Rutschen gerade hunderte Handwerker in Bremen in die Schwarzarbeit?

Betriebe ohne Meisterbrief könnten demnächst die Zulassung verlieren, weil ihr Bestandsschutz ausläuft. Das Problem: Viele wissen das gar nicht, befürchtet die Handwerkskammer.

Fliesenleger bei der Arbeit.
Gerade vielen Fliesenlegern sei nicht bewusst, dass sie sich schleunigst in die Handwerksrolle eintragen müssten, glaubt man in der Handwerkskammer Bremen. Bild: Imago | Margit Wild

Gut möglich, dass nach dem 15. Februar mehrere hundert Handwerksbetriebe im Land Bremen ohne Arbeitserlaubnis dastehen werden. Das zumindest glaubt Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen. "Den größten Anteil werden die Fliesenleger ausmachen", fügt er hinzu.

Im Februar 2020 hat der Bund für zwölf Handwerke die 2004 abgeschaffte Meisterpflicht wieder eingeführt, darunter etwa für Fliesenleger und Raumausstatter. Betriebe, die Leistungen aus einem dieser Gewerke anbieten, müssen nun zwingend in der Handwerksrolle eingetragen sein. Sind sie es nicht, arbeiten sie ohne Zulassung und somit schwarz. Die Handwerksrolle ist ein Verzeichnis für Handwerke, die unbedingt fachgerecht ausgeübt werden müssen, damit niemand in der Folge gefährdet wird.

Noch bis Mitte Februar dürfen sich auch solche Betriebe aus den betreffenden zwölf Gewerken in die Rolle eintragen, die keinen Meisterbrief vorweisen können. Der Bund räumt ihnen Bestandsschutz ein. Mit dem 15. Februar aber endet die Übergangsfrist. Danach soll der Eintrag in die Handwerksrolle nur noch mit Meisterbrief möglich sein.

Fachgeschäfte im Visier

Mann mittleren Alters lächelt in Kamera
Glaubt, dass gerade viele Bremer Handwerker in die Schwarzarbeit rutschen: Handwerkskammer-Haupteschäftsführer Andreas Meyer. Bild: Handwerkskammer Bremen

"Ich fürchte nur, dass das vielen gar nicht klar ist", sagt Handwerkskammer-Geschäftsführer Andreas Meyer dazu. Er denkt dabei insbesondere an Fachgeschäfte und kleinere Baumärkte, die handwerkliche Dienstleistungen gern im Verbund mit dem Verkauf der Ware anböten, etwa das Verlegen von Fußböden. Solche Unternehmen seien oftmals ausschließlich bei der Handelskammer eingetragen, nicht aber bei der Handwerkskammer, wo sie nun ebenfalls Mitglied werden müssten. Die Kosten hierfür lägen, je nach Größe eines Unternehmens, bei wenigen hundert Euro pro Jahr.

Gäbe es eine Liste mit allen, die von der neuen Regelung betroffen sind, so hätte die Handwerkskammer Bremen diese Betriebe längst gezielt informiert, versichert Meyer. "Doch wer bei uns nicht gemeldet ist, dessen Kontaktdaten haben wir auch nicht."

Dank der Hilfe der Handelskammer habe die Handwerkskammer schließlich dennoch eine Reihe von Betrieben im Land Bremen ausfindig gemacht, die möglicherweise von der Gesetzesnovelle betroffen sein könnten, sich aber noch nicht bei der Handwerkskammer gemeldet hätten. "126 Betriebe haben wir angeschrieben", sagt Meyer. Er geht jedoch davon aus, dass die wahre Zahl der betroffenen Unternehmen im Land Bremen viel größer ist.

Wenn jemand nur "Fliesenhandel" als Tätigkeit angegeben hat – woher sollen wir dann wissen, ob er vielleicht auch Fliesen verlegt?

Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen

Zwar haben nicht nur Fachzeitschriften, sondern auch Massenmedien immer wieder ausführlich über die Rückvermeisterung im Handwerk berichtet. Dennoch glaubt nicht nur Andreas Meyer, dass gerade viele kleinere Betriebe nicht wissen, was die Gesetzesnovelle für Konsequenzen hat. So sagt Fliesenlegermeister Rainer Plath aus Bremerhaven: "Davon sind gut und gern 60 Prozent aller Fliesenlegerbetriebe betroffen. Und die denken alle, dass sie den Bestandsschutz schon für ewig haben."

Rückkehr zur Meisterpflicht wird positiv bewertet

Plath ist öffentlich bestellter Sachverständiger bei der Handwerkskammer Bremen. Er glaubt, dass etliche Fliesenleger die Frist versäumen und folglich demnächst schwarz arbeiten werden. Zumal es unwahrscheinlich sei, dass sich die Kollegen untereinander warnen. "Der Fliesenleger-Beruf ist auch von Neid um gute Aufträge geprägt", sagt Plath: "Da erzählt man sich nicht alles weiter."

Plaths Kollege Wolfgang Nolte aus Bremen schätzt die Lage ähnlich ein: "Da werden ganz viele erst merken, was los ist, wenn sie plötzlich Post kriegen", sagt er. Allerdings dürfe man bei allem Mitleid mit den Betroffenen nicht vergessen, dass die Rückkehr zur Meisterpflicht gerade für die Fliesenleger ein Segen sei. Viele ungelernte Solounternehmer aus seiner Branche hätten mit häufig miserabler Arbeit dem Ruf der Zunft schwer geschadet und zugleich die Preise kaputt gemacht, sagt Nolte.

Meisterpflicht soll junge Menschen fürs Handwerk begeistern

Restaurierung eines Polstersofas durch einen Raumausstatter.
Das Restaurieren eines Sofas will gelernt sein, sagt die Handwerkskammer. Bild: Imago | Joker/Petra Steuer

Nicht nur die Fliesenleger aus der Handwerkskammer Bremen zeigen sich glücklich darüber, dass es die Meisterpflicht in ihrer Zunft nun wieder gilt. Petra Graffstedt, elf Jahre öffentlich bestellte Sachverständige für das Parkettlegerhandwerk und das Bodenlegergewerbe in Bremen, spricht von einem "Segen". Die Abkehr von der Meisterpflicht habe der Ausbildung in den betroffenen Gewerken massiv geschadet und einen Rückgang mittelständischer Betriebe zugunsten schlecht ausgebildeter Soloselbstständiger nach sich gezogen.

"Der Meister war früher das, was für Akademiker der Doktor ist", sagt Graffstedt. Um wieder mehr begabte junge Menschen für das Handwerk zu begeistern, sei die Meisterpflicht "enorm wichtig".

Raumausstattermeister Matthias Schröter aus Bremerhaven betont, dass der Meistertitel auch für das Selbstverständnis seines Gewerks eine große Rolle spiele. Man habe lange gebraucht, um ab den sechziger Jahren den Begriff "Raumausstatter" zu etablieren. "Dass sich dann nach 2004 auf einmal jeder so nennen durfte, hat uns ganz schön zurückgeworfen", sagt er.

Schwarzarbeit bereits verbreitetes Problem im Handwerk

Seine Kollegin Martina Komoß, Obermeisterin der Raumausstatter- und Sattler-Innung Bremen, kann ihm nur beipflichten. Gerade mit selbsterklärten Polsterern, die "überhaupt keine Ahnung" hätten und für viel Geld indiskutable Arbeit leisteten, habe die Innung leidige Erfahrungen gesammelt. Komoß hofft, dass sich die Lage nun durch die Rückkehr zur Meisterpflicht bessert, sagt aber auch: "Das kann ein bisschen dauern."

Davon unberührt ist aus Komoß Sicht noch offen, ob nach dem 15. Februar tatsächlich mehrere hundert Bremer Handwerksbetriebe ihre Zulassung verlieren werden. Ihr Kollege Matthias Schröter sagt sogar: "Ich glaube nicht, dass da viel passieren wird." Es gebe auch heute schon viele Handwerker im Land Bremen, die widerrechtlich ohne Zulassung tätig seien, ohne dafür abgestraft zu werden. Schwarzarbeit sei ein verbreitetes Problem im Handwerk. Daran werde auch die Rückkehr zur Meisterpflicht nichts ändern. Viele seiner Kollegen äußern sich ähnlich.

Bremer Handwerk hofft noch auf viele Bewerber

Video vom 3. August 2020
Importiertes BildaBasem Khan von der Handwerkskammer Bremen im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 28. Januar 2020, 23:30 Uhr