Neue Corona-Lockerungen: Feiern ja, normaler Kinderalltag nein?

Privatpartys sind in Bremen ab dem 1. Juni unter bestimmten Regeln wieder möglich. Gleichzeitig laufen Kitas und Schule auf Sparflamme. Wie passt das zusammen?

Gäste einer Gartenparty stoßen an (Symbolbild)
Partys und Feiern sind ab dem 1. Juni 2020 unter Auflagen wieder möglich – wenn man sich nicht zu nah kommt. Bild: Imago | Greatstock

Ab dem 1. Juni 2020 sollen sie in Bremen und Bremerhaven wieder möglich sein: Feiern, Feste oder andere Zusammenkünfte im privaten Bereich. Finden sie in einem geschlossenen Raum statt, sind bis zu 20 Personen erlaubt, draußen bis zu 50. Voraussetzung dafür: alle geltenden Corona-Regeln rund um Abstand und Hygiene werden eingehalten. Bereitliegen muss außerdem ein entsprechendes Konzept – falls das Ordnungsamt an der Tür klingelt. Angesichts der nur zaghaften Lockerungen in Bremer Kitas und Schulen, stieß diese Ankündigung von Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) in den Sozialen Medien auf jede Menge Unverständnis. Auf Instagram, Twitter und Facebook machten Bremerinnen und Bremer ihrem Ärger Luft.

Wir dürfen uns also mit 20 oder 50 Personen treffen? Mit Hygienekonzept? Aber meine Kinder dürfen immer noch nicht in die Schule oder den Kindergarten? In der Klasse sind sie 18 Kinder und immer die selben Kinder. Wir könnten aber jeden Tag zu einem Treffen gehen mit unterschiedlichen Personen? Die Logik erschließt sich mir nicht. Das ist das erste mal das ich mich über eine Lockerung wirklich ärgere.

Melanie Krämer auf Facebook

Sehr geehrte Frau @claudiabogedan , sehr geehrter Herr @andreasbovenschulte
Es werden private Feiern mit bis zu 50 Personen erlaubt und ich muss meinem weinenden Kind erklären, dass es nicht in den Kindergarten darf, in einer Gruppe von nicht mal 20 Kindern. Und wir sind nicht alleine. Viele Kinder leiden erheblich darunter. Ich kann in keinster Weise mehr verstehen, wieso die Politik sich so positioniert. Wie kann man so etwas von den Kleinsten und Schwächsten in unserer Mitte verlangen und gleichzeitig Erwachsenen immer mehr Freiheiten zugestehen.

stefan_teschke auf Instagram

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Die Bremer Soziologin Sonja Bastin machte ihr Unverständnis für die angekündigten Lockerungen via Twitter publik. Bastin forscht an der Universität Bremen zu Themen wie Familie, Beruf und soziale Ungleichheit. Die angekündigten Lockerungen bewertet die Familiensoziologin und dreifache Mutter kritisch. Dass an Schulen und Kitas die Hygieneregeln nicht eingehalten werden können, sei teilweise einleuchtend. Alles andere als einleuchtend sei jedoch die Annahme, dass die Hygieneregeln auf Feiern mit 20 oder mehr Menschen eingehalten werden.

Die Politik nimmt hier neue Infektionsherde in Kauf zu einem Zeitpunkt, zu dem noch lange nicht alle Kinder wieder in den Schulen und Kitas sind. Zu einem Zeitpunkt, zu dem nicht für alle Kinder die essentielle Bildungs- und Gesellschaftsteilhabe gewährleistet ist. Und zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Eltern – und damit auch Kinder – schon seit so langer Zeit Entlastung brauchen.

Sonja Bastin, Soziologin an der Universität Bremen

Angst vor Superspreadern

Menschen auf einer Party
Bilder vergangener Tage: Partys, wie diese, sind auch ab dem 1. Juni 2020 erstmal nicht erlaubt. Bild: Radio Bremen

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer differenziert bei der Bewertung der neuen Lockerungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Sollten alle Gäste einer Party die geltenden Regeln rund um Corona befolgen, also genügend Abstand halten und eventuell sogar einen Mund-Nase-Schutz tragen, spräche grundsätzlich nichts gegen solche Privatveranstaltungen. Während die Politik offenbar auch auf die Vernunft der Bremerinnen und Bremer setzt, bewertet Dotzauer diese Herangehensweise als blauäugig. "Wer will das kontrollieren? Wir wissen alle, wie die Deutschen feiern können", mahnt der Virologe. Er befürchte außerdem, dass es auf solchen Privatfeiern immer wieder sogenannte Superspreader geben werde, also Personen daran teilnehmen, die das Virus an besonders viele Menschen weitergeben.

Eine echte Motivation für die Lockerungen im privaten Bereich könne er nicht erkennen, so Dotzauer weiter. Anders sei das bei der Öffnung von Kitas und Schulen, bei der auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Gründe eine Rolle spielten. Dennoch warnt der Virologe vor weiteren großflächigen Lockerungen in Kitas und Schulen. "Nicht unter dem aktuellen Wissensstand, dafür sind noch zu viele Dinge rund um das Virus und seine Gefahren ungeklärt", sagt Dotzauer. Kinder seien beim Spielen in ihrer eigenen Welt, entsprechende Abstandsregeln seien deswegen kaum einzuhalten.

Echte Partys nicht möglich

Bezüglich der Teilnehmerzahl bei privaten und öffentlichen Veranstaltungen weist die Bremer Innenbehörde darauf hin, dass 20 beziehungsweise 50 Personen nur eine theoretische Obergrenze seien.

Die wenigsten Bremerinnen und Bremer haben ein Wohnzimmer, in dem 20 Menschen mit 1,5 Metern Abstand untergebracht werden können. Und das, was man gemeinhin als Party bezeichnet, ist schon deswegen ausgeschlossen, weil der physische Abstand natürlich durchweg eingehalten werden muss – und nicht nur die meiste Zeit.

Bremer Innenbehörde

Begründungen immer schwieriger

Angesichts der Lockerungen beispielsweise in den Bereichen Einzelhandel, Gastronomie oder Sport geriet die Bremer Innenbehörde nach eigener Aussage in Sachen privater und öffentlicher Veranstaltungen immer mehr in Erklärungsnot. "Daher ist es zunehmend schwerer zu begründen, warum private und öffentliche Veranstaltungen bei Einhaltung der Hygieneregeln und der Abstandsregeln weiterhin nur für Menschen aus maximal zwei Haushalten erlaubt sein sollen. Dabei spielt es auch eine Rolle, dass solche Veranstaltungen selbst auch grundrechtlich geschützt sind", sagt eine Sprecherin.

Der Senat habe auch beschlossen, den Schul- und Kita-Betrieb in nächster Zeit schrittweise wieder hochzufahren. In Schulräumen sei jedoch ein normaler Betrieb meist nicht möglich, weil bei voller Belegung der Klassen der Mindestabstand nicht eingehalten werden könne.

Auch in den Kitas sieht die Behörde die Abstandsregeln nur schwer umzusetzen. "Hier kann der Abstand möglicherweise theoretisch eingehalten werden, jüngere Kinder werden dies aber nicht verlässlich tun. Sie werden gefüttert, getröstet, sie spielen mit ihren Freundinnen und Freunden, streiten und versöhnen sich – das alles vermutlich oft oder meist ohne Mindestabstand." Bremer Eltern und Kinder werden bezüglich der Lockerungen für Kitas- und Schulen also weiterhin mit kleinen Schritten vorlieb nehmen müssen – auch wenn viele das wohl nur zähneknirschend hinnehmen werden.

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Mai 2020, 19:30 Uhr