Bremer Wissenschaftler warnen vor Corona-Infizierten ohne Symptome

Sie fühlen sich nicht krank, übertragen das Virus aber trotzdem: Symptomlos Infizierte sind eine große Gefahr, sagen Bremer Wissenschaftler – und fordern mehr Tests.

Video vom 3. Februar 2021
Eine Ärztin im Schutzanzug blickt kritisch auf eine Probe in ihren Händen.
Bild: Reuters | Matthias Rietschel
Bild: Reuters | Matthias Rietschel

Das positive Testergebnis des Mannes habe sie damals, Anfang letzten Jahres, "sehr überrascht", sagt die Ärztin Camilla Rothe vom Universitätsklinikum München. Zum einen sei Deutschlands erster offiziell bekannter Corona-Patient gar nicht schwer krank gewesen. Zum anderen habe jene Kollegin in China, bei der er sich offenbar angesteckt hatte, überhaupt gar keine Symptome gezeigt. Damit sei klar gewesen, dass Covid-19 nur bedingt mit dem bis dahin bekannten SARS-Virus vergleichbar wäre. Die Entdeckung, dass das neue Coronavirus auch von Menschen übertragen wird, die sich vollkommen gesund fühlen, sei "wegweisend für das pandemische Potential" von Covid-19 gewesen, so Rothe im Südwest-Rundfunk.

Mit dieser Einschätzung nach einem Jahr Corona in Deutschland liegt die Ärztin aus München auf einer Linie mit dem Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb. Auch er führt die rasante Verbreitung des Virus insbesondere darauf zurück, dass viele Infizierte gar nichts von ihrer Infektion merken. Zeeb verweist auf verschiedene Untersuchungen, nach denen rund 20 Prozent der Infizierten zu keiner Zeit Krankheitsanzeichen verspüren. Das Problem dabei sei: "Wer nichts weiß, verteilt das Virus auch bei vielleicht geringer Virenlast weiter."

Alarmierende Studie aus Atlanta

Eine Reihe Corona-Schnelltests auf einem Tisch.
Reihentests in Schulen und Kitas sind aus Sicht des Epidemiologen Hajo Zeeb unverzichtbar. Bild: Reuters | Susana Vera

Einer kürzlich vorgestellten Studie des US Centers for Disease Control and Prevention aus Atlanta zufolge gehen sogar fast 60 Prozent aller Infektionen mit Covid-19 auf Ansteckungen mit Personen zurück, die keine Symptome verspürt haben. Wobei in diese Rechnung der Forscher aus Atlanta auch solche Personen einfließen, die das Virus übertragen haben, bevor bei ihnen Symptome auftraten. Das Robert Koch-Institut spricht hier von dem "präsymptomatischen Stadium" der Infektion. Viele Ansteckungen seien auf diese Zeitspanne, die meist ein bis zwei Tage betrage, zurückzuführen. Wie viele es genau sind, wisse man allerdings nicht.

Doch auch ohne die genauen Zahlen ist für Zeeb klar: "Asymptomatisch Infizierte sind ein Motor der Pandemie. Wir müssen mehr von ihnen schneller finden." Zu diesem Zweck sei es wichtig, die Corona-Testungen weiter auszubauen, auch an Kindergärten und Schulen. Denn junge Menschen, vor allem junge Erwachsene, blieben offenbar besonders häufig frei von Symptomen. Umso wichtiger sei es, ihre Infektion frühzeitig zu erkennen, damit sie sich umgehend in Quarantäne begeben könnten statt das Virus zu verbreiten.

Zeeb hofft auf Test für zuhause

In diesem Zusammenhang begrüßt Zeeb ausdrücklich, dass es demnächst auch Corona-Tests für zuhause in den Apotheken geben wird: "Das sollten wir vorantreiben", findet der Epidemiologe. Zwar könne es bei einigen Selbsttests möglicherweise zu fehlerhaften Ergebnissen kommen. Doch lasse sich hier mit guten Anleitungen gegensteuern.

Wie der Epidemiologe Hajo Zeeb, so sieht auch der Bremer Virologe Andreas Dotzauer in zusätzlichen Corona-Tests das Mittel der Wahl, um schneller mehr symptomfrei Infizierte zu finden. Dabei sei Eile geboten, sagt der Wissenschaftler mit Hinblick auf die neuen Mutationen des Virus, die sich nach und nach in Deutschland verbreiteten.

Symptomlos Infizierte mit diesen Mutationen sind besonders gefährlich. Sie verbreiten das Virus ungebremst, unterm Radar.

Virologe Andreas Dotzauer

Begrenzte Testkapazitäten

Zwar hat man auch im Bremer Gesundheitsressort die Gefahr, die von symptomlos Infizierten ausgeht, längst erkannt, versichert Ressort-Sprecher Lukas Fuhrmann. Auch habe man vor, die Testungen auszuweiten. "Dennoch werden die Kapazitäten begrenzt bleiben", so der Sprecher. Um jedoch auch Infizierte ohne Anzeichen einer Krankheit zu finden, müsste man anlasslos testen. Das sei derzeit kaum möglich.

Dennoch sieht Fuhrmann Bremen auf einem guten Weg, um mehr symptomlos Infizierte frühzeitig ausfindig zu machen: "Wir können die meisten Kontakte wieder nachverfolgen", sagt er. Und je schneller man die Infizierten auf diese Weise finde und in Quarantäne schicke, desto weniger Menschen könnten sich anstecken.

Zwar zeigen sich auch Hajo Zeeb und Andreas Dotzauer überzeugt davon, dass eine gute Kontaktverfolgung wesentlich zum Eindämmen der Pandemie beitragen kann. Dennoch mahnen sie weiter zur Vorsicht. Man solle die aktuell in Bremen vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen als Ansporn zum Durchhalten begreifen und nicht als Zeichen dafür, dass man nachlassen könne, so Zeeb. Es sei noch ein weiter Weg bis zur Herdenimmunität in der Bevölkerung – und damit auch bis zum sicheren Schutz vor Ansteckungen durch symptomlos Infizierte.

Wie geht es den Bremern nach einem Jahr Corona-Pandemie?

Video vom 27. Januar 2021
Eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes steht in der Bremer Innenstadt und wird interviewt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. Februar 2021, 19.30 Uhr