Interview

So können Bremer verhindern, dass ihnen Corona den Schlaf raubt

Corona bringt viele Menschen um ihren Schlaf, sagt eine neue Studie. Doch oft können einfache Tricks Abhilfe schaffen. Eine Bremer Schlafmedizinerin erklärt, welche.

Eine Frau liegt im Bett und kann nicht einschlafen.
Der Stress in der Pandemie erschwert vielen Menschen das Einschlafen. Bild: Imago | Panthermedia

Einer Studie der mhPlus Krankenkasse zufolge hat sich das Schlafverhalten für zwei Drittel der deutschen Bevölkerung durch Corona geändert. Über die Hälfte hat abends Probleme einzuschlafen. Und 54 Prozent wachen morgens "wie gerädert" auf. Karen Hocker leitet das Schlaflabor am Joseph-Stift in Bremen und erklärt, was guten und schlechten Schlaf ausmacht und warum Homeoffice für Schlafprobleme sorgen kann.

Frau Hocker, beobachten auch Sie diese Entwicklung seit Beginn der Pandemie?
Schlafstörungen sind nichts Seltenes. Auch vor Corona kannte schon ein Drittel unserer Bevölkerung Schlafstörungen. Aber natürlich kann man sich das gut vorstellen: Wir leben in einer sehr stressigen Zeit. Gerade viele Mütter haben unter den Corona-Bedingungen jetzt einen ganz anderen Tagesablauf durch das Homeoffice oder durch Kurzarbeit und was noch alles dazu kommt. Dadurch können sich Schlafprobleme verstärken. Und Leute, die sonst gar keine Schlafprobleme haben, haben sie jetzt.
Was hat das Homeoffice mit dem Schlaf zu tun?
Aus schlafmedizinischer Sicht ist es nicht so günstig, von zu Hause aus zu arbeiten, weil man dann die stressige Arbeitsatmosphäre dicht an seinem Schlafbereich hat. Das kann dazu führen, dass man schlecht trennen kann zwischen der Ruhe, die man zum Schlafen haben sollte und dem Arbeitsalltag. Im schlimmsten Fall steht der Schreibtisch auch noch im Schlafzimmer, sodass man im Bett ständig an den Stress erinnert wird und folglich nicht gut einschlafen kann.
Was ist guter Schlaf?
Das ist natürlich eine Frage der subjektiven Betrachtung. Grundsätzlich ist ein guter Schlaf, wenn man morgens aufwacht und sich fit fühlt, auch im weiteren Verlauf des Tages nicht schläfrig wird und sich leistungsfähig fühlt. Der Schlaf muss sich erholsam anfühlen. Wenn das der Fall ist, ist es guter Schlaf. Es gibt keine starren Kriterien dazu, wie viel Schlaf man haben muss, wie oft man maximal aufwachen darf und so weiter.
Wann würden sie von schlechtem Schlaf oder gar krankhaft schlechtem Schlaf sprechen?
Schlechter Schlaf ist, wenn man morgens nicht richtig wach wird und sich nicht ausgeruht fühlt. Oder auch nachts viel wach liegt, abends Probleme mit dem Einschlafen hat. Ob das gleich krankhaft ist – das hängt ein bisschen von der Häufigkeit ab. Dass man mal eine Nacht schlecht schläft, das kennt jeder. Vielleicht bei einer dicken Erkältung. Oder weil man Sorgen hat, die man mal mit ins Schlafzimmer nimmt. Aber von krankhaft schlechtem Schlaf spricht man erst, wenn die Probleme länger anhalten, und wenn sich die Schlafstörungen auch tagsüber stärker auswirken. Wenn man etwa im Job nicht mehr leistungsfähig ist.
Wie entsteht dieses Gefühl, "wie gerädert" aufzuwachen, über das laut der Studie der mhPlus Krankenkasse so viele Menschen klagen? Gibt es hierfür medizinische Anhaltspunkte, die nachweisbar oder messbar sind?
Man muss ein bisschen unterscheiden: Es gibt eine Tagesmüdigkeit und eine Tagesschläfrigkeit. Wenn man tagsüber das Gefühl hat, dass man nicht richtig leistungsfähig ist, aber eigentlich nicht das Gefühl, dass man nachts fürchterlich schlecht schläft, dann ist das eher Müdigkeit. Die hat häufig andere Ursachen als schlechten Schlaf.
Wenn man dagegen eine Schlafstörung hat, dann schreit der Körper die ganze Zeit nach Schlaf. Man könnte auch tagsüber die ganze Zeit schlafen, möchte sich noch einen Mittagsschlaf gönnen oder schläft in monotonen Situationen einfach ein. Auch, wenn man es gar nicht möchte, vielleicht im Wartezimmer beim Arzt oder – viel schlimmer – am Steuer.
Wie kann ich außerdem zwischen gewöhnlicher Tagesmüdigkeit und Tagesschläfrigkeit aufgrund einer Schlafstörung unterscheiden?
Tagesmüdigkeit entsteht zum Beispiel durch Depressionen. Sie nimmt eher zu, wenn man dann auch noch gefordert wird. Man hat dann das Gefühl, dass man das alles gar nicht mehr schafft. Die Tagesschläfrigkeit dagegen geht in der Regel zurück, wenn man sich in einer Aktivitätssituation befindet, beispielsweise weil man körperlich gefordert ist. Tagesschläfrigkeit entsteht, wenn man zu kurz oder mit zu vielen Unterbrechungen schläft. Und das kann man tatsächlich im Schlaflabor messen: an den Schlafstadien, die wir aufzeichnen, daran ob jemand zu wenig Tiefschlaf bekommt.
Eine müde blickende Frau mit zerzausten Haaren sitzt vor einem Computer und einem Stapel Akten.
Tagesmüdigkeit ist oft keine Folge schlechten Schlafs, sondern hat psychische Ursachen wie etwa Depressionen. Bild: Imago | Panthermedia
Wie muss ich mir das konkret vorstellen?
Wir leiten ein EEG während des Schlafes ab. Dabei werden die elektrischen Aktivitäten des Gehirns aufgezeichnet. Anhand dieser Aufzeichnungen kann man die Schlafstadien beurteilen.
Welche Schlafstadien sind das?
Grob gesagt gibt es den Leichtschlaf und den Tiefschlaf. Und dann gibt es noch den Traumschlaf und die Phase des Wachwerdens. Das kann man alles am EEG erkennen und einigermaßen gut daraus ableiten, ob die Schlafphasen normal verlaufen, oder ob hier beispielsweise ständige Weckreaktionen vorliegen oder es an Tiefschlaf mangelt.
Welche Phase des Schlafs ist für das Wohlbefinden am wichtigsten?
Wichtig sind vor allem der Tiefschlaf und der Traumschlaf. Der Tiefschlaf ist wichtig für die Erholung. Und der Traumschlaf ist wichtig für die Gedächtniskonsolidierung. Der Traumschlaf ist eher für die Morgenstunden kennzeichnend, der Tiefschlaf für die Nacht.
Lässt sich wirklich gar nicht sagen, wie viel Tiefschlaf ich brauche und wie viel Traumschlaf?
Der Traumschlaf sollte ungefähr 20 Prozent des Schlafs ausmachen. Der Tiefschlaf ist abhängig vom Alter. Ältere Menschen haben weniger Tiefschlaf als junge Leute. Wie viele Stunden es aber sein müssen – das hängt letztlich von dem Einzelnen ab, davon, ob er sich am Tag ausgeschlafen fühlt oder nicht. Das ist wirklich sehr unterschiedlich.
Angenommen, jemand kann einfach nicht vernünftig einschlafen, obwohl er weder im Homeoffice arbeitet noch außerordentlichen Stress hat und auch nicht unter Atemaussetzer leidet. Was raten Sie ihm?
Für Menschen, die abends nicht richtig zur Ruhe kommen, empfehle ich Verfahren wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder Yoga. Das hilft, um abzuschalten.
Wer das Problem hat, dass er nachts oft wach wird und sich dann ärgert, dass er nicht schläft, der sollte dann aufstehen und außerhalb des Betts etwas Ruhiges machen, wie lesen oder ruhige Musik hören. Wenn er dann müde wird, sollte er sich wieder hinlegen. Es geht darum, dass man gar nicht erst das nächtliche Wachliegen mit dem Bett verbindet. Wenn das natürlich alles nichts hilft und man wirklich wochenlang nicht richtig schlafen kann, dann sollte man einen Psychologen aufsuchen.

Die faszinierende Welt der Träume: Was wir über Träume wissen

Video vom 28. November 2020
Ein Mann schläft, um ihn herum unscharfe Kreise (Symbolbild)
Bild: Imago | Begsteiger

Autoren

  • Angela Weiß
  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 26. Februar 2021, 23:30 Uhr