Interview

Tipps von Bremer Experten: So wird das neue Jahr besser als 2020

Trotz der Pandemie hoffen viele Bremer auf einen guten Start ins neue Jahr. Doch sie wissen nicht, wie das klappen soll. Der Psychotherapeut Michael Szonn hat ein paar Ideen.

Mann in Sakko, Ende 60, blickt über halbe Brille für Portrait in Kamera
Glaubt, dass in der Aktivität der Schlüssel zur Krisenbewältigung liegt: Psychotherapeut Michael Szonn. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Die Zeit der Corona-Pandemie gilt vielen Menschen auch als Zeit der Zumutungen. Doch es gibt Methoden, die dabei helfen, schlechte Zeiten zu überstehen. Zwar hätten unterschiedliche Menschen auch verschiedene Möglichkeiten, um Probleme zu bewältigen, sagt der Bremer Psychotherapeut Michael Szonn. Ein paar grundsätzliche Ratschläge aber gibt er dennoch.

Wie starte ich widerstandsfähig und möglichst krisenfest ins neue Jahr?
Die Widerstandsfähigkeit gegen Herausforderungen des Lebens ist uns zum Einen genetisch gegeben. Zum Anderen ist es eine Frage der Lebenskunst, mit Belastungen auf eine gute Weise umzugehen. Und an dieser Lebenskunst kann man arbeiten.
Wie?
Man sollte sich klar machen, dass es darum geht, eine grundsätzliche Haltung zum Leben zu finden. Die Lösungen, die sich daraus ergeben, kommen dann oft von selbst. Eine gute Haltung, gerade im Sinne der Widerstandsfähigkeit, habe ich dann gefunden, wenn ich aktiv bin, gestalte. Denn damit nehme ich eine Position der Selbstermächtigung ein. Ich mache etwas aus meinen Möglichkeiten. So lange ich das nicht schaffe, bleibe ich ein Opfer der Umstände und komme in eine negative Position.
Wenn mir aber der Antrieb fehlt: Wie schaffe ich es trotzdem, zum Gestalter meines eigenen Lebens zu werden?
Ich muss mir klar machen, dass es mir nicht hilft, zu fragen: Was geht nicht mehr, was habe ich verloren? Statt dessen sollte ich mich fragen: Was ist möglich? Und: Was habe ich schon einmal erfolgreich gemacht? Kann ich das wieder aufnehmen? Kann ich mir vielleicht etwas Neues einfallen lassen? Es geht immer darum, aus der Passivität in die Aktivität zu kommen. Aber, natürlich: Das ist anstrengend. Das ist nichts, was mir zufällt.
Hilft es mir in solch einer Situation vielleicht, ein Tagebuch zu führen?
Ja. Wenn ich ein Tagebuch führe, begebe ich mich in eine Situation, in der ich über mein Leben nachdenke. Das ist der zentrale Ausgangspunkt der Aktivität. Aktivität heißt ja nicht nur: einfach machen. Es heißt auch: nachdenken. Wo stehe ich zur Zeit? Wie sieht das Leben um mich herum aus? Was kann ich tun? Manchen hilft dazu das Schreiben eines Tagebuchs, anderen reicht es auch, sich einmal am Tag hinzusetzen und sich zu besinnen.
Gibt es beim Schreiben eines Tagebuchs etwas Besonderes zu beachten? Hilft es beispielsweise, nur Positives aufzuschreiben?
Ich finde schon, dass es darum geht, ehrlich mit sich zu sein. Aber: Man kann ja ehrlich aufschreiben, was passiert ist und wie man sich dabei gefühlt hat – und dann noch einmal draufschauen und einen Schluss für sich daraus ziehen: Was mache ich jetzt damit? Schon bin ich wieder in der Rolle des Aktiven. Jammern ist zwar erlaubt. Aber Jammern als fortgesetzter Zustand ist ungünstig.
Wenn ich aber merke: Ich sitze in der Jammer-Spirale fest. Was kann ich dann tun, um mich daraus zu befreien?
Man muss das Aktivsein üben. Wer etwas übt, der wird auch nach und nach besser darin. Wenn ich trotzdem einmal feststecke, kann ich mich zum Beispiel fragen: War ich schon einmal in einer ähnlichen Situation? Was hat mir damals geholfen? Welche Menschen in meiner Umgebung waren hilfreich? Ich kann auch in der Pandemie Kontakt zu Menschen aufnehmen, auch zu solchen, zu denen ich lange keinen Kontakt hatte. Ich kann sie zum Beispiel anrufen und sie fragen: Was machst Du in solch einer Situation wie meiner? Neugier kann sehr hilfreich sein. Denn sie führt mich zu der gestalterischen Frage: Was lohnt sich nachzumachen?
Viele Leute leiden dieser Tage auch unter der Dunkelheit. Hilft es, sich eine Psycholampe auf den Schreibtisch zu stellen?
Wenn ich spüre oder vielleicht sogar schon aus Erfahrung weiß, dass mir mehr Licht im Winter gut tut, dann sollte ich das einfach machen. Die meisten, die das machen, berichten hinterher von einem Aktivitätsschub durch das Licht.
Was mache ich, wenn ich trotz aller Anstrengungen ins Loch falle?
Ich sollte auf jeden Fall versuchen, nicht zu sehr zu vereinzeln. Auch in der Pandemie sollte man die Kontakte, die man hat, pflegen. Sei es durch den Austausch kurzer Nachrichten, besser aber durch Telefongespräche. Wir brauchen sinnliche Reize. Das kann die Stimme einer vertrauten Person sein oder ein Spaziergang, zu dem ich mich verabrede. Das Leben will gespürt werden, nicht nur gedacht.

So war das Corona-Jahr 2020 für die Bremerinnen und Bremer

Video vom 28. Dezember 2020
Eine Frau sitzt hinter geschmückten Plexiglas.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 17. Dezember 2020, 6:36 Uhr