Pleiten in der Innenstadt: Worauf es jetzt für Bremen ankommt

Kaufhof und Zara machen dicht, vielleicht auch Karstadt Sports. Bremens Innenstadt droht auszubluten. Dennoch sehen Kaufleute und Forscher auch Chancen in der Krise.

Video vom 30. Juni 2020
In der Innenstadt von Bremen sind nur wenig Leute unterwegs.

Jetzt soll es ein "Bündnis für die City" richten. Alle Akteure, die mit der Bremer Innenstadt zu tun haben, sollen dafür zusammenkommen, "alle politischen, alle wirtschaftlichen, alle zivilgesellschaftlichen". So hat es Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) angekündigt.

Dass ein solches Bündnis dringend erforderlich ist, wird kaum jemand bestreiten. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie mehrten sich in der Bremer Innenstadt Leerstände. Jetzt verliert die City mit Galeria Karstadt Kaufhof in der Papenstraße mindestens ein Warenhaus, wahrscheinlich aber sogar zwei: Auch Karstadt Sports in der Sögestraße soll auf der Streichliste des von der Insolvenz bedrohten Warenhauskonzerns stehen.

Darüber hinaus wird die Modekette Zara ihre Filiale in der Bremer City schließen. Dass weitere Schreckensmeldungen aus der Bremer Innenstadt im Zuge der Corona-Krise folgen werden, gilt unter Kaufleuten als ausgemacht.

Altes Ziel in weiter Ferne

Szene aus der Lloydpassage: Frau vor Parkscheinautomat des Parkhauses Bremen Mitte
Noch steht hier das Parkhaus Bremen Mitte. Investor Kurt Zech wird es abreißen lassen, plant eine "City Galerie".

An Aufgaben für ein "Bündnis für die City", wie es sich Bremens Bürgermeister wünscht, mangelt es nicht. In welcher Weise sich die Entwicklung der Innenstadt vorantreiben ließe, dazu gibt es bereits einige Konzepte: etwa aus der "Ideenmeisterschaft", die Investor Kurt Zech vor zwei Jahren initiiert hat. Zech, Haupteigentümer der großen Karstadt-Immobilie an der Obernstraße und des Parkhauses Bremen Mitte, möchte rings um die Lloydpassage eine "City Galerie" entwickeln. Welche Rolle dabei dem jetzigen Kaufhof-Gebäude zufallen könnte, ist nur eine von vielen Fragen, die sich dabei stellen.

Doch auch der Bremer Senat und die Handelskammer Bremen haben unter dem Titel "Bremen Innenstadt 2025" bereits im Jahr 2013 ein 120-seitiges Dokument verfasst, an dem neben zwei Senatsressorts und der Wirtschaftsförderung auch die Senatsbaudirektorin und das Ortsamt Bremen-Mitte mitgestrickt haben. Darin findet sich unter der Überschrift "Leitlinien und Handelsfelder" etwa die Empfehlung "Lagen und Angebotsvielfalt im Einzelhandel ausbauen".

Damit haben die Autoren bereits vor sieben Jahren ein Ziel ausgegeben, dem Bremen seither nicht etwa nähergekommen ist, sondern von dem sich die Stadt – auch bedingt durch Corona – immer weiter entfernt hat, wie die drohenden Leerstände mitten in der Fußgängerzone belegen.

"Der Handel allein wird es nicht mehr meistern können"

Dunkelhaariger Mann mittleren Alters in Anzug blickt durch Hornbrille in Kamera
Glaubt, dass die Zukunft der Innenstädte in Mischkonzepten aus Handel, Wohnen und Büros liegt: IFH Köln-Geschäftsführer Boris Hedde. Bild: IFH Köln GmbH

Dazu muss man wissen: Obwohl sich die Einkaufsgewohnheiten der Konsumenten insbesondere durch den Online-Handel massiv verändert haben, ist der Wunsch einzukaufen doch immer noch das Hauptmotiv, aus dem heraus die Deutschen eine Innenstadt aufsuchen. Erst danach kommen gastronomische Angebote oder Behördengänge. Das ist eine der zentralen Aussagen aus der Studie "Vitale Innenstädte", die das Institut für Handelsforschung IFH Köln alle zwei Jahre herausgibt, zuletzt 2018.

Dennoch sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Köln, mit Hinblick auf den Niedergang der Warenhäuser und auf die Krise der Innenstädte: "Der Handel allein wird es nicht mehr meistern können." Das gelte für nahezu alle Innenstädte in Deutschland. Mischkonzepte aus Handel, Wohnen und Büros seien gefragt – nicht nur für leerstehende Warenhäuser, sondern für die gesamten Innenstädte. "Solche Konzepte bergen die Chance für eine neue Belebung", sagt Hedde. Ohnehin finde er es wichtig, den bevorstehenden Wandel der Innenstädte als Chance zu begreifen: "Die Städte müssen sich schon aufgrund der Konkurrenz zum Internet verbessern."

Vorbildliche ostdeutsche Innenstädte

Neben dem Ambiente einer Stadt, das üblicherweise über viele Jahre oder gar Jahrzehnte wachse, gebe es eine Reihe anderer Faktoren, die das Leben schöner und einfacher machten, und die sich auch relativ kurzfristig verbessern ließen. Hedde denkt dabei etwa an Verkehrsleitsysteme, an Orientierungshilfen oder auch an ausreichend viele öffentliche Toiletten, die den Besuchern einer Innenstadt zur Verfügung stehen sollten.

Grundsätzlich falle bei den Studien "Vitale Innenstädte" ins Auge, dass die Ostdeutschen ihre Innenstädte etwas besser bewerteten als die Westdeutschen. So schneidet Leipzig in der aktuellsten Ausgabe von allen deutschen Innenstädten am besten ab. Hedde nennt dafür einen einfachen Grund: "Ostdeutschland hat nach der Wende kräftig in seine Infrastruktur investiert. Das zahlt sich jetzt aus. Bei uns im Westen herrscht dagegen vergleichsweise noch vielerorts Nachholbedarf."

Bremen unterer Durchschnitt

Obernstraße in Bremen
Sauberkeit, Nahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten: Was alles macht eine City attraktiv?

Worin dieser Nachholbedarf in Bremen liegt – dazu liefert die Studie "Vitale Innenstädte" von 2016 einige Hinweise. Damals hat Bremen als eine von 121 Städten bundesweit an der Untersuchung des IFH Köln teilgenommen. Als Datenbasis für die Erhebung dienten den Forschern über 58.000 Interviews mit Innenstadtbesuchern, darunter 605 in der Hansestadt. Bremen hat dabei mit der Schulnote 2,6 abgeschnitten, leicht unterdurchschnittlich. Die Durchschnittsnote für Innenstädte vergleichbarer Größe lag bei 2,4.

Gerade bei den Punkten "Sauberkeit" und "Ausstattung" der Innenstadt fiel Bremen im Vergleich zu anderen Großstädten ab. Gut kamen bei den Befragten dagegen die vielen Sehenswürdigkeiten Bremens an. Jens Ristedt, Vorsitzender der Cityinitiative Bremen Werbung und Betreiber eines Modehauses in der Bremer Innenstadt, sieht denn auch im Weltkulturerbe aus Roland und Rathaus sowie in der gesamten Altstadt eines der großen Pfründe für die Innenstadtentwicklung.

"Historische Chance" in der bitteren Krise

Wie IFH Köln-Geschäftsführer Boris Hedde, so findet auch Ristedt, dass in der aktuell dramatischen Lage um die Warenhäuser eine "historische Chance" liege, so bitter es auch sei, dass Galeria Kaufhof schließe. Jetzt komme es darauf an, dass durch geschicktes Management – eventuell auch mit Zwischennutzungen – lange Leerstände verhindert würden. Gleichzeitig hofft Ristedt und mit ihm viele Kaufleute der Innenstadt, dass es Bremen gelingt, mit Mischkonzepten aus Handel, Wohnen und eventuell auch Wissenschaft für mehr Leben in der Stadt zu sorgen.

So kann sich Ristedt neben Forschungseinrichtungen der Bremer Hochschulen auch Wohnungen, Erlebnisstores und moderne Gaststätten für neue Zielgruppen in der City vorstellen: "Klar wäre es toll, wenn wir junge Leute für die Stadt begeistern könnten", sagt er dazu – und gibt Bovenschultes Rundem Tisch damit zugleich eine Anregung mit auf den Weg.

Bremerhaven hat Karstadt noch nicht aufgegeben

Die Filiale von Karstadt in Bremerhaven.
Bremerhaven setzt auch auf das Gespräch am Mittwoch zwischen Städtetag und Karstadt.

Während Bremens Politik die Kräfte für die Innenstadtentwicklung neu bündelt, schlägt Bremerhaven eine andere Strategie ein: "Wir müssen erst einmal Klarheit haben, wie es mit Karstadt weitergeht", sagt Magistratssprecher Volker Heigenmooser. Nach Stand der Dinge wird Galeria Karstadt Kaufhof seinen Bremerhavener Standort aufgeben und die Seestadt damit ihr einziges Warenhaus verlieren. Damit aber, so Heigenmooser, habe sich die Stadt noch nicht abgefunden. Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) verhandele dieser Tage sowohl mit der Essener Konzernleitung als auch mit den Eigentümern der Karstadt-Immobilie.

Modekette Zara schließt Filiale in Bremer Innenstadt

Video vom 24. Juni 2020
Das Logo der Textilkette "Zara" auf schwarzem Hintergrund.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Juni 2020, 19:30 Uhr