So geriet ein Bremerhavener Filmteam auf Samos unter Spionageverdacht

Sie wollten mit Flüchtlingen sprechen für eine Doku für die Deutsche Klimastiftung. Jetzt schildert das Filmteam, wie es stundenlang von der Polizei festgehalten wurde.

Vier Personen mit Masken stehen vor einer kaputten Wand.
Der Fotograf Manolo Ty (2. v.l.) und Annika Mannah von der Deutschen Klimastiftung (3. v.l.) reisten für Dreharbeiten mit zwei Kollegen auf die griechische Insel Samos. Bild: Deutsche Klimastiftung | Manolo Ty

Eigentlich wollten sie eine Dokumentation drehen. Doch dann wurde ein vierköpfiges Team der Deutschen Klimastiftung aus Bremerhaven auf der griechischen Insel Samos stundenlang von der Polizei festgehalten – angeblich wegen Verdachts auf Spionage.

Für ein Projekt der nationalen Klimaschutzinitiative und für die Ausstellung "Klimaflucht" sollte ein Film entstehen. Dazu reiste die Gruppe zu dem Flüchtlingscamp Vathy auf Samos, um Betroffene nach ihren Fluchtgründen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und Naturkatastrophen zu befragen.

Filmteam muss zur Kontrolle aufs Polizeirevier

Eine Frau mit Kamera kniet zwischen Baracken, dahinter stehen zwei Personen.
Das Team besuchte unter anderem das Flüchtlingscamp Vathy. Bild: Deutsche Klimastiftung | Manolo Ty

Nach Filmaufnahmen an einem Strand nahe der türkischen Grenze wurde das Team von der Polizei aufgegriffen und für eine angebliche Routinekontrolle mit zur Wache genommen, erzählt Annika Mannah von der Deutschen Klimastiftung. Es war der Mittag des dritten Drehtages – und der Beginn einer stundenlangen, zutiefst unangenehmen Erfahrung für sie.

Die Projektleiterin der Klimastiftung war am 16. Oktober für eine knappe Woche mit drei Teammitgliedern nach Samos geflogen. Darunter eine Videojournalistin und der Fotograf Manolo Ty aus Berlin. Außerdem ein geflüchteter Syrer, der inzwischen in Bremerhaven arbeitet und dem Team als Dolmetscher und Assistent angehörte.

Ohne Ahnung und Anspruch auf Anwalt festgehalten

Zum Zeitpunkt ihrer Festsetzung waren den Betroffenen die Gründe völlig unklar. "Uns wurde gesagt, wir sollten einfach mal mit zur Polizeiwache kommen, um die Daten zu kontrollieren. Das würde nur ein paar Minuten dauern", erinnert sich Ty. "Irgendwann wurde klar, dass wir da ohne Hilfe nicht wieder wegkommen."

Da die für Filmaufnahmen angemeldete Gruppe nicht offiziell verhaftet sondern als Verdächtige festgehalten wurde, bestand kein Anspruch auf Kontakt zu einem Anwalt. So schildern es die Betroffenen. Die Ausrüstung des Teams wurde demnach beschlagnahmt, später auch die Mobiltelefone. Alle vier mussten sich für eine Durchsuchung komplett entkleiden. "Sie haben die Klamotten untersucht und sie haben uns untersucht", berichtet Mannah. "Was natürlich kein schönes Gefühl ist, wenn man sich wie ein Schwerverbrecher fühlt und nicht weiß, was einem eigentlich vorgeworfen wird."

Schikane trotz Unschuldbeteuerungen

Während des Verhörs trug keiner der Beamten eine Maske, sagt Mannah. "Wir bekamen nichts zu essen, erst gegen 23 Uhr wurde eine Pizza bestellt." Nachdem die Projektleiterin mehrmals darauf hingewiesen habe, dass die Gruppe bereits seit sieben Stunden vor Ort sei. Später kam der Vorwurf der Spionage auf: "Sie erklärten uns, dass dieses Gebäude 500 Meter entfernt von der Stelle, wo wir die Drohnenaufnahmen gemacht hatten, ein Militärgebäude wäre." Das Team beteuerte, nicht in böser Absicht gehandelt zu haben und bot an, Material zu löschen. "Aber stattdessen ging die Schikane weiter", sagt Mannah.

Obwohl sie wussten, dass es sich bei uns um Journalisten und Ethnologen handelt, die im Auftrag der Deutschen Klimastiftung arbeiten, wurde uns Spionage vorgeworfen. Es war ziemlich klar, dass das nur als Vorwand genutzt wird, um uns von unserer Arbeit abzuhalten.

Manolo Ty, Fotograf

Noch bevor ihnen die Handys abgenommen wurden, war es der Gruppe gelungen, die deutsche Botschaft in Athen zu kontaktieren. "Kurz darauf haben wir alle auch unsere eigenen Kontakte aktiviert, seien es Menschenrechtsaktivisten in London oder Organisationen vor Ort", sagt Ty.

Die Botschaft setzte den Honorarkonsul auf Samos auf die Angelegenheit an. Auch die griechische Presse wurde informiert. Unter anderem half die Organisation "Reporter ohne Grenzen", zwei Anwälte einzubinden. Die jedoch von der Polizei abgewiesen wurden. Stattdessen schlossen die Polizisten Ty bei der Befragung ein. "Mein Mundschutz wurde weggeworfen und ich wurde ohne Maske von allen befragt, obwohl Mundschutz in der Polizeiwache getragen werden musste."

Bewegung auf Druck des Generalkonsuls

Eine Frau mit Kopftuch steht zwischen Baracken.
Die Filmemacher wollten mit Bewohnern des Flüchtlingscamps über klimabedingte Fluchtursachen sprechen. Bild: Deutsche Klimastiftung | Manolo Ty

Bewegung kam schließlich in die Sache, als der Honorarkonsul bei der Wache eintraf. "Wir konnten nicht nachvollziehen, was er genau geregelt oder mit wem er wie über was gesprochen hat", sagt Mannah. "Aber wir hatten den Eindruck, dass er sich für uns eingesetzt hat." Außerdem glaubt sie, dass die Pressekontakte des Teams auf die Entwicklung eingewirkt haben könnten.

Als der Konsul das Büro des Polizeiinspektors wieder verließ, konnte nun auch das Team die Wache in Richtung Hotel verlassen – nach insgesamt acht Stunden und mitsamt der beschlagnahmten Ausrüstung. Am nächsten Morgen wurde die Gruppe für weitere Aussagen ins Revier zitiert.

Rückkehr nach Deutschland unter Einfluss der Ereignisse

Seit Mittwochabend sind die vier nun zurück in Deutschland – immer noch unter dem Einfluss ihrer Erlebnisse. Laut Mannah haben die Ereignisse insbesondere ihren syrischen Kollegen mit Fluchterfahrung emotional sehr verunsichert.

Was die Projektleiterin aus ihrer Sicht als unverhältnismäßige Behandlung schildert, erklärt die Polizei der Nordägäisinseln anders: Der Zeitschrift Parallaxi aus Thessaloniki sagte sie zu dem Vorfall, es seien vorbeugende Kontrollen gewesen und die dauern mal eben etwas länger.

Eine weitere Stellungnahme der Polizei zu den Vorfällen war bisher nicht zu bekommen. Die Deutsche Klimastiftung hat sich nun entschieden, zusammen mit einem Anwalt Amnesty International von dem Vorfall zu berichten. Ihre Erlebnisse sind kein Einzelfall, sagt Mannah. Sie hofft, dass dann auch gemeinsam rechtliche Schritte gegen die Polizei eingeleitet werden. "Für mich war es bis dahin unvorstellbar, dass so etwas in der EU passieren kann", sagt Ty. "Dass deutsche Journalisten einfach an ihrer Arbeit gehindert und sogar von der Polizei festgesetzt werden."

Rückblick: Bremen hilft bei Personalnot in griechischer Klinik

Video vom 8. Juni 2020
Eine junge Ärztin, die vor einem Regal steht und in eine Kiste greift.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Patrick Florenkowsky

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 23. Oktober 2020, 14:10 Uhr