet, erklären wir hier.

Regina Munzel
Regina Munzel berät Menschen, die einen Bundesfreiwilligendienst machen wollen. Bild: Sozialer Friedensdienst e.V. Bremen
Wer macht mit über 27 Jahren einen Bundesfreiwilligendienst in Bremen oder Bremerhaven?
Der rote Faden, der die Menschen verbindet, ist laut Regina Munzel vom Sozialen Friedensdienst Bremen, dass sie sich in Übergangssituationen befinden. Munzels Verein vermittelt Stellen und begleitet die Freiwilligen in ihrer Dienstzeit. Sie nennt unter anderem diese Motive: Wunsch nach beruflicher Veränderung, ein frisch abgeschlossenes Studium ohne Berufserfahrung, Frauen, die nach der Elternzeit wieder einsteigen ins Berufsleben. Karin Burkhart ist Rentnerin und sagt: "Ich wollte nach dem Berufsleben weiter arbeiten, neue Herausforderungen erleben." Zudem bessere sie als Bufdi ihre knappe Rente auf. Der Iraner Yousef Fakour ist seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Er sei Bufdi geworden, um regelmäßig deutsch zu sprechen – und um einen Fuß in seinen Beruf zu bekommen: Er hat Buchhaltung studiert.
Was machen Karin Burkhart und Yousef Fakour genau?
Karin Burkhart ist 69 Jahre alt. Die Rentnerin wollte im künsterischen Bereich arbeiten und ist jetzt in Teilzeit im Bürgerhaus Weserterassen. Sie arbeitet im Infomationsbüro, ist aber auch an Projekten mit Kindern beteiligt – und mit Senioren, wie sie erzählt. "Es ist unheimlich vielfältig und es macht mir sehr viel Spaß, weil ich mit vielen Menschen zusammen komme und viele Aufgaben habe. Das finde ich sehr bereichernd." Und auch das zusätzliche Gehalt "hilft ein bisschen" bei der knappen Rente, sagt Burkhart.
Yousef Fakour
Yousef Fakour will nach dem Bufdi in seinem Beruf arbeiten, er hat Buchhaltung studiert. Bild: A. Cruz
Yousef Fakour ist 32 Jahre alt und seit zwei Jahren in Deutschland. Der Iraner hat Buchhaltung studiert. Für ihn sei es besonders wichtig gewesen, mit Deutschen zu arbeiten, um die Sprache zu lernen, auch, um zu sehen, wie sie sich verhalten. Er arbeitet bei "Quartier", also auch bei einer Organisation, die Kunstprojekte macht. Er unterstützt die Einrichtung mit seinen Finanzkenntnissen und arbeitet an Projekten mit. "Wir dürfen nicht nur erwarten, etwas zu bekommen in diesem Land. Wir müssen uns auch selbst bewegen", erklärt er seine Motive; er wollte lernen. "Wenn man qualifiziert ist, kann man jede Aufgabe schaffen."

Ich bin zufrieden. Weil ich auch neu in Deutschland war und ich was machen wollte, was zählt in diesem Land. Und ich wollte etwas zurückgeben. Weil ich so viel von Deutschland bekommen habe – vom Migrationsamt, der Agentur für Arbeit und anderen. Ich war immer herzlich Willkommen.

Yousef Fakour, 27 Jahre, Bufdi bei "Quartier" in Bremen
Karin Burkhard
Karin Burkhard ist Rentnerin und will nicht stillsitzen – sie arbeitet beim Bürgerhaus Weserterassen. Bild: Sozialer Friedensdienst e.V. Bremen
Was bringt einem ein Bufdi plus 27 beruflich?
Man bekommt einen Einblick in verschiedene Berufe, kehrt möglicherweise auch so zurück ins Berufsleben. Mütter steigen laut Munzel nach der Elternzeit so wieder ein, weil es auch in Teilzeit möglich ist. Menschen, die aus dem Ausland kommen, wollen, dass ihr sozialer Beruf hier anerkannt wird. Dafür brauche man eine Erzieherausbildung. "Das ist die Eintrittskarte in alle edukativen Berufe", sagt Munzel. "Ich habe einige Freiwillige, die in Syrien Psychologinnen oder Lehrer waren." Zudem ist eine pädagogische Begleitung während der Dienstzeit vorgeschrieben. Bufdis besuchen regelmäßig Seminare, die sich mit verschiedenen Themen für die einzelnen Arbeitsfelder beschäftigen und bilden sich so weiter.
In welchen Bereichen kann man einen Freiwilligendienst machen?
Die Bereiche sind vielfältig, und vor allem die Art der Arbeit ist oft anders als man vielleicht denkt. Es gibt einen Bufdi in Bremen, der auf einem Schiff arbeitet und dort handwerklich tätig ist, aber auch Büroarbeit macht – und mit Gruppen auf Segeltörns geht. Die Hintergründe sind überwiegend sozialer Art, das sind die Bereiche:
  • Sport
  • Integration
  • Umwelt- und Naturschutz sowie Nachhaltigkeit
  • Wohlfahrtspflege
  • Zivil- und Katastrophenschutz
  • Kultur, Denkmalpflege, Erwachsenenbildung
  • Kinder- Jugendhilfe, Jugendbildung
  • Hilfe für Menschen mit Beeinträchtigungen
  • Gesundheitspflege
Wie viele Stellen gibt es in Bremen und Bremerhaven überhaupt?
70 Einsatzstellen sind aktuell gelistet, die Freiwillige in Bremen und Bremerhaven vermitteln. Die genaue Anzahl der Plätze ist unklar. Das geht los mit einem Platz pro Organisation, bis hin zu 25 Plätzen pro Einrichtung. "Man kann in Bremen unheimlich viel machen", sagt Munzel.
Und wie viele Menschen über 27 machen ein Bufdi?
Aktuell sind 63 von insgesamt 376 Bufdis im Land Bremen über 27 Jahre alt, darunter 30 Männer und 33 Frauen. Seit der Freiwilligendienst plus 27 eingeführt wurde, im Oktober vor zehn Jahren, sind es 591 von ingesamt 3.168 Freiwilligen in Bremen und Bremerhaven.

Anzahl der Bundesfreiwilligen plus 27 im Land Bremen seit Einführung 2011

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Gibt es ein Gehalt, ist man versichert – was, wenn ich arbeitslos bin?
Was den Bufdi laut Regina Munzel von anderen Diensten unterscheidet, ist, dass man ihn auch in Teilzeit machen kann. Mindestens 20,1 Stunden pro Woche, dann geht es immer in Schritten von fünf Stunden weiter. Für 20,1 Stunden ist das "Taschengeld" im Monat etwa 250 Euro. Bei einer Vollzeitstelle liegt es bei 382 Euro, dazu kommt eine Fahrkarte der BSAG für aktuell 49,30 Euro.

Wer Arbeitslosengeld II erhält, kann einen Freiwilligendienst machen und muss keine andere Arbeit aufnehmen.

Die Seminare gehören zur Arbeitszeit dazu. Für ein Jahr gibt es 30 Tage Urlaub. Ansonsten gelten die allgemeinen arbeitsrechtlichen Bestimmungen zum Beispiel im Hinblick auf Kündigungs- oder Mutterschutz. Am Ende gibt es ein qualifziertes Arbeitszeugnis. Darüber hinaus gilt der Bundesfreiwilligendienst auch als Bildungsjahr.
Bei buten un binnen haben wir über eine Frau berichtet, die mit 57 einen Bundesfreiwilligendienst macht und nach einem Jahr abschlagsfrei in Rente geht. Wie ist das möglich?
Das ist eine Ausnahme, erklärt Munzel vom sozialen Friedensdienst e.V.. Die Möglichkeit gibt es nur beim Bundesamt für Post und Telekommunikation. "Das ist eine Politik des Unternehmens, um Geld zu sparen und Stellen abzubauen, ohne Menschen entlassen zu müssen." Nach einem Jahr Freiwilligendienst können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorzeitig in Rente. "Eine ganz andere Zielgruppe", zum Teil sind es Beamte aus gut dotierten Berufen, wie Munzel erklärt.

Es macht mir so viel Spaß, dass ich meinen Dienst um eine halbes Jahr verlängert habe. Für danach habe ich schon wieder neue Ideen. Vielleicht möchte ich dann für ehemalige Strafgefangene da sein.

Karin Burkhart, 69 Jahre, Bufdi beim Bürgerhaus Weserterassen
Wenn jemand älter als 27 Jahre ist und ein Bufdi machen will, was sollte man in Bremen oder Bremerhaven dann tun?
Er oder sie kann den Sozialen Friedensdienst Bremen e.V. kontaktieren. Oder direkt bei den Verbänden, den Einsatzstellen nachfragen. Die kann man über die Datenbank des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafza) finden.

Beim Sozialen Friedensdienst kann man sich persönliche beraten lassen. Laut Regina Munzel sollte man dabei "den Gedanken an berufliche Motive zur Seite stellen und sich vom Herzen heraus fragen, was würde mich wirklich erfüllen. Worauf habe ich wirklich Lust, was ich vielleicht noch nie in meinem Leben gemacht habe."

Und Munzel empfiehlt im eigenen Stadtteil zu schauen, ob es dort Projekte gibt, die man unterstützen möchte. Bei dem Bewerbungsprozess bietet der Verein Hilfe an.

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Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. September 2021, 19:30 Uhr