Interview

Warum ein Bremer sein Leben in Syrien riskiert

Die Türkei ist in den Nordosten Syriens einmarschiert. Viele Menschen sind auf der Flucht vor der Militäroffensive. Mitten in diesem Krieg lebt ein Mann aus Bremen.

Ein Mann schaut von einem Berg herab ins Tal. Er sitzt im Schatten und ist nur als Umriss zu erkennen.
Adam Thal unterstüzt den Kampf Kurden in Syrien. Er hat uns dieses Foto von sich geschickt. Bild: Adam Thal

Der Krieg der Türkei richtet sich gegen die militärischen Streitkräfte der Region "Rojava" in Syrien. Die kurdischen "Volksverteidigungseinheiten" YPG kontrollierten das Gebiet bislang. Rojava war weitgehend autonom gegenüber der syrischen Regierung. Für den türkischen Staat sind die Kämpferinnen und Kämpfer der YPG Terroristen. Für die US-Amerikaner waren sie Verbündete im Krieg gegen den so genannten "Islamischen Staat". International bekamen die Kurdinnen und Kurden für den militärischen Sieg über die Dschihadisten Anerkennung. In Deutschland kommt die Unterstützung vor allem aus dem linken Lager.

Laut Bundesinnenministerium haben sich auch deutsche Staatsbürgerinnen und -bürger auf den Weg nach Rojava gemacht. Es sei eine Zahl "im unteren dreistelligen Bereich". Aus Bremen sind nach Angaben des Innensenators seit 2014 fünf Personen nach Syrien ausgereist, um den Kampf der Kurden zu unterstützen. Einer von ihnen sei dort ums Leben gekommen. Wir haben mit einem Mann aus Bremen Kontakt aufgenommen, der im Moment in der Region lebt und nach eigenen Angaben dort auch gekämpft hat. Er nennt sich selbst Adam Thal. Mit ihm konnten wir ein schriftliches Interview führen.

Herr Thal, wo befinden Sie sich gerade?

Ich sitze in einer Wohnung in Heseke, um mich stapeln sich Decken, Säcke mit Reis, Linsen und Bohnen und Kartons mit Spaghetti vom World Food Program. Meine Gastgeber sind zum Nachrichten gucken ins Nachbarzimmer gegangen. Ihr Sohn sitzt neben mir und spielt Minecraft auf seinem Handy. In der Wohnung leben im Moment über 20 Personen, drei verwandte Haushalte, die bis zum neunten Oktober in Serekaniye lebten. Als das Bombardement begann packten sie das Nötigste und fuhren nach Heseke. Mehrere von ihnen blieben auch, um zu kämpfen. Einer der Söhne fiel bei einem türkischen Luftschlag.

Wie gefährlich ist die Situation vor Ort für Sie?

Zu sehen ist ein Dorf von weiter Ferne. Es steigen zwei schwarze Rauchschwaden aus dem Dorf auf. Vor dem Dorf ist eine Grenzmauer zu sehen.
Die Stadt Raʾs al-ʿAin (im Kurdischen Serêkaniyê) nach einem Angriff der türkischen Armee Anfang Oktober dieses Jahres. Bild: Imago | Mustafa Kaya/Xinhua

Heseke liegt etwa 50km östlich der Front. Die Lage hier ist normal. Die Stadt ist voller Geflüchteter, die Milizen des syrischen Regimes zeigen wieder mehr Präsenz. Daesh (arabische Bezeichnung für den "Islamischen Staat“, Anmerkung der Redaktion) hat mehrere Bombenangriffe verübt seit Beginn der Invasion. Abgesehen davon herrscht gewöhnlicher Alltag. An den meisten Schulen gibt es allerdings noch nicht wieder Unterricht, da sie als Flüchtlingsunterkünfte gebraucht werden. Gekämpft wird momentan zwischen Til Temir und Serekaniye, sowie weiter im Westen zwischen Eyn Isa und Til Abyad. Dabei gibt es wenige Gefechte auf dem Boden, sondern vor allem massive Luftangriffe türkischer Kampfdrohnen, die in den letzten 2 Wochen für über 90 Prozent der zivilen und militärischen Verluste auf unserer Seite verantwortlich sind. Außerdem hat eine türkische Patrouille diesseits der Grenze heute mindestens einen Zivilisten getötet.

Karte von Nordsyrien

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Wie sieht ihre Arbeit vor Ort aus?

Ich arbeite eigentlich als Teil regionaler Komitees in den Bereichen Bildung und Landwirtschaft, doch seit Beginn der Invasion haben sich die Prioritäten geändert. Ich habe bei der Verlagerung der Arbeiten unserer Komitees nahe der Grenze weiter nach Süden geholfen, habe freiwillige Helfer*innen an Krankenhäuser in Heseke und Til Temir vermittelt, Medikamente an die Front gebracht, und für ausländische Journalist*innen übersetzt.

Haben Sie auch mit Waffen gekämpft?

Ein Sturmgewehr steht auf einem Tisch unter einer gelben Fahne mit grünem Rand. Davor ist unscharf eine Frau mit einem Sturmgewehr zu sehen.
Mit einem Sturmgewehr wie diesem will Adam Thal gekämpft haben. Das Foto soll im Ausbildungslager der YPG entstanden sein. Bild: Adam Thal

Ja, als Teil der YPG habe ich im Osten des Gebiets zwischen Euphrat und Tigris gegen Daesh gekämpft. In Qamischlo und Heseke gegen den syrischen Staat. Meine Waffe war dabei stets die AK-47.

Wie wurden Sie für den Kampf ausgebildet?

Ich habe, als ich den YPG beigetreten bin, an einer mehrwöchigen politisch-militärischen Ausbildung teilgenommen.

Herr Thal, auch Sie könnten sterben. Wie gehen Sie damit um?

Ich verbringe meine ganze Zeit damit, am Leben zu bleiben, daher bleibt mir keine Zeit, mir groß Gedanken über das Sterben zu machen. Ich habe mein Leben so gelebt, dass ich darauf stolz sein kann, an der Seite meiner Genossinnen und Genossen, für die Freiheit und gegen den Faschismus. Ich mache das gerne noch lange so weiter, doch wenn es zu Ende geht bereue ich nichts.

Auf die Frage, wann Adam Thal wieder zurück nach Deutschland kommt, antwortet er nur: Danach. Die Frage bleibt: Wonach? Ein Ende des Konflikts in Syrien ist nicht in Sicht.

Autor

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 21. November 2019, 23:30 Uhr