Interview

Tag gegen Rassismus: "Deutschem Kino fehlt der Mut, etwas zu ändern"

Am Sonntag ist Internationaler Tag gegen Rassismus. Ein Bremer Schauspieler mit asiatischen Wurzeln spricht über seine Erfahrungen und übt harte Kritik an der Filmbranche.

Der Bremer Schauspieler Vu Dinh
Der Schauspieler Vu Dinh wurde in Nordrhein-Westfalen geboren, seine Eltern stammen aus Vietnam. Bild: Paul Zimmer | Paul Zimmer

Vu Dinh ist in Deutschland geboren, seine Eltern in Vietnam. Als Fluglotse, Model und Schauspieler hat er Berufserfahrungen in mehreren Branchen gesammelt. Zum Internationalen Tag gegen Rassismus spricht er im Interview mit buten un binnen über Diskriminierung in der Filmbranche – und die Folgen für Zuschauer und Schauspieler.

Herr Dinh, am Sonntag wird der Internationale Tag gegen Rassismus begangen. Sie haben sich häufig über die Behandlung nicht-weißer Schauspieler in der Filmbranche kritisch geäußert. Was stört Sie am meisten?
Am meisten stört mich, dass die Gesellschaft im Film und Fernsehen nicht so dargestellt wird, wie sie wirklich ist. Denn das bewegte Bild beeinflusst die Menschen in ihrem Denken. Wenn aber, zum Beispiel, Türken immer im Dönerladen oder als Verbrecher dargestellt werden, macht das etwas mit den Menschen. Wenn die Deutschen Türken sehen, werden sie immer diese Verbindung im Kopf haben. Das ist das, was mich am meisten stört.
Können Sie uns vielleicht ein konkretes Beispiel aus Ihrer persönlichen Erfahrung erzählen?
Ich bin nicht nur Schauspieler, sondern auch Fluglotse. Das ist ein sehr angesehener Beruf. Da war mal ein Fotograf bei uns, er sollte Fotos für eine berühmte Nachrichtensendung machen. Archivbilder, die man als Symbolbild zum Thema benutzen kann. Ich saß im Tower. Er hat mich gesehen und gesagt: "Ich mache jetzt kein Foto von Ihnen, weil man sieht, dass Sie einen Migrationshintergrund haben. Und in Deutschland ist es in den Köpfen nicht drin, dass jemand mit Migrationshintergrund so einen wichtigen Job hat". Dann hat er kein Foto von mir gemacht. Er hatte die Möglichkeit, dieses Bild in den Köpfen der Menschen zu ändern, aber er hat genau das Gegenteil getan. Und in dem Moment hat er mir auch meine Leistung weggenommen.
In früheren Interviews hatten Sie beklagt, dass Menschen mit nicht-deutschen ethnischen Merkmalen immer dieselben Rollen angeboten bekommen. Ist das immer noch so?
Ja, das ist immer noch so. Ich habe kürzlich zwei Rollen abgelehnt, weil ich diese Klischees nicht mehr bedienen will. Das Problem ist, dass die Filmemacher in Deutschland nicht mutig genug sind, um dies zu ändern. Oft fängt es schon beim Drehbuch an. Wir Schauspieler mit einem nicht-deutschen Hintergrund bekommen immer diese stereotypischen Rollen, was auch geschäftlich für uns nicht gut ist. Es ist auch uninteressant – selbst für den Zuschauer. Kein Wunder, dass es der deutschen Filmbranche so schlecht geht. Kunst sollte eigentlich mutig sein.
Was waren das für Rollen, die Sie abgelehnt haben?
Eine war ein asiatischer Dolmetscher und eine war in einem Sketch zum Kinderlied "Drei Chinesen mit dem Kontrabass". Er war ironisch gedacht, aber ich wusste gar nicht, was man daran lustig finden sollte. In meinem letzten großen Film, "Sarah Kohr – Schutzbefohlen", war ich ein chinesischer Geschäftsmann, das ist auch klischeebehaftet, aber die Rolle hatte genug Tiefe. Sie war groß genug, um mehr Charakter zu zeigen. Und die Produktion verlangte nicht, dass ich mit asiatischem Akzent spreche. Das passiert leider auch oft.
Was würden Sie sich wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass ich endlich mal auf eine Rolle gecastet werden, wo drauf gar nicht steht, dass der Charakter ein Asiate ist. Denn für die Rolle ist eher wichtig, was für eine Art Typ man ist: sportlich, nicht sportlich, hübsch, rau und so weiter. Aber so weit ist man in Deutschland noch nicht.
Welche war bislang Ihre Lieblingsrolle?
Ich habe gerade einen Film, "Victoria – Sommer 89", mit einer ganz kleinen Produktion gedreht. Es ist ein Drama. Ich war der Ehemann der Hauptdarstellerin. Im Skript hieß der Charakter immer nur "Ehemann". Und meine Herkunft spielte dabei gar keine Rolle.
Und welche Rolle möchten Sie in Zukunft spielen?
Am liebsten würde ich in einem Action-Film schauspielern, denn ich liebe das Genre. Aber ich möchte nicht so ein Action-Held sein wie aus den 80ern, der rau ist und keine Gefühle hat. Ich möchte ein Held mit Charakter, Tiefe und Dämonen sein. Heutzutage will man mit dem Protagonisten leiden, mit ihm eine Entwicklung erleben. Ich möchte den Zuschauer so mitreißen, dass er denkt: "Ich bin mit ihm durch die Hölle und den Himmel gegangen". Das wäre ein toller Film.

Rückblick: Wie erleben Menschen in Bremen Rassismus?

Video vom 8. Juli 2020
Ayele Anani im Gespräch, im Hintergrund ist ein Kind auf einem Spielplatz zu sehen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: Der Tag, 22. März 2021, 23:30 Uhr