Bremer Schule baut Prototyp einer Abluftanlage für Klassenräume

Das selbstgebastelte Rohrsystem soll Corona-Aerosole aus der Raumluft nach draußen leiten. Die Anlage "Marke Eigenbau" könnte bald in die Serienproduktion gehen.

Video vom 19. November 2020
Die Abluftanlage des Max Planck Institut in Mainz für Klassenräume.
Bild: Radio Bremen

Die Lüftungsproblematik ist in Bremens Klassenzimmern allgegenwärtig. Luftfilteranlagen sind Mangelware. Könnte bald eine selbstgebaute Ventilator-Konstruktion die Situation verbessern? An der Gesamtschule Mitte drehen sich die Gedanken von zwei engagierten Männern derzeit um diese schnelle, pragmatische Belüftungs-Variante. Mit Material aus dem Baumarkt.

Adieu Aerosole und CO2

Finger zeigt auf einen Bauplan.
Die Bauanleitung lieferte das Max-Planck-Institut Mainz. Bild: Radio Bremen

Martin Mauritz ist Spanisch- und Biologielehrer an der Gesamtschule Mitte. Zusammen mit Luft- und Raumfahrtingenieur Johannes Prescher hat er sich den vergleichsweise simplen Bauplan für die Anlage beim Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz besorgt. 90 Prozent der potentiell infektiösen Aerosole sollen durch das kostengünstige Abluftsystem aus einem Klassenraum verschwinden. An Schulen in Rheinland-Pfalz wurde er schon nachgebaut, jetzt ist hier der erste Prototyp an einer Bremer Schule im Bau.

Dabei geht es nicht darum, das Stoßlüften zu ersetzen, sondern es sinnvoll zu ergänzen, sagt Mauritz: "Man schafft es gar nicht, in fünf Minuten den ganzen Luftaustausch hinzubekommen." Der Nebeneffekt der Do-it-yourself-Anlage: Auch das müde machende CO2 werde mit ihrer Hilfe permanent ausgeleitet.

Plastikschirme der selbstgebauten Abluftanlage für Schulen.
Dank solcher Schirme unter der Decke könnte bald die Luft in Klassenzimmern ausgetauscht werden. Bild: Max-Planck-Institut für Chemie | Elena Klimach

Die Anlage besteht aus breiten, durchsichtigen Deckenschirmen und einem Rohrsystem, das zu einem Ventilator am Fenster führt. Entfernt erinnert die durchsichtige Konstruktion an die Rohrpost aus der Kinderserie "Lemmi und die Schmöker". Und so funktioniert's: Aerosole steigen durch die Wärme nach oben und werden durch den Sog, den der Ventilator am Ende des Rohrsystems erzeugt, angezogen und so aus dem Zimmer geleitet.

Einfach, genial und unschlagbar billig

Mauritz schwärmt, wie einfach die Idee umsetzbar ist: "Wenn man geübt darin ist, dann soll man das angeblich mit fünf Leuten in sechs Stunden hinkriegen." 30 Stunden pro Klassenraum – reeller Aufwand, aber keine Raketentechnik für eine Übergangslösung. Nicht mehr und nicht weniger ist die Anlage für Mauritz: "Wir warten auf eine Kernsanierung des Gebäudes und das schon seit Jahren."

Es ist wichtig, jetzt schnell zu handeln und die Schulen mit Belüftungssystemen auszustatten.

Porträtbild von Ingenieur Johannes Prescher.
Johannes Prescher, Luft- und Raumfahrtingenieur

In den allermeisten, teils über 100 Jahre alten Bremer Schulgebäuden fehle eine vernünftige Abluftanlage, meint Prescher: "Das ist auch ein Apell an die Bremer Behörden, jetzt einfach mal zu handeln. Das ist ein einfaches Konzept, das man schnell umsetzen kann."

Laut Mauritz ist die Anlage nicht nur "total einfach", sondern auch "genial billig". Und mit Alltagsmaterialien umzusetzen. Hightech meets Lowtech. Und handwerklich keine große Herausforderung.

Man kann es aus Verpackungsmaterialien und Baumarktartikel selber bauen.

Blonder Lehrer mit weiß-rot-gestreifter Mund-Nasen-Bedeckung.
Martin Mauritz, Lehrer an der Gesamtschule Mitte

Eigeninitiative ist gefragt

Der Bau des Prototyps erfolgt frei nach dem Motto "Nicht meckern, machen". Mauritz und Prescher reizt es, das System schnellstmöglich auszuprobieren: "Wir machen das in unserer Freizeit, nach dem Unterricht, in den Pausen oder auf den Sonntag." Und sind guter Hoffnung, nach dem Prototyp zusammen mit den Schülern in die Serienproduktion zu gehen.

Nun muss sich noch eine Finanzierung finden. Pro Raum kalkulieren die beiden Tüftler rund 200 Euro Materialkosten. Billig ist das System zwar, aber es fällt ja auch nicht ganz vom Himmel.

Autoren

  • Anke Plautz Redakteurin und Autorin
  • Johanna Kroke

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. November 2020, 19:30 Uhr