Interview

Schwerbehinderte Menschen demonstrieren in Bremen für Gleichstellung

"Teilhabe ist Menschenrecht" sagt der "Arbeitskreis Bremer Protest" und lud zur Kundgebung auf den Markplatz. Es geht auch um faire Arbeit, sagt Aktivistin Birgit Meierdiercks.

Video vom 5. Mai 2021
Zwei Menschen die auf dem Boden sitzen und zusammen malen für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen.
Bild: Radio Bremen

Wie an jedem 5. Mai, so war auch heute der "Europäische Tag gegen Diskriminierung und für Gleichstellung behinderter Menschen". Trotz Corona rief die "Aktion Mensch" bundesweit zu Aktionen für Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe auf. In Bremen sorgte dafür der "Arbeitskreis Bremer Protest", ein breites Bündnis unabhängiger Behinderten-Organisationen. Er lud für 12 Uhr zu einer Kundgebung auf den Marktplatz.

Zu den Initiatorinnen zählt auch Birgit Meierdiercks, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in Bremen und Bremerhaven, wo gut 2.700 betroffene Menschen arbeiten. Wir sprachen mit ihr über die Hintergründe der Proteste.

Etwa 60-jährige Frau mit teils blau-violett gefärbten grauen Haaren vor Kalender
Birgit Meierdiercks, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in Bremen und Bremerhaven, hat den Protest mitorganisiert. Bild: Birgit Meierdiercks
Was werden Sie heute auf dem Marktplatz fordern?
Wir fordern zum Beispiel, dass das Angebot an inklusiver Beschäftigung in den Unternehmen erweitert wird: zu ganz normalen Bedingungen und Löhnen. Es ist nicht richtig, dass so viele Menschen in einer Werkstatt separiert werden. Viele Menschen mit Behinderungen leben in Armut, sind nur über die Grundsicherung abgesichert. Das hängt damit zusammen, dass es an geeigneten Beschäftigungsverhältnissen mangelt. In Werkstätten erhalten die Menschen durchschnittlich 185 Euro im Monat. Das nennt sich zwar "Lohn". In Wahrheit aber ist das eine Taschengeldpolitik. Hier muss etwas geschehen.
Zeitweise, infolge der Corona-Pandemie, sind Werkstätten ganz geschlossen worden. Wie stehen Sie dazu?
Grundsätzlich sind die Menschen in den Werkstätten gut aufgehoben, auch in der Pandemie. Sie arbeiten in Teilzeit, in Schichten. Man hat vielerorts die Gruppengrößen verkleinert. Aber: Die meisten von ihnen fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Da sind die AHA-Regeln oft nicht einzuhalten. Das ist ein Problem. Denn sie leben häufig in Wohngruppen mit anderen Menschen zusammen, die durch die Pandemie besonders gefährdet sind. Daher sind viele dieser Menschen von ihrer Arbeit ausgeschlossen worden, damit sie nicht das Virus aus den öffentlichen Bussen und Bahnen in die Wohngruppen tragen. Ähnlich bei alten Menschen in den Senioreneinrichtungen, die zeitweise nicht besucht werden durften.
Wie könnte man das Problem lösen?
Wir fordern, dass auch die Menschen aus den Wohngruppen arbeiten dürfen, auch mit dem Risiko. Denn es sind immer mehr Menschen geimpft, das Risiko wird kleiner. Man könnte die Risiken trotzdem weiter minimieren. So könnten die Werkstätten die Gruppen der Beschäftigten noch weiter verkleinern. Unter Umständen könnte man ihnen auch einen Fahrdienst anbieten, damit sie geschützt in die Werkstätten kommen können, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müssen. Es gibt solche Fahrdienste in den Werkstätten bereits. Allerdings bislang nur für sehr wenige Menschen mit besonderen Einschränkungen.
Und Sie wollen, dass alle Menschen mit Beeinträchtigungen, die in Werkstätten arbeiten, mit solchen Fahrdiensten zur Arbeit und zurück gefahren werden?
Nein. Wir wollen grundsätzlich, dass Menschen mit Beeinträchtigungen wie alle anderen behandelt werden, so lange es angemessen ist. Aber in der Pandemie kommt es zugleich darauf an, diesen Menschen die Arbeit zu ermöglichen und die Wohngruppen zu schützen. Daher fordern wir, dass der Kreis derer, die mit Fahrdiensten zur Arbeit gebracht werden, um die Bewohnerinnen und Bewohner gefährdeter Wohngruppen zeitweise erweitert wird.
Eine Frau impft einen Mann im Rollstuhl, eine weitere Frau Hält ihm die Hand.
Ehe man als Schwerbehinderter in Bremen geimpft wird, muss man mitunter mehr bürokratische Hürden überwinden als nötig, findet Birgit Meierdiercks. Bild: DPA | ANP | Sander Koning
Was fordern Sie außerdem?
Wir fordern ein Gesundheitszentrum für Menschen mit Beeinträchtigung. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, einen Arzt ihrer Wahl aufzusuchen, der sie auch dann versorgen kann, wenn sie nicht mobil sind oder wenn sie andere Beeinträchtigungen haben. Das scheitert häufig schon daran, dass es viel zu wenig barrierefreie Arztpraxen in Bremen gibt.
Ihr Arbeitskreis kritisiert auch die Bedingungen, unter denen schwerbehinderte Menschen im Land Bremen geimpft werden. Was ist der Hintergrund?
Das läuft viel zu bürokratisch. Ein Beispiel: Eine Bekannte von mir, die auch in unserem Arbeitskreis aktiv ist, wollte zusammen mit ihrem Mann geimpft werden. Aber es ist ihr einfach nicht möglich gemacht worden, einen Impftermin für beide zusammen zu vereinbaren. Ich finde das sehr deutsch. Das hätte man ermöglichen müssen. Aber hier gibt es Regeln, die da zum Beispiel sagen: Der eine ist 81, die andere 79, also müssen beide an zwei verschiedenen Tagen geimpft werden. Ich finde, dass man da ruhig mit etwas mehr Augenmaß rangehen könnte.

Vernachlässigt Bremen in der Corona-Krise Menschen mit Behinderung?

Video vom 27. Mai 2020
Der Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein ist mittels einer Schalte im Studio von buten un binnen zu sehen, daneben steht Moderator Jaons Kereszti.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Mai, 19.30 Uhr