Bremer Erzieher fordern mehr Schutz und Anerkennung in der Pandemie

Viel werde über Schulen gesprochen und zu wenig über Kitas, sagen Erzieher. Dabei sei ihr Infektionsrisiko groß. Sie fordern, dass mehr Kinder zuhause bleiben. Aber wie?

Eine Erzieherin schaut mit zwei Kindern in einer Kindertagesstätte ein Bild an.
Eine Erzieherin zeigt Kindern ein Bilderrätsel. Der enge Kontakt miteinander ist dabei kaum zu vermeiden. Bild: DPA | Jörg Carstensen

Nur leichte Symptome habe er verspürt, sei mittlerweile auch wieder gesund, versichert Julian L. (Name von der Redaktion geändert). Trotzdem hätte er gern auf die Erfahrung einer Corona-Infektion verzichtet. Julian hat das Unheil kommen gesehen. Er arbeitet als Erzieher in einer Kindertagesstätte der Kita Bremen.

"Ich habe mich in der Kita angesteckt", sagt er. Von einem Zufall könne dabei keine Rede sein. Das hohe Ansteckungsrisiko, dem man in den Kitas ausgesetzt sei, sei schon lange ein großes Thema unter den Erzieherinnen und Erziehern, spätestens seit vergangenem Juni, als die Kitas Bremens wieder den eingeschränkten Regelbetrieb aufgenommen hätten.

Die eigene Infektion mit dem Virus im Dezember habe dann das Fass zum überlaufen gebracht, berichtet Julian. Er gehört zu den Verfassern einer am 21. Dezember veröffentlichen Campact-Petition mit dem Titel "Schützt die Erzieher*innen vor Corona!". Die Petition ist an den Senatspräsidenten Andreas Bovenschulte und an Bildungssenatorin Claudia Bogedan adressiert. Bis Sonntagvormittag hatten etwa 3.970 Personen den Aufruf unterzeichnet. Darin fordern die Verfasser unter anderem wöchentliche Schnelltests für das Kita-Personal sowie eine "angemessene Anpassung des Reaktionsstufenplans".

"Wollen nicht wie Futter für Virus in Kita sitzen"

Im Klartext heißt das, wie Julian L. erläutert: Die Kitas sollten viel früher als derzeit vom eingeschränkten Regelbetrieb zur Notbetreuung übergehen. Das geschieht momentan beispielsweise erst dann, wenn mehr als eine Kohorte in Quarantäne ist und mindestens zwei Personen infiziert sind. So steht es in einem Schreiben aus dem Bildungsressort an alle Kita-Träger des Landes Bremen vom 22. Dezember.

"Ein Wahnsinn", sagt Julian dazu. "Wir wollen nicht wie Futter für das Virus in der Kita sitzen." Er findet, dass in der derzeitigen Lage nur solche Kinder in die Kita kommen dürften, die zuhause nicht betreut werden könnten. Außerdem müsse die Politik neben den Tests für das Kita-Personal auch die Testungen der Kita-Kinder vorantreiben, mindestens im gleichen Maße wie die Testung von Schulkindern.

Wie Julian, so fühlen sich viele Erzieherinnen und Erzieher im Land Bremen in ihrem täglichen Einsatz zum Wohle der Gemeinschaft in Zeiten der Seuche nicht in angemessener Weise beachtet. Die Gesellschaft mache sich nicht klar, welchen Risiken sich die Erzieher Tag für Tag durch die Betreuung der Kinder aussetzten, sagt etwa Tom B. (Name von der Redaktion geändert). Auch er arbeitet als Erzieher in einer Kindertagesstätte der Kita Bremen.

Wir haben natürlich ständig ganz engen Kontakt zu den Kindern. Das geht gar nicht anders.

Erzieher Tom B.

Tom verweist auf eine kürzlich veröffentliche Studie der Krankenkasse "AOK", deren Aussagekraft von Experten aber angezweifelt wird. Laut der Studie ist das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, in keiner anderen Berufsgruppe so groß wie bei den Erziehern. "Trotzdem wird in der Politik und in den Medien viel mehr über Lehrerinnen und Lehrer gesprochen als über uns", bemängelt Tom B.

Bremer Kitas im Schatten der Schulen

Carsten Schlepper ist Abteilungsleiter des Bremer Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder.
Findet es richtig, die Bremer Kitas offen zu halten: Carsten Schlepper von der Evangelischen Kirche. Bild: Radio Bremen

Diese Beobachtung des Erziehers deckt sich mit den Eindrücken, die Carsten Schlepper seit Ausbruch der Pandemie gemacht hat. Der Leiter des größten freien Kita-Trägers in Bremen, des Landesverbands Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder, sieht Bremens Kitas in einer ständigen Gratwanderung zwischen Kontaktbeschränkung und Kindeswohlsicherung: "Die Lage in den Kitas ist in Bremen lange viel zu wenig beachtet worden. Aber über die Schulen ist ganz viel gesprochen worden", stellt er fest.

Dass sich Erzieherinnen und Erzieher in Bremen nun über eine Petition Gehör verschaffen, findet Schlepper daher "vom Grundsatz völlig richtig". Die Erzieherinnen und Erzieher hätten viel mehr Anerkennung verdient. Sie opferten sich in der Pandemie für die Gesellschaft auf und seien überlastet.

War Kita-Schließung ein schwerer Fehler?

Nicht auf einer Linie mit den Verfassern der Petition liegt Schlepper dennoch bei der Einschätzung des Reaktionsstufenplans, der regelt, ab wann die Kitas vom Regelbetrieb zum Notbetreuung übergehen müssten. "Das Bremer System ist richtig", sagt Schlepper ausdrücklich. Es sei dagegen im vorigen Frühjahr ein "schwerer Fehler" gewesen, die Kitas zeitweise nur für die Kinder von Eltern aus systemrelevanten Berufen zu öffnen: "Das wollen wir nicht nochmal!" Denn damals seien insbesondere viele solcher Kinder von der Regelung betroffen gewesen, die in sehr engen Wohnverhältnissen lebten und für die der Kindergartenbesuch daher besonders wichtig gewesen wäre.

Auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wünscht sich Schlepper für die Kita-Träger im weiteren Verlauf der Pandemie einen größeren Spielraum. Es wäre sinnvoll, wenn die Kitas im Krisenfall in Abstimmung mit den Eltern darüber mitentscheiden könnten, welche Kinder sie in die Kita einladen und für welche Jungen und Mädchen eine Betreuung daheim infrage kommt. Dieses Vorgehen sei notgedrungen in den letzten Wochen ohnehin immer wieder die gängige Praxis gewesen.

Und dabei wird es vorerst wohl auch bleiben. Denn trotz des ab dem 11. Januar verschärften Lockdowns bleiben Bremens Schulen und Kitas weiterhin offen. In den Kitas finde eine vollumfängliche Bildung statt, zu der neben der Wissensvermittlung auch Bewegungsangebote zählten, hat Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan dazu am Mittwoch im Interview mit buten und binnen gesagt: "Das alles fördert ein gesundes Wohlergehen", so die Senatorin.

Zudem tue Bremen alles dafür, um die Kitas zu sicheren Orten zu machen. Eben dies sehen die Verfasser der Campact-Petition "Schützt die Erzieher*innen vor Corona!" anders.

Bildungssenatorin: So soll es an Bremens Schulen weitergehen

Video vom 6. Januar 2021
Die Bildungssenatorin Claudia Bogedan im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Januar, 19.30 Uhr