Kinder in Not: Wenn Inklusion den Unterricht an Bremer Schulen sprengt

Es gibt Kinder, die den Schulunterricht massiv stören, weil sie mit sich und ihrer Umgebung nicht klar kommen. Jetzt sucht Bremen neue Wege der Inklusion.

Ein zerbrochener Bleistift mit dem hingekritzelten Wort Inklusion auf Karopapier, wie es in der Schule üblich ist.
Inklusion gestaltet sich in der Praxis an Bremer Schulen oft schwieriger als gedacht. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Das Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße in Bremen Schwachhausen kümmert sich um jene Kinder, die sehr stark verhaltensauffällig sind und scheinbar nicht in das normale Schulsystem hineinpassen. Manche von ihnen bleiben ein bis zwei Jahre am Förderzentrum und kehren dann in ihre alte Schule zurück. Andere bleiben länger. Die Förderschule soll es aber bald nicht mehr geben. Das erklärte politische Ziel in Bremen: Alle Kinder gemeinsam in den Regelschulen unterrichten. Doch es gibt immer öfter Zweifel, wie weit Inklusion gehen kann und sollte.

Wenn die Wut raus muss

Jan (Name geändert) haut mit der Faust gegen die Glastür. Er ist wütend. Der Achtklässler soll sich im Sekretariat melden. Die Tür zur Schulverwaltung ist gesperrt: Die Schüler müssen klingeln, damit jemand aufmacht. Doch Jans Zorn ist zu groß und braucht ein Ventil. Nach dem Schlag gegen die Tür, klingelt er noch Sturm. Laut schimpfend setzt er sich schließlich auf den Stuhl vor dem Sekretariat.

Portraitaufnahme von Schulleiter Bastian Hartwig
Bastian Hartwig, Leiter des Förderzentrums an der Fritz-Gansberg-Straße Bild: Radio Bremen

35 Kinder und Jugendliche gehen derzeit zum Förderzentrum für soziale und emotionale Entwicklung. Jedes dieser Kinder hat bereits einen unglaublichen Lebensweg hinter sich. So wie auch Sebastian (Name geändert). Der heute 17-jährige hat nur eine Woche lang die erste Klasse einer Grundschule besucht. Dann wurde er aus seiner Familie und der Schule genommen und ist von einem Heim ins nächste gesteckt worden. Vier von ihnen hat er in Norddeutschland durchlebt, bis er mit elf Jahren schließlich wieder in Bremen ankam und auf der Fritz-Gansberg-Schule landete. Das sind ganz typische Stationen der Kinder an seiner Schule, erklärt Bastian Hartwig, Leiter des Förderzentrums.

Wir haben Schüler, die aus vielen Systemen rausgeflogen sind. Die häufig früh aus der Familie genommen wurden und bereits in mehreren Jugendhilfeeinrichtungen waren. Deswegen ist unser erstes Ziel, Ruhe in das Leben der Kinder reinzubringen.

Bastian Hartwig, Leiter des Förderzentrums Fritz-Gansberg-Schule

Vertrauen gewinnen und eine verlässliche Beziehung aufbauen, das ist es, was die Kinder und Jugendlichen brauchen. Doch gerade das ist besonders schwer. Nach solchen "Karrieren" lassen sich die meisten von ihnen nicht gerne auf Beziehungen ein. Im Gegenteil, um sich zu schützen, sorgen sie schließlich selbst dafür, dass jede Beziehung zu ihnen zerbricht. "Das ist das Muster, das sie kennen. Da sie fest mit dem Abbruch der Beziehung rechnen, wollen sie wenigstens selbst den Zeitpunkt bestimmen", beschreibt Hartwig die Überlebensstrategie dieser Kinder. Das gebe ihnen das Gefühl, zumindest eine gewisse Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Diese Kinder zu unterrichten und zu erziehen ist für die Lehrkräfte und Sonderpädagogen eine enorme Herausforderung.

Schreien, bis die Lehrer aufgeben

Ein Junge sitzt in einem Klassenzimmer der Fritz-Gansberg-Straße vor einer Tafel
Sebastian in seinem alten Klassenzimmer am Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße. Bild: Radio Bremen | Heike Zeigler

Sebastian hat gerne im Unterricht plötzlich laut losgeschrien. Immer wieder und immer wieder – um seine Lehrer zur Weißglut zu treiben. Andere Male stellte er sich einfach schlafend. Das ging lange so. Über Jahre. Eine echt harte Nuss war er, sagt er heute selbst. Kann eine Regelschule solche Kinder auffangen? Diese Frage stellen sich inzwischen immer öfter Politiker und Lehrer in Bremen. Die Fritz-Gansberg-Schule wurde zuletzt nur noch bis zum Jahr 2024 genehmigt. Dann, so die Hoffnung, wäre die Inklusion in Bremen so weit fortgeschritten, dass auch diese Kinder an den Regelschulen aufgenommen werden können.

Nur zehn Prozent der Kinder, die als besonders verhaltensauffällig gelten, gehen in Bremen auf das Förderzentrum. 367 weitere Kinder und Jugendliche mit emotionalen und sozialen Schwierigkeiten gehen derzeit auf die Regelschule. Ihre Zahl steigt seit Jahren. Vor zehn Jahren waren es noch deutlich weniger (262 Schüler und Schülerinnen). Sicherlich auch, weil die Kinder und ihre Probleme heute schneller gesehen und anerkannt werden.

Viele Schulen suchen Hilfe

Immer wieder wenden sich Schulen an Förderschulleiter Hartwig und hoffen, dass er einen Platz in seinen Klassen frei hat. Die Regelschulen schaffen es oft nicht, diese Kinder zu bändigen und ihnen die Hilfen zu geben, die sie benötigen. Überall fehlen Sonderpädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter, um sie aufzufangen. Fakt ist: Das aktuelle Bremer System der Inklusion an den Regelschulen ist auf diese Kinder nicht ausreichend eingestellt. Deshalb können sie das System Schule auch so leicht sprengen.

"Ohne ein Förderzentrum geht es nicht"

Ein buntes Namensschild der Schule an der Fritz-Gansberg-Straße
Förderzentren leisten einen wichtigen Beitrag zur Inklusion verhaltensauffälliger Kinder. Bild: Radio Bremen

Der Zentralelternbeirat Bremen ist überzeugt, dass es dauerhaft ein solches Förderzentrum geben muss: "Es ist erforderlich, Kinder zeitweise in einer Durchgangsschule separieren zu können, um sie vor sich selbst zu schützen und einen ungestörten Unterricht in ihren Herkunftsklassen zu ermöglichen." Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück glaubt, dass das Förderzentrum noch mindestens zehn Jahre gebraucht werde. In dieser Zeit müssten Konzepte entwickelt werden, welche Schulformen für diese Kinder geeignet sind. In den vergangenen Jahren sei hier zu wenig passiert, kritisiert er. SPD-Fraktionschef Mustafa Güngör sieht, dass es offenbar einen besonderen Förderbedarf für diese Kinder gibt. Die Warteliste für diese Einrichtung sei lang. Jetzt müsse genau geprüft werden, ob das Förderzentrum noch über 2024 hinaus bestehen bleiben müsse. Christopher Hupe von den Grünen fordert, dass alle Parteien gemeinsam jetzt darüber diskutieren, ob und wie Inklusion für diese Kinder Sinn machen kann.

Erste Überlegungen, wie es weitergehen kann

Förderschulleiter Hartwig hat einen Traum. Ideal wäre es, meint er, wenn es für diese vielleicht 40 bis 50 extrem verhaltensauffälligen Kinder und Jugendliche in Bremen gleich mehrere, kleine Förderzentren auf dem Gelände von  Regelschulen gebe: "So wären die Kinder raus aus dem Rauschen und Trubel einer großen Schule und hätten einen geschützten Raum für sich. Zugleich könnte es aber Kontakt zu den Schülern der Regelschule geben." So könnte der Wechsel zurück in die Regelschule leichter werden. Gleichzeitig müssten Eltern, Therapeuten, Jugend- und Familienhilfe viel enger zusammenarbeiten. "Alle müssen an einen Tisch und an einem Strang ziehen", fordert er. Das ist wichtig, denn: "Die Kinder und Jugendlichen sind grandios darin, die Systeme gegeneinander auszuspielen. Unsere Aufgabe ist, das Spiel nicht mitzuspielen."

Inklusion durch soziales Training

Aber auch an den Regelschulen selbst müsse mehr für die bereits dort auffällig werdenden Kinder getan werden. Erste Ansätze gibt es. Seit etwa einem Jahr haben einige Schulen in Bremen sogenannte temporäre Lerngruppen eingerichtet. Neben dem Unterricht lernen die Kinder drei Stunden am Tag, ihre Gefühle und ihr Verhalten in den Griff zu bekommen.

Als es bei Sebastian Klick machte

Der 17-jährige Sebastian hat es geschafft. Vor etwa einem Jahr habe es bei ihm Klick gemacht, als er ein Praktikum in einer Tischlerei machte, erzählt er stolz. Das Tischlern mit Holz sei sein Ding. Seitdem hat er seine Wut, über das Leben und alles was ihm zugestoßen ist, besser im Griff, weil er es will, berichten seine Lehrer. Er ist jetzt auf einer Berufsschule und muss vieles nachholen: Rechtschreibung, Mathematik – sonst werde es mit der Ausbildung schwierig, habe der Meister der Tischlerei zu ihm gesagt. Sebastian nimmt diese Ansage ernst und ist ehrgeizig geworden. Seine ehemaligen Lehrerinnen und Lehrer an der Fritz-Gansberg-Schule kommt er zwischendurch immer noch besuchen. Er ist ihnen dankbar für ihre jahrelange Geduld mit ihm. Jan dagegen hat noch viel Wut im Bauch. Er wird wohl noch einige Zeit am Förderzentrum bleiben.

Wie geht es mit der Bremer Fritz-Gansberg-Förderschule weiter?

Video vom 28. Januar 2020
Ein Bild der Fassade der Fitz-Gansberg-Förderschule.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 28. Februar 2020, 23:30 Uhr