So will Bremen im Winter für virenfreie Luft in den Schulen sorgen

Um mögliche Coronaviren loszuwerden, muss jede Bremer Schulgruppe alle 20 Minuten stoßlüften. Die Stadt Bremen schafft zudem 25 mobile Lüfter an. Was bringen die?

Video vom 23. Oktober 2020
Grüe Stühle eines Klassenzimmers, die auf den Tischen aufgereiht sind.
Bild: Radio Bremen

An warmer Kleidung führt für Bremens Schülerinnen und Schüler auch während des Unterrichts wohl kein Weg mehr vorbei. Denn um die Luft von Coronaviren so frei zu halten, wie es eben geht, sind Bremens Schulen dazu verpflichtet, alle 20 Minuten für wenigstens fünf Minuten die Fenster weit aufzureißen, selbst bei Minusgraden. In einer Empfehlung des Bundesumweltamts, an der sich das Land Bremen orientiert, heißt es dazu sogar: "Je größer die Temperaturdifferenz zwischen innen und außen ist, desto effektiver ist das Lüften."

Dieser Aussage entsprechend stellt Stephanie Dehne aus Bremens Ressort für Kinder und Bildung klar: "Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sollen warme Kleidung anziehen, beziehungsweise mitbringen, damit das Lüften bei kalten Temperaturen nicht unangenehm ist." Auch verfüge kaum eine Bremer Schule über Luftfilteranlagen.

"Wir brauchen Möglichkeiten, die Luft rein zu halten"

Besagte Filteranlagen wären im Kampf gegen die Pandemie unter Umständen eine große Hilfe. Das hat zumindest Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in der gestrigen Ausgabe des ARD-Fernsehmagazins "Monitor" gesagt. Meidinger schätzt, dass bundesweit in etwa 100.000 Klassenräumen nicht richtig gelüftet werden kann. "Wir brauchen zusätzliche Möglichkeiten, hier die Luft rein zu halten", so Meidinger.

Mobile Luftreinigungsanlangen wären eine Möglichkeit hierzu. Laut einer Studie der Goethe-Universität in Frankfurt lassen sich mithilfe solcher Geräte bei fachgerechter Anwendung binnen einer halben Stunde 90 Prozent der Aerosole aus einem typischen Klassenzimmer entfernen.

Trotzdem sind den "Monitor"-Recherchen bislang acht von 16 Bundesländern nicht dazu bereit, entsprechende mobile Lüftungsanlagen für ihre Schulen anzuschaffen. Der Grund: Ein einzelnes Gerät schlägt mit rund 3.000 Euro zu Buche, wie Stephanie Dehne aus dem Bremer Bildungsressort bestätigt.

Kleine Bremer Lösung

Wohl nicht zuletzt deswegen läuft es in Bremen gerade auf eine kleine Lösung hinaus. So plane die Stadt, 25 mobile Luftreinigungsanlagen "zur Unterstützung des Lüftens" anzuschaffen, sagt Dehne. Eine überschaubare Zahl, bedenkt man, dass es in der Stadt Bremen 143 allgemeinbildende Schulen gibt.

Allerdings, betont Dehne, gebe es in Bremen kaum einen Klassenraum, in dem nicht durch Fenster gelüftet werden könne. Die mobilen Luftreinigungsanlagen sollten lediglich in Räumen zum Einsatz kommen, die sich nicht durch Fenster lüften ließen.

Bremerhaven möchte gar keine mobilen Luftreinigungsanlagen für seine Schulen anschaffen, wie Schuldezernent Michael Frost am Freitag bestätigt hat. Die Anlagen seien schwer zu beschaffen, und ob sie wirklich die gewünschten Resultate brächten, sei fraglich.

Luftreinigungsanlagen in der Kritik

Grauhaariger Mann mit Bart mit Brille.
Arbeitswissenschaftler Gerhart Tiesler ist Mitbegründer des Instituts für interdisziplinäre Schulforschung (ISF). Bild: Gerhart Tiesler | Gerhart Tiesler

Mit dieser Einschätzung steht Frost nicht allein da. Auch der Arbeitswissenschaftler Gerhart Tiesler vom Bremer Institut für interdisziplinäre Schulforschung ist von den mobilen Luftreinigungsanlagen und ihrer möglichen Anwendung in Schulen alles andere als überzeugt. Für eine Studie zu "Gesundheitsfördernden Einflüssen auf das schulische Leistungsvermögen" hat sich Tiesler mit Fragen der Luft und Lüftung in Klassenzimmern intensive befasst. Für ihn steht fest: "Frische Luft von außen ist das Beste, was man machen kann."

Mobile Luftreinigungsanlagen aber arbeiteten mit Umluft. Sie hätten überhaupt nur dann einen ernsthaften Nutzen, wenn gewährleistet sei, dass die Filter regelmäßig und fachgerecht gewechselt würden. Wenn dies nicht geschehe, trügen die Anlagen eher dazu bei, die Viren in der Luft zu verteilen. "Dann verlässt man sich darauf, tut sich aber nichts Gutes", fürchtet Tiesler. Wenn man ein Klassenzimmer dagegen konventionell durchs Fenster lüfte, sorge man zugleich dafür, dass der Kohlendioxid-Anteil in der Raumluft sinke und sich alle besser konzentrieren könnten – auch bei Kälte.

Grundsätzlich gehe man davon aus, dass sich die Schadstoff- und die Virenkonzentration in der Luft analog zum Kohlendioxid-Gehalt verhalte, so der Wissenschaftler. Anders gesagt: Wenn es gelingt, durch regelmäßiges Lüften den CO2-Anteil niedrig zu halten, gelingt es gleichzeitig auch, die Viren- und die Schadstofflast klein zu halten.

Stadt Bremen setzt auch auf CO2-Ampeln

Vorführung einer C02-Ampel für Schulen (Symbolbild)
Einfach, aber wirkungsvoll: CO2-Ampeln informieren über die Luftqualität in Innenräumen wie Schulklassen. Mit ihrer Hilfe lässt sich klären, wann gelüftet werden muss. Bild: DPA | Peter Kneffel

Genau davon geht man auch im Bremer Bildungsressort aus. Zusätzlich zu den 25 mobilen Luftreinigungsanlagen werde Bremen daher 35 so genannte "CO2-Ampeln" anschaffen, sagt Stephanie Dehne. Diese 50 bis 100 Euro teuren Messgeräte zeigen über die Indikatorfarben grün, gelb und rot an, wie es um den Kohlendioxid-Gehalt in der Luft bestellt ist. Spätestens, wenn die Ampel auf rot steht, muss dringend gelüftet werden, besser früher. Das Bildungsressort werde diese Ampeln auf jene Schulen verteilen, in denen das Stoßlüften, zumindest in einigen Räumen, schwierig sei, so Stephanie Dehne.

ZEB: Auf das Gesamtkonzept kommt es an

Michael Skibbe vom Zentalelternbeirat Bremen (ZEB) findet die Frage, welche Geräte Bremen letztlich in welcher Zahl für seine Schulen anschafft, nachrangig. Auf das Gesamtkonzept komme es an.

Allerdings finde er wichtig, dass Bremen am Präsenzunterricht festhalte, so lange die Infektionszahlen dies zuließen. Auch könne er sich eine Maskenpflicht, wie sie für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II bereits bestehe, für jüngere Kinder kaum vorstellen. Wenn es also möglich sei, den Präsenzunterricht an den Schulen auch ohne Masken mithilfe von mobilen Luftreinigungsgeräten aufrechtzuerhalten – dann möge Bremen bitte möglichst viele dieser Geräte für seine Schulen anschaffen.

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Oktober, 19.30 Uhr