Fragen & Antworten

Finanziert eine Bremer Bank die Übernahme von ThyssenKrupp Stahl?

Noch steht das Geschäft nicht. Doch viel spricht dafür, dass Liberty Steel aus London ThyssenKrupp Stahl kauft. Dabei könnte einer Bremer Bank eine Schlüsselrolle zufallen.

Video vom 25. November 2020
Das Logo der Greensill Bank
Bild: Radio Bremen

Von außen betrachtet wirkt die Greensill Bank eher unauffällig in ihrem grauen Hochhaus an der Martinistraße, nahe der Schlachte. Doch der Schein trügt. Die Greensill Bank schwimmt in Geld. Vor allem aber könnte ihr bei der möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Übernahme einer deutschen Industrie-Ikone eine entscheidende Rolle zufallen: bei jener von ThyssenKrupp Stahl durch den britischen Konzern Liberty Steel.

Was weiß man über diese Bremer Bank, die kaum einer kennt, die "Greensill Bank"?
Sie beschäftigt um die 80 Mitarbeiter. Außerdem hat sie eine bremische Vorgeschichte: Sie hieß früher NordFinanz Bank, kurz NF-Bank. Doch im Jahr 2014 hat ein australischer Unternehmer namens Lex Greensill das Unternehmen gekauft. Seitdem ist die Entwicklung spektakulär – vor allem zuletzt. 2019 hat die Bank einen Gewinn von 21 Millionen Euro gemacht. Aber der Jahresabschluss zeigt noch etwas anderes: Die Bilanzsumme der Bank hat sich innerhalb eines Jahres beinahe versechsfacht. Auf zuletzt 3,8 Milliarden Euro, wie der Wirtschaftsjournalist und Finanzexperte Christian Kirchner vorrechnet.
Eingang des Geschäftsgebäudes an der Martinistraße, in der die Greensill Bank sitzt
Eher unauffällig: Der Eingang der Greensill Bank in der Bremer Martinistraße. Bild: Radio Bremen
Woher kommt das ganze Geld?
Zum Teil aus dem Tagesgeschäft, dem sogenannte "Einlagengeschäft" mit Sparern. Die Bank bietet beispielsweise über das Portal "Weltsparen.de" 0,55% Zinsen für einjähriges Festgeld. Also deutlich über Marktniveau.

Außerdem finanziert die Greensill Bank Unternehmen durch "Factoring". Das ist so eine Art Zwischenfinanzierung für Firmen, die ihre Forderungen oder ihre Verbindlichkeiten an die Bank verkaufen, um so ihre unmittelbare Liquidität sicher zu stellen.

Factoring sei ein sehr kapitalintensives Geschäft, das viel Geld voraussetzt, mit dem sich aber auch viel Geld verdienen lasse, erklärt Kirchner. Genau hier komme die Muttergesellschaft der Bremer Bank ins Spiel – ein großer Finanzkonzern, der von London aus operiert.
Was hat das alles mit ThyssenKrupp Stahl zu tun?
Der Essener Konzern ThyssenKrupp will sein Kerngeschäft, die traditionsreiche Stahl-Sparte, verkaufen. Der britische Konzern Liberty Steel möchte es gern übernehmen. Und Liberty-Chef Sanjeev Gupta gilt seit Jahren als wichtigster Kunde von Greensill Capital. Da schließt sich der Kreis. Es ist daher anzunehmen, dass der Kauf von ThyssenKrupp Stahl – wenn es dazu kommt – von Greensill Capital finanziert wird, dem Mutterkonzern der Bremer Bank.
Was sagt die Bank dazu?
Gar nichts. buten un binnen ist sowohl in Bremen mit seinen Fragen abgeblitzt als auch in London, bei der Muttergesellschaft der Greensill Bank. Keiner will sich äußern. Öffentlich tritt nur Firmengründer Lex Greensill in Erscheinung und nur in den Fachmedien. Offenbar will bei Greensill auch keiner darüber reden, was für eine bemerkenswerte Entwicklung diese kleine, unscheinbare Bank in Bremen hingelegt hat – und wie genau es innerhalb eines Jahres zur Versechsfachung der Bilanzsumme gekommen ist.
Ruft das nicht die Bankenaufsicht auf den Plan?
Doch, tut es. Die Finanz-Fachpresse hat über entsprechende Prüfungen berichtet. Die Finanzaufsicht BaFin und auch die Einlagensicherung des Bankenverbands sollen sich für das plötzliche Wachstum der Greensill Bank interessiert haben – aber auch die äußern sich nicht zu ihren Ergebnissen. Beide haben buten un binnen gesagt, dass sie sich wegen ihrer Verschwiegenheitspflicht nicht zu einzelnen Banken äußern dürften. Bei diesen Ermittlungen scheint es auch darum zu gehen, ob die Bank stark von einem oder wenigen großen Kunden abhängig ist.

Sorgen macht sich auch Thyssen Krupp: Man hat Zweifel an der Finanzierung des Kaufangebots für die Stahlsparte. Da würde Greensill Capital ja vermutlich eine wichtige Rolle spielen, aber die Finanzierung werfe Fragen auf, sagt der Betriebsrat von ThyssenKrupp Stahl. Man wünsche sich mehr Transparenz.

Autoren

  • Christian Schwalb
  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. November, 19.30 Uhr