Interview

Bremer Streetworker in Tenever: "Wir sind nicht der Ordnungsdienst"

Streetworker sind gefragt wie nie zuvor. Sie sollen die Menschen jetzt auch über Corona aufklären. Das ist leichter gesagt als getan. Ein Sozialarbeiter berichtet.

Mann mit Bart und Brille, Mitte 30, lächelt für Foto vor Aktenordnern in die Kamera.
"Wir erreichen nicht alle, aber viele", sagt Streetworker Christoph Reineke. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg
In Ortsteilen wie Osterholz-Tenever sind deutlich mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert als in wohlhabenderen Bremer Wohngegenden. Ortsamtsleiter Ulrich Schlüter glaubt, dass zusätzliche Streetworker bei der Prävention helfen könnten, indem sie von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen auf der Straße sprechen und sie über Corona aufklären. Glauben Sie das auch?
Natürlich können wir die jungen Menschen sensibilisieren, die wir im Rahmen unserer aufsuchenden Sozialarbeit auf der Straße antreffen – allerdings nur unter den gegebenen Voraussetzungen.
Wie meinen Sie das?
Auch wir müssen natürlich an den Arbeitsschutz denken, an die Abstandsregeln. Wir können uns nicht einfach unter große Gruppen mischen. Wir suchen uns Einzelne heraus, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Man muss allerdings auch sagen: Der öffentliche Raum ist zur Zeit nicht so bespielt. Man trifft nicht jeden jederzeit an.
Trotzdem fällt auf, dass man – wie etwa am Schweizer Eck – immer wieder größere Gruppen junger Menschen dicht beieinander stehen sieht. Haben Sie den Eindruck, dass diese Jugendlichen über Corona und die Abstandsregeln im Bilde sind?
Ich glaube schon, dass sie im Bilde sind, jedenfalls die Schüler. Die Schule sensibilisiert. Denn die Jugendlichen müssen in der Schule Schutzregelungen einhalten. Aber: Das wird nicht unbedingt in den privaten Rahmen übertragen.
Woran liegt das?
Es liegt daran, dass es Jugendliche sind, junge Menschen. Die sind oft ein bisschen unbekümmert. Und das ist doch etwas Schönes. Es ist nur leider im Umgang mit Corona nicht gut.
Was kann man da machen?
Man kann nur immer wieder das Gespräch suchen und immer wieder auf die Lage hinweisen. Neuerdings gibt es ja weitere Tragepflicht-Zonen, wo die Maske Pflicht ist. Auch das Schweizer Eck, wo ich unterwegs bin, gehört dazu. Wenn man dort keine Maske trägt, drohen jetzt Sanktionen.
Helfen Sanktionen?
Das glaube ich schon. Das ist wie mit dem Schwarzfahren. Wenn man erwischt wird, drohen Kosten, die jungen Menschen wehtun können. Nicht, dass wir das wollen. Aber die drohenden Sanktionen bei Verstößen gegen Schutzmaßnahmen sind gute Aufhänger für uns, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Wobei ich auch betonen möchte: Wir haben keine Feuerwehr-Funktion und sind auch nicht der Ordnungsdienst. Am Ende suchen wir einfach nur ein Gespräch. Ich bin mir allerdings sicher: Das bringt mehr als ein Flyer oder irgendein Schild.
Wie muss man sich das konkret vorstellen? Sie sehen auf der Straße eine Gruppe von Jugendlichen und sprechen die dann einfach an?
Genau. Und weil wir uns meist schon kennen, zumindest einzelne aus der Gruppe, kommen wir auch leicht ins Gespräch – jedenfalls unter normalen Umständen. Im Moment ist das natürlich schwieriger, weil wir Distanz halten müssen. Trotzdem versuchen wir, zum Beispiel die, die wir besser kennen, einzeln anzusprechen und über die bestehende Beziehungsarbeit bestimmte Haltungen in die Gruppen zu tragen.
Welche Jugendlichen erreichen Sie, welche nicht?
Wir konzentrieren uns auf Jugendliche zwischen zwölf und Anfang zwanzig. Die Szene ist groß, aber auch unser Bekanntheitsgrad unter den Jugendlichen. Wir können jeden, den wir antreffen, ansprechen. Wahrscheinlich erreichen wir nicht alle, aber viele.
Welche Rolle spielen Sprachkenntnisse dabei?
Praktisch gar keine. Die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, sind in ihrem Stadtgebiet sozialisiert und verstehen uns. Ich arbeite im Team Connect auch mit Fluchterfahrenen – und auch dabei ist die Sprache kein Problem. Etwas anders mögen die Dinge bei älteren Zielgruppen liegen. Damit haben wir aber nichts zu tun.
Worin liegt Ihre größte Herausforderung, auch in Hinblick auf Corona?
Wir sind mobil im Team mit studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterwegs und arbeiten mit jugendlichen Cliquen und Szenen unterschiedlicher Nationalität im öffentlichen Raum. Doch das geht gerade eingeschränkt. Wir versuchen, die gute Bindung zu den Jugendlichen aufrecht zu erhalten, zum Beispiel zusätzlich telefonisch oder über digitale Kanäle. Das ist zwar nicht dasselbe wie der direkte Kontakt. Trotzdem bin ich mir sicher: Wir werden den Draht zueinander halten. Trotz Corona.

Wie funktioniert Streetworking unter Pandemie-Bedingungen?

Video vom 12. Juli 2020
Die Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission Katharina Kähler im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. November, 19:30 Uhr