Charismatischer Sound: Als Bremerhaven Knotenpunkt des Hip-Hop wurde

DJ Stylewarz brachte als einer der Ersten Hip-Hop nach Deutschland. Mit dem Bremerhavener entstand in den 80ern eine bundesweit bekannte Szene. Die Pioniere erinnern sich.

Die bremerhavener Rap-Band No Remorze Ende der 80er
Die Bremerhavener Gruppe "No Remorze" machte sich deutschlandweit einen Namen. Sie bestand aus Crak (von links), DJ Stylewarz (Michael Whitelov), TNG und DJ Kaoz. Bild: DJ Stylewarz

Es ist der Sommer 2018, in dem Bremerhaven wieder zu einem Standort im Deutschrap wird. "Von Green Yards in die Charts", singt der 19-jährige Sero el Mero in seinem Video, im Hintergrund die tristen Hochhäuser von Grünhöfe. Bis heute hat der Clip bei Youtube mehr als 5,5 Millionen Klicks gesammelt. Der Erfolg ist so etwas wie das Ende eine Durststrecke, denn die Stadt war schon einmal einer der Hotspots des deutschen Hip-Hop. 

"Bremerhaven muss sich vor keinem verstecken", sagt Michael Whitelov, besser bekannt als DJ Stylewarz. Der 48-Jährige ist in Lehe aufgewachsen und einer der Protagonisten der "First Generation" – jene Jugendliche, die Anfang der 80er Jahre den Hip-Hop nach Deutschland brachten. Auch dank ihm war Bremerhaven einer der Knotenpunkte der frühen Szene. "Wir waren wirklich stolz, aus Bremerhaven zu kommen."

Zu der Zeit, als wir aktiv Musik gemacht haben, haben wir unsere Reichweite gar nicht so sehr gespürt. Erst später haben uns immer wieder überall Leute darauf angesprochen.

Michael Whitelov, DJ und Hip-Hop-Pionier
DJ Stylewarz steht in seinem Studio
Noch immer nicht müde: DJ Stylewarz in seinem Hamburger Studio. In diesem hat er sein zweites Solo-Album veröffentlicht. Bild: DJ Stylewarz

Whitelov sitzt im Wintergarten der "Blattlaus" – ein Café in einer Seitenstraße der Alten Bürger, Bremerhavens Kneipenmeile. Sein Bart ist grau geworden, er trägt Sneaker, Hoodie und Cap. Whitelov lebt heute in Hamburg. Er legt noch immer auf, in diesem Jahr hat er sein zweites Solo-Album veröffentlicht. Darauf sind unter anderem Trettmann und Megaloh, Torch, Flo Mega und Samy Deluxe zu hören. Whitelov war DJ und Gründungsmitglied der Bremerhavener Britcore-Combo No Remorze und fester Bestandteil von "Freestyle" auf Viva, der ersten Hip-Hop-Sendung im deutschen Fernsehen. Er ist eine Ikone im Deutschrap. 

Kneipen-Dichte einmal so hoch wie in West-Berlin

Wenige Schritte weiter, gleich neben der Blattlaus, war einmal die größte Disco der Stadt, das "Enterprise". Noch immer werden unter diesem Namen Revival-Partys in der Stadthalle veranstaltet, Erinnerungen an bessere Zeiten. Wer heute an einem Samstagabend eine geöffnete Bar in Bremerhaven sucht, wird kaum glauben, dass diese Stadt, gemessen an der Einwohnerdichte, einst genauso viele Kneipen wie West-Berlin gehabt haben soll.

"Ob etwas geht oder nicht, hängt nicht von der Größe der Stadt ab", sagt Whitelov. Und in Bremerhaven ging in den 80er und 90er Jahren eine Menge. Vor allem wegen der US-Soldaten, die in der Stadt stationiert waren. Denn mit den Amerikanern kam auch die Musik. Erst der Jazz – das "Chico’s Place" in der Rickmersstraße empfing Weltstars wie Dizzy Gillespie – später Soul und eben Hip-Hop. "Es gab die ganze Zeit um mich herum alte Funk- und Soulmusik", erinnert sich Whitelov, dessen Vater Amerikaner ist. Mit 14 ging er in die Ami-Clubs, die "Superfly", "Kraftwerk" oder "Bahamas" hießen. Die GIs waren omnipräsent in der Stadt.

Mit den Soldaten kam auch Rap nach Bremerhaven

So erlebte es auch Dirk Mertin, der 1983 anfing Graffiti zu sprühen. "Hip-Hop ist mit den Soldaten zu uns rüber geschwappt", erinnert er sich. Auf dem "Amimarkt" – einem Volksfest, das Bremerhavener und GIs einander näher bringen sollte – kam er Anfang der 80er Jahre in Kontakt mit der Musik. "Da hat jemand gerappt. Da war so viel Power, das war so krass."

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Instagram anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Und trotzdem schlägt Mertin einen anderen Weg ein – wobei in den frühen Jahren noch alle Elemente der Kultur eng miteinander verschmolzen waren. Er malt seinen Künstlernamen Dee One auf Wände und Züge und macht seine Stadt so bis über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Heute betreibt Mertin ein Tattoo-Studio in Bremen, seine Bilder hängen in Galerien. "Wir waren immer eigenständig, und wir hatten unglaublich viele Beziehungen in andere Städte und Länder", sagt er. "Da war Bremerhaven ganz vorne mit dabei."

Er selbst hat Freunde in Frankreich, die er seit mehr als 30 Jahren kennt. "Heute kannst du dir deine Schuhe online bestellen, damals musstest du für bestimmte Klamotten nach London oder Paris", sagt Mertin. In Frankreichs Hauptstadt lernte er andere Graffiti-Künstler kennen. "Wir haben uns an den Schuhen erkannt", erinnert sich Mertin. In einer Zeit ohne Smartphones und Internet konnten sich Angehörige von Subkulturen zumindest am Dresscode erkennen. Heute, wo Hip-Hop längst Mainstream ist, kaum vorstellbar.

Hip-Hop ist mit den Soldaten zu uns rübergeschwappt – so ist aus etwas eigentlich Schlechtem etwas Gutes entstanden.

Dirk Mertin, Bremerhavener Hip-Hop-Pionier

Damals – Mitte der 80er Jahre – war Hip-Hop in Deutschland aber bei Weitem nicht das, was er heute ist. "Es war ein Mikrokosmos", sagt Whitelov. Eine Handvoll Leute seien sie gewesen, später kamen immer mehr dazu. Aus dem ganzen Land pilgerten vielleicht 300 Rapper, DJs, Maler, Tänzer und Fans zu den einzelnen Veranstaltungen, die über die ganze Republik verteilt stattfanden. Ende der 80er Jahre fuhren auch die Bremerhavener in andere Städte – unter anderem in die Nachbarstadt Bremen. "Zu einer kleinen Jam in Horn-Lehe", erinnert sich Whitelov. "Da haben wir dann auch die Bremer kennengelernt."

Bremerhaven machte Straßen-Rap, bevor es das Genre in Deutschland gab

HipHop DJ Michael Whitelov im Profil, im Hintergrund ist ein Graffiti zu sehen.

Einer dieser Bremer ist Matthias Zähler, Künstlername Ma. Mit seiner Band "Lyrical Poetry" begleitete er Anfang der 90er Jahre das genreprägende New Yorker Duo "Gang Starr" auf Tour – viel mehr ging zu dem Zeitpunkt nicht. Heute ist er Musikchef von Bremen Next. "Die Bremerhavener, allen voran Michi und Dirk, waren Vorreiter", sagt er. "Wir haben alle gleichzeitig angefangen, aber die hatten einen Vorsprung. Bremerhaven hatte etwas sehr echtes – bis heute."

Wir sind gar nicht an die richtigen Klamotten gekommen – die konnte man damals nicht mal eben online bestellen. Die Bremerhavener waren aber einfach näher an den Amerikanern. Auch deshalb waren die weit vorne, was den Style anging.

Matthias Zähler, Bremer Hip-Hop-Pionier und Next-Musikchef

Zu dem Zeitpunk war aus der Handvoll Bremerhavener bereits eine größere Gruppe geworden, die bis Mitte der 90er kontinuierlich wuchs. "Das waren locker 50 Leute, die wirklich aktiv waren – das Umfeld, das immer mit am Start war, das waren immer 300 bis 400 Leute", erinnert sich Whitelov. "Wir haben uns unfassbaren Respekt erarbeitet, weil wir einfach als geschlossener Haufen überall aufgetaucht sind." Und der Haufen hatte es in sich. "Bremerhaven war schon immer mehr Straße als andere", sagt Whitelov – weit bevor es in Deutschland überhaupt so etwas wie Straßen-Rap gegeben habe. 

Auf die "Macher-Generation" folgte niemand

Dieser Respekt machte sich aber auch negativ bemerkbar. Dirk Mertin erinnert sich daran, dass in Bremerhaven spezielle Reinigungsmittel getestet wurden, bevor sie in anderen Ländern eingesetzt wurden. In Bremerhaven gab es schließlich genügend bemalte Züge zum putzen. Als deutlich später der Gegenwind für die Sprüher weiter wuchs, die hart erkämpften legalen Flächen schwanden, zog Mertin nach Bremen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich Bremerhaven einmal verlasse", sagt er. "Für mich war das die geilste Stadt."

Bei uns ging es immer um Eigenständigkeit. Darüber haben wir uns einen riesengroßen Namen gemacht. Man kann über die Stadt sagen, was man will – aber Bremerhaven hat unheimlich viel Charisma.

Michael Whitelov

Dafür sorgte auch die "Macher-Generation", wie Matthias Zähler seine Mitstreiter nennt. Mertin organisierte Jams im alten Stadtbad, Anfang der 90er kam die Creme de la Creme der Szene nach Bremerhaven. Auf der Bühne standen unter anderem die Absoluten Beginner und MC Rene. Irgendwann fehlte der Nachwuchs, auf die Macher der ersten Generation folgte nichts mehr. Selbst das Stadtbad musste 2003 einem Kinokomplex weichen.

Besatzer aus der Kunstlobby

DJ Stylewarz Ende der 80er
DJ Stylewarz in den 80ern. Im Ami-Club "Superfly" Bild: DJ Stylewarz

Die letzten US-Soldaten hatten Bremerhaven schon 1994 verlassen. Da hatte sich die Hip-Hop-Szene zwar längst von den Amerikanern emanzipiert. Doch den großen Deutschrap-Hype verpasste die Stadt knapp. Stattdessen wanderte die Musik von der Straße in die Jugendheime, Jams wurden plötzlich von Lehrern organisiert. "Die meinten das im Ansatz gut", sagt Whitelov. "Und trotzdem hat es sich so angefühlt, als wären wir die Wilden, die der Kunstlobby vorgeführt werden. Letztendlich waren das Besatzer."

Vielleicht  ist das der Grund, warum erst Sero el Mero wieder wirklich erfolgreich ist – ein 19-Jähriger aus Grünhöfe mit türkischen Wurzeln. Der Ortsteil hat zwar nicht so eine Bekanntheit wie Lehe, doch das Image des Viertels ist noch verheerender. Statt die Ochsentour, die seine Vorgänger über Jams durch ganz Deutschland geführt hat, ist er mit eigenen Videos in sozialen Medien zum Star geworden. Direkt von der Straße, fernab von Sozialpädagogen und Kunstlobby. 

"Ich freue mich für jeden der Jungs, der so sein Geld verdienen kann – egal, ob mir die Musik gefällt oder nicht. Viele haben doch kaum eine andere legale Chance in Deutschland – eben weil sie nicht deutsch sind. Genau für diese Jungs ist Hip-Hop da", sagt Whitelov. "Hip-Hop kommt von der Straße." Und auch wenn die Amerikaner längst weg sind aus Bremerhaven und die Clubs lange dicht. Die Straße bleibt.

So sah Hip-Hop 1994 im Fernsehen aus

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von YouTube anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Autor

  • Robert Otto-Moog

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Dezember 2019, 19:30 Uhr