Interview

Bremer Schülerin zu Corona: "Die Lehrer sind völlig überfordert"

Bund und Länder wollen am Mittwoch Corona-Auflagen für Schulen beschließen. Was finden die Schüler im Land Bremen und in Niedersachsen selbst wichtig? Wir haben gefragt.

Schüler mit Maske im Unterricht bei geöffnetem Fenster.
Kalt, laut und ohne Abstand: So sieht Schule in Bremen aus. Bild: DPA | Daniel Bockwoldt

Drei Schüler beschreiben ihren Schulalltag in Zeiten von Corona. Sie frieren ohne Abstand, aber mit Maske, sind unzufrieden mit den Vorschriften und wollen kleinere Gruppen. Die aktuellen pauschalen Lösungen sehen sie als nicht ausreichend an.

Wie sieht euer Schulalltag unter Corona-Bedingungen momentan in Bremen, Bremerhaven und Niedersachsen aus?
Phil Hempel: Ich sage es mal ganz gerade heraus: Der Schulalltag ist im Grunde wie vor Corona, nur das wir jetzt alles mit einem Stück Stoff vorm Mund machen. In Bremerhavener Schulen ist es aufgrund räumlicher Gegebenheiten nicht möglich Abstand zu halten. Das bedeutet: Wir sitzen wie vor Corona immer noch direkt nebeneinander.

Angelina Robledo: Bei uns vergeht kein Tag, wo wir nicht mit Heizdecken, Winterjacken und Schals und Masken im Unterricht sitzen. Es ist kalt, es ist laut und ähnlich wie in Bremerhaven sind die Räume zu klein. Es wird auch alle 20 Minuten quergelüftet. Wir haben einmal in der Stunde die Möglichkeit, rauszugehen und die Maske kurz abzunehmen, um Luft zu holen.

Marike Leder: Bei uns in Niedersachsen müssen wir auch ab einem Inzidenzwert ab 50 eine Maske im Unterricht und im gesamten Schulgebäude tragen. Wenn draußen kein Abstand gehalten wird, dann muss dort auch eine Maske getragen werden.

Angelina Robledo: Abgesehen davon kommen wir alle aus verschiedenen Richtungen, benutzen öffentliche Verkehrsmittel. Wir können von überall etwas in die Schulen hereinschleppen. Für mich ist die Schule der absolute Superspreader und ich verstehe nicht, warum das noch immer so ist.

Wir sind über 20 Schüler. Es ist nicht mal ein Viertel Meter Abstand zwischen den Sitzreihen.

Angelina Robledo, Schülerin in Walle
Ihr seid alle sehr vernetzt: Was wird euch von anderen Schülern und Schülerinnen zurückgemeldet?
Angelina Robledo: Wir hatten uns erhofft, dass es nach den Sommerferien einen konkreten Plan gibt, dass die Lehrer digital geschult sind. Und, dass selbst wenn ein neuer Lockdown kommt, wir vernünftig unterrichtet werden können. Und davon ist tatsächlich nichts eingetreten. Die Lehrer sind völlig überfordert: Manche geben so viel Stoff, dass sie Schüler zugedröhnt werden, weil die Lehrer den Lockdown fürchten. Andere machen gar nichts und hoffen, dass der Lockdown kommt. Und wir sind mitten drin und müssen das akzeptieren. Das ist einfach insgesamt eine große psychische Belastung.

Phil Hempel: Ich hatte einen Sitznachbarn, der war corona-positiv und wir wurden nicht informiert. Ich habe nur einen Corona-Test bekommen, weil ich mehrfach mit dem Gesundheitsamt und mit meinem Hausarzt telefoniert habe. Dass wir nicht informiert werden, ist kein Einzelfall. Das ist auch an anderen Schulen so.

Marike Leder: Für die Schülerinnen und Schüler in Quarantäne läuft es wohl ganz gut, die werden weiterhin versorgt und das klappt, soweit ich das gehört habe. Das Lüften klappt auch ganz gut, wir haben auch Decken. Manche Lehrer sagen aber, es sei schwierig wegen der Brandschutzvorschriften.
Was gibt es noch Positives oder Negatives, was sich durch Corona verändert hat?
Phil Hempel: Wir sind jetzt gut vernetzt im Stadtschülering, um darüber zu sprechen, was alles schiefläuft. Das ist gut, aber: Wir sind verunsichert. Wir und die Lehrer haben keine Planungssicherheit. Den Schulleitungen sind die Hände gebunden.

Marike Leder: Wir haben jede Woche eine Runde mit dem Kultusminister Grant Hendrik Tonne (Niedersachsen Anm.d.Red) und den Lernverbänden in Niedersachsen, dort können wir rückmelden, wie es uns geht. Da wird auch auf unsere Ideen eingegangen.

Angelina Robledo: Mir fällt da spontan nichts ein, was gut läuft. Tatsächlich auch nichts von den anderen Schulen. Unser gesamter Ärger trifft gerade auf unsere Lehrer und die sind selbst völlig verzweifelt.

Dass jetzt nur noch der positiv-getestete Schüler in Quarantäne muss, das grenzt für mich – ohne das übertrieben ausdrücken zu wollen – an fahrlässige Körperverletzung

Angelina Robledo, Schülerin in Walle
Abstand halten, Maske tragen, Lüften alle 20 Minuten und feste Lerngruppen. So sieht es momentan bei euch aus. Findet ihr diese Regeln ausreichend?
Phil Hempel: Ich muss ehrlich sagen: Nein. Diese Regeln bringen nichts, wenn wir in den Bussen die Kohorten vermischen. Auch die räumlichen Gegebenheiten ermöglichen keinen Abstand. Da bringen die Verordnungen nichts.

Angelina Robledo: Ich will die Regeln nicht bewerten, ich kenne aber die Schülerperspektive und ich kann für mich und die Schüler aus Bremen sagen: Diese Regelungen sind unsinnig, weil sie nicht umsetzbar sind. Die Regeln hören sich schön an, machen aber praktisch keinen Sinn.
Schüler*innen in einem Klassenzimmer mit Mund-Nasen-Schutz.
Abstand halten, Maske tragen, Lüften alle 20 Minuten und feste Lerngruppen – so geht Schule mit Corona. Bild: Radio Bremen
Wenn sich jetzt Angela Merkel mit den Bundesministern zusammensetzt, was fordert ihr für eure Situation an den Schulen?
Marike Leder: Wir müssen aus unserer Sicht in den Hybridunterricht wechseln. Das ist die einzige Möglichkeit. Wenn es so weiterläuft wie jetzt, kommt es zu immer mehr Quarantänefällen, dann zu Schulschließungen und dem wollen wir entgegenwirken.

Angelina Robledo: Es muss gehandelt werden: Unterricht in Halbgruppen wäre zumindest ein Ansatz. Uns allen liegt auch persönlich am Herzen, dass auf unsere psychische Belastung geschaut wird, weil wir mit Stoff vollgeballert werden, um jetzt schnell noch alles durchzukriegen, bevor eventuell ein Lockdown kommt. Auch die psychische Belastung der Lehrer darf nicht vergessen werden, die sind gerade unseren ganzen Frust ausgesetzt. Und die Lehrer müssen besser geschult werden, damit wir digital unterrichtet werden können, das ist uns wichtig.

Phil Hempel: Den Schulen muss jetzt mehr Handlungsspielraum gegeben werden, sodass die Klassen und Jahrgänge individuell betrachtet werden – ob Halbgruppen, Home-Schooling oder sonstige Beschulungen.
Mit welchen Gefühlen blickt ihr auf die nächsten Wochen und Monate und auf den kälter werdenden Winter?
Phil Hempel: Mit gemischten Gefühlen. Wir sind nicht sicher, was in den nächsten Wochen passiert, wen es als nächstes trifft und was mit uns passiert: Tests, Quarantäne oder einfach weiter zur Schule gehen? Warten wir, bis die Decke über uns zusammenbricht?

Marike Leder: Ja, gemischte Gefühle, aber auch ein bisschen mit Bauchschmerzen. Es muss jetzt auf jeden Fall etwas passieren, es kann nicht so bleiben wie es ist.

Angelina Robledo: Ich muss gerade ziemlich radikal sagen, dass ich mein Potenzial schon lange nicht mehr ausschöpfen kann und ich hoffe sehr, dass ich mich der Gefahr zur Schule zu gehen bald nicht mehr aussetzen muss und meine Schularbeit bald in Sicherheit zu Hause machen kann – und das mit meinem vollen Potenzial.
Eine abschließende Frage: Gerade die "jungen Leute" werden oft für steigende Infektionszahlen verantwortlich gemacht, weil sie sich nicht an die Regeln halten. Wie nehmt ihr das wahr?
Phil Hempel: Um ehrlich zu sein, ich kann den Vorwurf verstehen, aber ich kann das auch wieder nicht verstehen. Ich hör' von Ausnahmen, da wird gefeiert. Diese Leute gibt es bei uns, aber die gibt es in jeder Altersstufe. Aber es gibt auch Leute, die nur noch zwischen zu Hause und Schule pendeln. Ich sehe meine Leute meistens nur in der Schule, sonst kaum.

Marike Leder: Ich kann diese Vorwürfe nicht verstehen. Wir sind die Leidtragenden: Manche machen gerade ihren Abschluss und können den nicht feiern, jeder versucht sein Bestes. Klar gibt es diese Einzelfälle, aber das ist die Minderheit. Wenn bei uns in der Klasse ein Mitschüler die Maske nicht richtig trägt, dann ist da der Druck der Klasse und es wird daran erinnert, die Maske richtig zu tragen.

Angelina Robledo: Ich finde den Vorwurf haltlos. Für mich wirkt es so, dass jeder – ungeachtet des Alters – in sich noch ein Kind hat, das einfach mal trotzig reagiert, wenn man ihm etwas verbietet. Das sieht man in allen Altersgruppen.

Keine Einigung beim Streitthema Schule: Was wünschen sich die Schüler?

Video vom 21. November 2020
Schüler*innen in einem Klassenzimmer.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. November 2020, 19:30 Uhr