Eine Woche Corona-Warn-App: Was Bremer von der Software halten

"Übertrieben", "total wichtig", "ein Kompromiss": Die Corona-Warn-App ruft in Bremen bislang ein gespaltenes Echo hervor. Dabei sehen Fachleute vor allem die Vorzüge.

Video vom 23. Juni 2020
Das Corona App Logo steht auf dem Bremer Marktplatz, im Hintergrund das Bremer Rathaus.

Ein wenig erinnere ihn die aktuelle Diskussion um die Corona-Warn-App an die Debatten um Masken, wie sie in Bremen insbesondere im März und April geführt worden seien, sagt Andreas Dotzauer, Virologe an der Uni Bremen. Denn auch der Sinn der Masken sei immer wieder mit dem Argument infrage gestellt worden, dass, wer eine Maske trage, "nur" andere schütze, aber nicht sich selbst. Dabei sei völlig klar: Je mehr Menschen eine Maske trügen, desto besser sei auch der Einzelne geschützt.

Bei der App ist es das Gleiche: Je mehr Leute die App nutzen, desto wertvoller wird sie für den Einzelnen.

Andreas Dotzauer
Andreas Dotzauer, Virologe der Uni Bremen

Aus genau diesem Grund hat Dotzauer die App auf sein Handy geladen. Wie viele Menschen ihm das im Land Bremen in den letzten sieben Tagen gleichgetan haben, darüber kann das Gesundheitsressort noch keine Angaben machen. Laut Robert-Koch-Institut haben sich bis zum gestrigen Mittag bereits fast 12 Millionen Nutzer bundesweit die App auf ihren Smartphones installiert.

App hilfreich, aber nicht perfekt

Dotzauer lobt, dass die App die Gesundheitsämter bei ihrer Arbeit unterstütze. Restlos überzeugt aber ist der Bremer Virologe nicht von der Software aus dem Robert-Koch-Institut: "Es handelt sich um einen Kompromiss, um ein grobes Instrument."

So registriere die App eine eventuell infizierte Person erst dann, wenn man sich 15 Minuten oder länger in ihrer Nähe aufgehalten habe. "Wenn Sie aber mit einem Infizierten kurz die Köpfe zusammenstecken, können Sie sich auch innerhalb weniger Sekunden anstecken", gibt Dotzauer zu bedenken.

Zudem erfasse die Corona-Warn-App nur den Abstand zur infizierten Person, nicht aber, ob sich dazwischen beispielsweise eine Plexiglasscheibe befindet. Auch dies, so Dotzauer, könne zu Fehlinformationen führen. Generell stellt der Virologe fest: "Die App schützt vor keiner Infektion, sondern sagt nur: 'Du bist vielleicht schon infiziert.'"

Trotz all dieser Kritikpunkte legt der Wissenschaftler aber Wert auf die Feststellung, dass er die Corona-Warn-App gerade in Hinblick auf weitere Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen für eine Bereicherung im Kampf gegen die Pandemie hält.

"Die App lebt vom Vertrauen der Menschen"

Imke Sommer im Interview
Bremens Datenschützerin Imke Sommer hält nichts davon, Menschen zu der App-Nutzung zu überreden oder gar dazu zu zwingen.

Wie der Virologe, so hält auch Bremens Landesdatenschutzbeauftragte Imke Sommer die Corona-Warn-App für "solide": "Der Datenschutz ist ausreichend", sagt Sommer. Wichtig sei aus datenschutzrechtlicher Sicht allerdings, dass jeder frei entscheiden könne, ob der die App haben wolle oder nicht.

"Die App lebt vom Vertrauen der Menschen", stellt Sommer klar. Entsprechend könne auch jeder, der die Software nicht installieren wolle, gute Gründe dafür haben und dürfe nicht dazu genötigt werden, sich zu rechtfertigen. "Es geht auch nicht, dass ein Chef seinen Untergebenen unaufgefordert den Link zur App schickt", sagt Sommer.

Von dieser datenschutzrechtlichen Einschätzung unberührt stellt sie allerdings klar: "Jede Person, die die App installiert, hilft. Je mehr es sind, desto besser." Schließlich gelte es, Corona-Infektionsketten so früh wie möglich zu entdecken und die Pandemie auf diese Weise in den Griff zu bekommen.

"Wenn niemand das macht, dann funktioniert es nicht"

Dunkelhaarige Frau, um die 20, lächelt vor Bremischer Bürgerschaft in die Kamera
Osha Frost hat die Corona-Warn-App ihren Eltern zuliebe installiert.

Diese Einschätzung der Bremer Datenschützerin teilt auch offenbar die Bremerin Osha Frost. "Wenn niemand das macht, dann funktioniert es halt auch nicht, dann kommt das Projekt nicht voran." Und ergänzt: "Ich habe die App meinen Eltern zuliebe installiert. Es beruhigt sie, weil ich mehr unterwegs bin als sie."

Dunkelhaarige Frau, Mitte 20, mit Smartphone auf dem Domshof
Muss erst Updates auf ihrem Handy installieren, ehe sie die Corona-Warn-App aufspielen kann: Anuja.

Auch Anuja hätte die App bereits heruntergeladen, wäre sie mit ihrem Smartphone nicht an technische Grenzen gestoßen: Sie müsse zunächst ein paar Updates installieren, andernfalls klappe es nicht. Grundsätzlich ist Anuja von der App überzeugt: "Viele Leute gehen jetzt bei dem schönen Wetter raus und treffen sich, glauben, dass wir Corona unter Kontrolle hätten. Da bin ich mir aber nicht so sicher", sagt sie. Die Corona-App könne dabei helfen, die Pandemie in diesem Stadium der Öffnung zu kontrollieren.

Junger blonder Mann mit Bundeswehr-Polo-Shirt lächelt vor Bremer Rathaus in die Kamera
Lehnert Luis ist noch zögerlich hinsichtlich der neuen Warn-App.

Zwar möchte auch Lehnert Luis die App auf seinem Smartphone installieren, räumt aber ein, dass er es nicht eilig damit hat: "Ich habe die App noch nicht, weil ich keinen WLAN-Empfang habe. Ich wollte kein Datenvolumen dafür hergeben", sagt er. Grundsätzlich halte er die App aber für eine gute Sache, werde sie noch installieren, sofern er daran denke, wenn er gerade Empfang habe.

"App schürt Angst und Misstrauen"

Blonde Frau, Mitte/Ende 30, mit Sonnenbrille auf den Haaren lächelt vor Bremischer Bürgerschaft mit fliegenden Haaren in die Kamera
Steffi Philipp befürchtet negative Folgen.

Wer dieser Tage Bremerinnen und Bremer sowie Gäste des Zwei-Städte-Staats in der Fußgängerzone anspricht, hört auch kritische Stimmen zur Corona-Warn-App. Steffi Philipp aus Mittelfranken etwa sagt: "Ich halte nichts von der App, weil sie Angst und Misstrauen schürt."

Man müsse aufpassen, dass die Corona-Schutzmaßnahmen nicht am Ende mehr Schaden verursachen, als dass sie helfen, sagt Philipp und fügt hinzu: "Ich finde das langsam übertrieben."

Virtuelle Diskussion zur App

Eine Woche nach ihrer Einführung ist die Warn-App heute Thema einer Veranstaltung an der Hochschule Bremen. Die lädt für den heutigen Dienstag ab 11.30 Uhr zum Experten-Talk über die Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts ein. Es diskutieren Evren Eren, Professor für IT-Sicherheitsarchitekturen der Hochschule Bremen, Andreas Dotzauer, Virologe der Universität Bremen und Imke Sommer, Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit der Freien Hansestadt Bremen. Und wie es in Coronazeiten fast schon üblich ist: Die Diskussion wird live im Internet übertragen und es gibt die Möglichkeit, über einen Chat Fragen an die Teilnehmer zu stellen.

Das müssen Sie über die neue Corona-Warn-App wissen

Video vom 16. Juni 2020
Sebastian Manz mitten in der Bremer Innenstadt am Handy, um ihn herum mehrere Menschen.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 23. Juni 2020, 6:10 Uhr