Kommentar

"Ich hätte es nicht besser treffen können"

Großgeworden im Pleitestaat, schlecht gebildet noch dazu: Bremer werden oft abgestempelt. Doch gerade die Probleme haben unsere Autorin auf gute Art geprägt.

Die Bremer Innenstadt aus der Luft gesehen, davor bilden zwei Hände ein Herz, durch das man die Domtürme sieht.
Bremer wissen, was sie an ihrer Heimat haben.

Es ist nicht leicht, Bremerin zu sein. Diese Erfahrung machte ich zum ersten Mal im Jahr 2002, als ich zum Studieren meine Heimatstadt verließ. Mit meinem Bremer Abitur wurde ich überall schräg angesehen, alle schienen sich zu wundern, dass ich neben dem aufrechten Gang auch noch lesen, schreiben und leidlich rechnen erlernt hatte. (Zu letzterem haben nur teilweise meine Mathelehrer beigetragen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.)

Bremen ist schöner als sein Ruf

Es wurde nicht gerade besser, als ich später aus beruflichen Gründen nach Baden-Württemberg zog. Dort versetzte man meine Heimatstadt kurzerhand direkt an die Nordsee, um sich danach ebenfalls über meine Schulbildung lustig zu machen. Es ist ja auch alles kein Wunder, denn in die überregionalen Nachrichten schafft es Bremen nur, wenn es um Arbeitslosenzahlen, den Länderfinanzausgleich oder Firmenpleiten geht. Die meisten Menschen sind daher ganz verwundert, wenn sie zum ersten Mal das Glück haben, meine Heimatstadt besuchen zu dürfen. "Bremen ist ja doch ganz hübsch", sagen sie dann und wirken dabei ehrlich überrascht, dass es sogar in Bremen schöne Ecken gibt.

Was soll ich dazu sagen? Bremen ist meine etwas zerbeulte, aber grundsympathische Heimat. Hier wird der bodenständige Fußball gespielt, hier gibt es mit dem "Eisen" die beste Kneipe Deutschlands und meine Mutter muss mir bis heute Käse vom Käsewagen auf dem Wochenmarkt mitbringen, weil ich bisher nirgendwo besseren Gruyére gefunden habe. Es ist hier wirklich nicht alles schön, aber dafür ehrlich.

"Ich glaube heute, ich hätte es nicht besser treffen können"

Bremen hatte es schon in meiner Kindheit nicht leicht. Als ich 14 Jahre alt war, löste man den Bremer Vulkan auf – ein Umstand, von dem sich Bremen-Nord bis heute nicht wirklich erholt hat. Die Arbeitslosigkeit schnellte in einem Jahr um viele Prozent nach oben, fast jeder kannte eine Familie, die von der Werftpleite betroffen war. Meine Gesamtschule war schon in den 1990er Jahren von Graffitis übersät, ständig war irgendetwas kaputt und auf dem Schulhof wurden viele verschiedene Sprachen gesprochen. Ich glaube heute, ich hätte es nicht besser treffen können.

Nicht, weil ich es gut finde, wenn Schüler in schlecht ausgestattete Schulen gehen müssen, sondern, weil mich das alles Demut gelehrt hat. In einer Stadt aufzuwachsen, in der vieles nicht so richtig funktioniert, in der man keine Probleme suchen muss, sondern damit beschäftigt ist, welche zu lösen, machte mich pragmatisch. Bremen stand schon in meiner Jugend für Multikulti – so bin ich aufgewachsen, ich möchte es nicht missen.

Bremen bleibt Zuhause

Auch wenn ich mittlerweile schon seit Jahren nicht mehr in Bremen wohne, fühle ich mich dort sehr verwurzelt und fahre immer wieder gerne hin – sei es, um Werder bei einem Heimspiel anzufeuern oder im Knoops Park mit meinen Eltern spazierenzugehen. Und je älter ich werde, desto zerbeulter bin ich selbst – man könnte sagen, Bremen und ich, wir nähern uns immer mehr an. Und jedes Mal, wenn ich auf dem dreckigen Bahnhofsvorplatz stehe und mir ein Los der Bürgerparktombola kaufe, überkommt mich das akute Gefühl von Zuhause sein.

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  • Eva Horn

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. August 2018, 19:30 Uhr