Corona-Angst bei Senioren: Was kommt da auf die Pflegeheime zu?

Alte Menschen gehören in diesen Zeiten zur Hochrisikogruppe. So lebten drei der fünf Bremer Corona-Toten in Pflegeheimen. Heime und Pfleger müssen mit dem Risiko umgehen.

Video vom 31. März 2020
Ein Zettel mit einem großen Stopschild und der Überschrift: Besuchsverbot

Seit etwa zwei Wochen dürfen Angehörige die Senioren in Bremer Altenpflegeheimen nicht mehr besuchen. Die drastische Maßnahme wurde nicht ohne Grund getroffen: Ältere Menschen gehören in der Corona-Pandemie zur Hochrisikogruppe. Das Durchschnittsalter der Virusopfer in Deutschland liegt laut dem Robert-Koch-Institut etwa bei 80 Jahren.

Auch in Bremen waren die meisten der fünf verstorbenen Menschen alt und Patienten in Pflegeheimen, wie Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) am Dienstag mitteilte. Die Lage in den Bremer stationären Einrichtungen sei "besonders virulent". In elf Einrichtungen gebe es Verdachtsfälle, in drei sei die Krankheit nachgewiesen worden.

Heimliche Treffen

Trotzdem fällt den Angehörigen und Senioren die Kontaktbeschränkung offenbar nicht leicht: Das Sozialressort appellierte bereits am Montag an die Bevölkerung, das Besuchsverbot nicht zu unterlaufen. Es hätte Berichte aus den Heimen gegeben, nach denen einige Senioren das Haus verlassen hätten, um sich auf der Straße mit ihren Verwandten zu treffen. In einem Fall soll ein Besucher durch ein Fenster ins Heim gelangt sein. "Wir beraten die Einrichtungen derzeit eindringlich, die Besuchsverbote durchzusetzen und Bewohner auf die Risiken hinzuweisen", sagt dazu der Sozialressort-Sprecher, Bernd Schneider.

Ich weiß, wie schwer es alten Menschen gerade in den Pflegeeinrichtungen und ihren Liebsten fällt, auf den Kontakt zu verzichten. Aber bleiben Sie vernünftig. Seien Sie sich bitte bewusst, dass Sie das Virus einschleppen könnten und damit sich selbst und alle ihre Mitbewohner der Gefahr einer Infektion aussetzen, die sehr schwer verlaufen kann.

Die Sportsenatorin Anja Stahmann im Interview über Werder Bremen
Anja Stahmann, Bremer Sozialsenatorin (Grüne)

Skype-Anruf statt Besuch

Für Angehörige sowie Senioren sei die aktuelle Lage nicht einfach, das bestätigt der Vorstandsvorsitzende der Bremer Heimstiftung, André Vater. "Im ersten Moment war es für alle Beteiligten schwierig. Aber schnell hat es bei den meisten großes Verständnis gegeben", sagt er.

Schön findet es keiner, aber viele unserer Bewohner haben schon mehrere Ausnahmesituationen in ihrem Leben erlebt und gehen erstaunlich souverän damit um.

André Vater, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung

Etwa 3.000 Menschen wohnen in den Einrichtungen der Bremer Stiftung. Für die Bewohner sei das größte Problem, dass sie gerade in den Häusern sehr isoliert seien. Eine Lösung habe man unter anderem dank den neuen Technologien gefunden: "Es wird vermehrt über das Internet per Video miteinander gesprochen – zum Teil unterstützt durch die Betreuungskräfte". Vater erzählt, dass den Bewohnern teilweise Tablets zur Verfügung gestellt worden seien, um Videoanrufe unter Anleitung des Personals zu tätigen. "Manche Senioren haben das Programm noch nie benutzt", fügt er hinzu. "Das ist grundsätzlich eine moderne Variante der Postkarte."

Vor allem schwierig für Demenz-Patienten

Einen Aufruf, den Altenheim-Bewohnern tatsächlich Postkarten zu schicken, hat hingegen die Stiftung Friedehorst initiiert. Denn einige Senioren hätten keine Angehörigen, erläutert eine Sprecherin. Und am schwierigsten sei es, den Demenzerkrankten die Lage zu vermitteln.

Es kommt durchaus zu Gefühlen wie Unzufriedenheit oder Traurigkeit bei den Bewohnern. Nicht alle können die derzeitige Lage verstehen und einordnen; manche fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben und das der Grund sei, dass keiner mehr zu Besuch kommt. Natürlich versuchen wir, den Bewohnern die Lage zu vermitteln. Aber insbesondere bei demenziell veränderten Menschen ist das schwer, da ihr Kurzzeitgedächtnis betroffen ist.

Gabriele Nottelmann, Kommunikationsleiterin der Stiftung Friedehorst

Verdi: Sorgen wegen Fachkräftemangels und Knappheit bei Schutzkleidung

Doch für die Pfleger ist die Lage ebenfalls schwierig, teilt die Gewerkschaft Verdi mit. "Viele haben Angst, sich zu infizieren und die Menschen, die sie betreuen, anzustecken", sagt die Sekretärin für Gesundheit und Soziales, Kerstin Bringmann. Außerdem gebe es aufgrund des Fachkräftemangels die Befürchtung, dass Infizierte ohne starke Symptome irgendwann weiter arbeiten müssten. Sorgen bereitet ebenfalls der zunehmend leere Markt für Schutzkleidung und Desinfektionsmittel.

Diese Sorge teilen die Bremer Heimbetreiber. Zwar seien die Bestände momentan noch ausreichend, sagt Vater, doch die Märkte seien gerade leer gefegt. Die Stiftung Friedehorst zeigt sich ebenfalls beunruhigt. "Wir haben glücklicherweise bisher keinen Corona-Fall bei uns, aber wir müssen damit rechnen, dass sich das jeden Moment ändern kann. Dann brauchen wir Schutzausrüstungen in größeren Mengen", sagt die Sprecherin Gabriele Nottelmann. Die Stiftung habe öffentlich dazu aufgerufen, Stoff-Masken zu nähen.

Den Stoff und die Nähanleitung stellen wir. Da wir eine größere Einrichtung sind, brauchen wir viele hundert Masken – jeder, der uns hier unterstützen kann, möge sich gern bei uns melden.

Gabriele Nottelmann, Kommunikationsleiterin der Stiftung Friedehorst

Berufsverbände äußern sich ähnlich. Alle hofften, dass die zentrale Beschaffung über den Bund bald Erfolge zeige, sagt Heidrun Pundt, Vorsitzende des Bremer Pflegerates. Sie lobt die Bremer Institutionen: "Die Gesundheitsbehörde zusammen mit den Leistungserbringerverbänden bpa und LAG tun vieles, um diese Engpässe aufzulösen." Das Sozialressort teilte dazu mit, dass derzeit Strukturen zur Verteilung von Masken und Schutzkleidung aufgebaut würden.

Zurzeit reichen in den Einrichtungen die FFP2-Masken im Falle einer Infektion nicht aus. Auch normale Mund und Nasenschutzmasken, Schutzkittel, Handschuhe sind schwieriger zu beschaffen.

Heidrun Pundt, Vorsitzende des Bremer Pflegerates

15 Corona-Fälle in einer einzigen Einrichtung

Insgesamt leben 7.850 Menschen in Bremen in 153 Seniorenheimen. Knapp 3.800 Beschäftigte sind laut Sozialbehörde in den Einrichtungen im Bereich Pflege und Betreuung tätig, etwa 1.800 davon als Kranken- und Altenpfleger (Quelle: Bericht des Statistischen Landesamtes aus dem Jahr 2017). Bisher hat es in Bremen zwölf Corona-Fälle unter Bewohnern einer Einrichtung gegeben. Drei Menschen sind den Angaben zufolge gestorben. Zudem seien dort drei Mitarbeiter infiziert. In zwei weiteren Einrichtungen sei ebenfalls unter den Pflegekräften jeweils ein Fall nachgewiesen worden.

Bei den drei Heimbetreibern, die buten un binnen befragt hat, gab es nach eigenen Angaben noch keinen Corona-Fall. Auf Hygiene werde derzeit sensibel geachtet – allerdings geschehe dies auch außerhalb der Corona-Krise. "Alle Mitarbeiter sind geschult, es gibt außer Corona zum Beispiel die Noroviren", sagt Vater. Tests auf Coronaviren würden bei Verdacht durchgeführt, zum Beispiel bei Kontakt mit Infizierten. Man arbeite eng mit dem Gesundheitsamt zusammen, fügt er hinzu. Friedehorst sagt ebenfalls, die Entscheidung, wer getestet werde, treffe das Gesundheitsamt.

Pflegeheimbewohner werden vorrangig getestet

Über weitere Maßnahmen wird derzeit öffentlich diskutiert. Eine pauschale Quarantäne für alle Einrichtungen sei schwierig zu entscheiden, sagte Gesundheitssenatorin Bernhard (Linke), bei der Pressekonferenz am Dienstag. Die damit verbundene Isolation der Bewohner hätte ebenfalls Auswirkungen. Ältere Menschen würden in den Heimen derzeit "prioritär" getestet und entsprechende Hygiene-Maßnahmen ausgesprochen. Darüber hinaus sei eine Lieferung an Schutzkleidung gerade in Bremen angetroffen.

Matthias van der Wall von der Diako Kurzzeitpflege sagt, seine Einrichtung habe für den Notfall auch eigene Pläne entwickelt. Das Meldeverfahren für Verdachtsfälle sei von den Behörden geregelt. Darüber hinaus werde gerade verstärkt beobachtet, ob die Heimbewohner Erkältungssymptome entwickelten. Die Standards seien ähnlich wie die für Influenza-Fälle. Bei einem Verdacht werde das Gesundheitsamt kontaktiert und ein Abstrich so schnell wie möglich vorgenommen. Die vergangenen Wochen seien sehr anstregend gewesen, sagt van der Wall. Jetzt sei es wieder ruhiger geworden. "Es fühlt sich an wie die Ruhe vor dem Sturm."

Mitschnitt der Senat-PK zur aktuellen Corona-Lage

Video vom 31. März 2020
Senatorin Claudia Bogedan mit Gebärdendolmetscherin

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. März 2020, 19:30 Uhr